Presseschau vom 12.09.2002
Die Gedenkfeiern der Ereignisse des 11. 9. 2001 sind das Hauptthema der Schweizer Presse am 366. Tag danach.
Ein weiteres Thema: Der Bundesrat will strenge Auflagen für Gentests.
Der CORRIERE DEL TICINO bringt die Gedenk-Feiern in den USA auf den Punkt: «11/9: il mondo unito nel ricordo».
Angenehm überrascht hört sich der TAGES ANZEIGER-Korrespondent an:
«Ein Jahr nach dem Angriff auf Amerika fehlte weitgehend jene harsche Rhetorik, die nach den Attentaten für politische Irritationen gesorgt hatte. All das Gerede von Gut oder Böse, mit uns oder gegen uns, tot oder lebendig.»
Und weiter: «George W. Bush zeigte sich so demütig, wie er es vor seiner Wahl versprochen hatte.»
Das TAGI-Fazit: «So haben die Anschläge vor einem Jahr Amerika wohl nachhaltiger getroffen, als viele zunächst glauben wollten. Die Amerikaner hätten am 11. 9. ihre Unschuld verloren, hiess es vor einem Jahr. Nein, Amerika hat seine Naivität verloren.»
Auch der Berner BUND anerkennt die Schlichtheit der Feiern in den USA:
«Es waren würdige Feiern, während derer der in den USA manchmal so üppig zelebrierte Patriotismus die Tragik des Geschehens, die Erinnerung an die Toten, nicht in den Hintergrund drängte.»
Vor dem 11. 9. 2001 fühlten sich die US-Bürger auf ihrem Territorium sicher. Der BUND befürchtet:
«Diesen erschütterten Glauben an die Unverletzlichkeit will die Supermacht USA möglicherweise mit einem Krieg gegen den Irak wiederherstellen.»
Der BLICK hörte sich auf den Strassen um und fand heraus:
«Die Schweizer wollen keinen Krieg.»
Das Mitgefühl mit den Opfern und Angehörigen der New Yorker Tragödie attestiert der BLICK den Schweizerinnen und Schweizern. Ihre Haltung George W. Bush gegenüber sei klar:
«Bush leidet an Grössenwahn»,oder: «Aug um Aug, Zahn um Zahn – Das ist Steinzeit», zitiert das Boulevardblatt «Menschen von der Strasse».
Ins selbe Horn stösst FACTS: «Wer stoppt Bush?» wird da gefragt. Als Antwort fährt FACTS gleich eine ganze Palette von Gründen gegen einen Krieg USA-Irak auf:
«Militärische Risiken und humanitäre Katastrophe, Allianz gegen den Terror zerbricht, Völkerrechtliche Legitimation fehlt, Gefahr der Eskalation im arabischen Raum sowie eine Globale Wirtschaftskrise», befürchten die FACTS-Journalisten.
Salman Rushdie lässt sich zum selben Thema in der WELTWOCHE vernehmen:
«Die Allianz gegen den Terror könnte zerbrechen, weil der Antiamerikanismus um sich greift.»
Und Rushdie stellt auch gleich die Frage: «Ziehen bald auch die arabischen Verbündeten der USA in den Dschihad?»
Keine «Kinder nach Mass»
Die NEUE LUZERNER ZEITUNG berichtet über den Bundesrat, der den Missbrauch von genetischen Versuchen beim Menschen verhindern will.
«Soll ich abklären lassen, ob ich die Veranlagung zu einer bestimmten Krankheit in mir trage oder nicht?»
Die Klärung dieser Frage soll, laut NLZ, dem einzelnen überlassen bleiben. Gefahr käme erst auf, wenn Arbeitgeber oder Versicherungen die Resultate solcher Untersuchungen für sich ausschlachten könnten.
«Wer ein Krankheitsgen in sich trägt, wird mit erhöhter Wahrscheinlichkeit Kosten verursachen und müsste deshalb – versicherungsmathematisch gesehen – auch höhere Prämien bezahlen.»
Hier setzt der Bundesrat nun die Regeln fest. Und dies sei gut so, findet die NLZ, denn
«Innerhalb der obligatorischen Krankenversicherung haben die Resultate solcher Gentests nichts zu suchen.»
Anders sieht es beim Abschluss hoher Lebensversicherungen aus, könnte sich doch
«jemand durch einen Test einen Informationsvorsprung verschaffen und die Versicherung hinters Licht führen, indem er eine hohe Lebensversicherung zu vorteilhaften Konditionen abschliesst», moralisiert die NLZ.
Etienne Strebel
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