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Schweizer Industrie meidet Billigflaggen-Frachter

Die Schweizer Industrie scheint Billigflaggen-Frachter zu meiden. Die Diskussion entfachte der Untergang des Chemietankers "Ievoli Sun". Keystone

Bei der Auswahl von Frachtschiffen für den Transport gefährlicher Chemieprodukte zeigt die Schweizer Industrie Verantwortung. Davon sind Bundesbehörden wie auch Unternehmen mit Blick auf die jüngste Tankerhavarie im Ärmelkanal überzeugt.

«Die Chemiekatastrophe von Schweizerhalle 1986 markierte in dieser Hinsicht einen Wendepunkt», erklärt Jean Hulliger, Direktor des Schweizerischen Seeschifffahrtsamtes. «Die Industrie hat damals begriffen, dass ein guter Ruf auch wirtschaftlich wichtig ist – vor allem bei den Aktionären. Ganz zu schweigen von den finanziellen Kosten eines Chemieunfalls.»

Am 1. November 1986, brannte im Sandoz-Werk Muttenz/ Schweizerhalle eine Lagerhalle lichterloh vor den Toren Basels. 1350 Tonnen Chemikalien gingen in Flammen auf. Mit dem Löschwasser waren grosse Mengen von Thiophosphorsäureester und schätzungsweise 150 kg Quecksilber in den Rhein gelangt. Diese beiden Gifte waren in erster Linie für das grosse Fischsterben verantwortlich.

Keine Billigflaggen

«Die Schweizer Unternehmen haben eingesehen, dass es sich auf lange Sicht nicht auszahlt, die billigsten Frachter zum Transport gefährlicher Güter einzusetzen», so Hulliger. Das Seeschifffahrtsamt habe zumindest keine Hinweise darauf, dass die Unternehmen in den letzten Jahren auf untaugliche oder unter «Billigflagge» fahrende Schiffe zurückgegriffen hätten.

Die Rede ist von so genannten Billigflaggen-Schiffen – Frachtern, die unter den Flaggen Panamas, Zyperns, Maltas, Liberias oder der Bahamas (um nur einige zu nennen) fahren, obwohl sie Reedern gehören, die in den EU-Staaten, den USA oder anderen Wirtschaftsgroßmächten residieren.

Man wähle die Frachtschiffe sehr sorgfältig aus, heisst es auch bei den grossen Chemieunternehmen. «Bei einem Unfall tragen schliesslich auch wir Verantwortung», betont Siegfried Otto, Sicherheitsexperte bei Clariant.

Der International Maritime Dangerous Goods Code verpflichtet die Unternehmen, Reedereien über die Eigenschaften der zu transportierenden gefährlichen Güter sowie über Transportbedingungen zu informieren. «Die letztendliche Verantwortung liegt aber beim Kapitän und seiner Reederei», erklärt Otto.

Schwarze Schafe

Die Umweltorganisation Greenpeace räumt ein, dass die Chemieriesen wohl ein gewisses Umweltbewusstsein entwickelten. «Ihre weniger bekannten Zulieferer brauchen aber weniger auf ein gutes Image zu achten. Ihr Umweltverhalten ist schwieriger einzuschätzen», meint Clement Tolusso von Greenpeace.

In der Schweiz, besonders in Genf, seien zahlreiche ausländische Transport-Unternehmen beheimatet, und einige davon verhalten sich nach Greenpeace-Einschätzung «zweifelhaft, wenn nicht kriminell» gegenüber der Umwelt. Auch Hulliger räumt die Existenz von schwarzen Schafen in der Branche ein. Sie machten aber nur einen geringen Anteil aus.

Sichere Schweizer Flotte

Die Schweizer Hochseeflotte, die allerdings nur einen kleinen Teil der Schweizer Seefracht transportiert, ist nach Einschätzung Hulligers eine der modernsten und sichersten der Welt. Die 20 Schiffe, darunter drei Chemietanker, haben ein Durchschnittsalter von sechs Jahren. Weltweit ist jedes dritte Seeschiff älter als 20 Jahre.

Unter Hinweis auf die strengen Bestimmungen des Schweizerischen Seeschifffahrtsamtes lässt Hulliger durchblicken, dass er eine «Ievoli Sun» nicht zugelassen hätte. Das Schiff hatte von der italienischen Aufsichtsbehörde RINA schlechte Noten erhalten.

Der Chemitanker «Ievoli Sun» geriet diese Woche während der schweren Herbststürme in Seenot und schlug leck bevor er vor der französischen Atlantikküste sank.

swissinfo und Agenturen

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