Fünf überraschende Auswirkungen der extremen Hitze in der Schweiz
Hohe Temperaturen und anhaltende Hitzewellen bergen Risiken für die Gesundheit und die Umwelt. Sie haben jedoch auch eine Reihe weniger bekannter, aber durchaus relevanter Auswirkungen.
Eine Hitzewelle traf kürzlich die Schweiz mit Temperaturen von bis zu 39 Grad im Flachland. Im südlichen Kanton Tessin, in der Nordwestschweiz und in der Genfersee-Region galt laut Meteoschweiz mindestens bis zum 5. August eine Hitzewarnung der Stufe 4Externer Link, der höchsten Stufe.
Extreme Hitze beeinträchtigt die Fähigkeit des Körpers, seine Temperatur konstant zu halten, und begünstigt Dehydrierung. In schweren Fällen kann sie zu Hitzschlägen, Verwirrtheitszuständen und Herz-Kreislauf-Störungen führen, die für gefährdete Personen potenziell tödlich sein können.
In der Schweiz wurden in den vergangenen Sommern rund 500 Todesfälle pro Jahr mit der Hitze in Verbindung gebracht, wie Schätzungen des Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts ergeben haben.
Nicht nur die Menschen leiden unter der Hitze. Hohe Temperaturen können auch erhebliche Auswirkungen auf Infrastrukturen, die Energieerzeugung und Güter des täglichen Bedarfs haben. Hier einige der weniger bekannten Auswirkungen von Hitzewellen.
Hitze reduziert die Kernenergieerzeugung
Hohe Wassertemperaturen in Flüssen können die Kühlkapazität von Kernkraftwerken einschränken. So schaltete das Elektrizitätsunternehmen Axpo am 26. Juni die beiden Reaktoren in Beznau im Kanton Aargau ab, da die Aare, die zur Kühlung genutzt wird, eine Temperatur von 25 Grad erreicht hatte. Erst einen Monat später wurden die Reaktoren mit reduzierter Leistung wieder ans Stromnetz angeschlossen.
Diese Massnahmen sind notwendig, um das Flussökosystem zu schützen und die Umweltvorschriften einzuhalten. Bereits im Juli 2025 hatte das Kernkraftwerk Beznau die Stromproduktion aufgrund der Wassertemperatur vorübergehend eingestellt.
Auch Frankreich musste in diesem Sommer drei seiner 57 Reaktoren vorübergehend abschalten. Weitere acht arbeiteten mit reduzierter Leistung.
In einer Studie, die der französische staatliche Energiekonzern EDF an zwei Anlagen entlang der Maas und der Garonne durchgeführt hatExterner Link, wird geschätzt, dass der durch den Klimawandel verursachte Anstieg der Wassertemperaturen und die abnehmenden Flussdurchflüsse die Verfügbarkeit der Reaktoren bis 2050 um rund 2% pro Jahr verringern werden.
Die Abschaltungen verursachen Verluste für die Betreiber der Kraftwerke, die über mehrere Tage oder Wochen hinweg keinen Strom verkaufen können. Die Auswirkungen sind jedoch begrenzt, da die Preise im Sommer niedriger sind.
«Wenn die Hitze anhält, können die wirtschaftlichen Folgen für den Energieversorger jedoch erheblich werden», warnt Massimiliano Capezzali, Professor am Institut für Energie der Hochschule für Ingenieurwesen und Management des Kantons Waadt, im Interview mit RSIExterner Link.
Wasser auf den Gleisen an den heissesten Tagen
Im öffentlichen Verkehr kann extreme Hitze den Stahl von Schienen ausdehnen und Gleise sowie Weichen verformen. Zudem können Probleme bei den Fahrleitungen auftreten, welche die Züge mit Strom versorgen, was den Betrieb stören kann.
Im Juni stellten die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) hitzebedingte Störungen an der Bahninfrastruktur und am Rollmaterial fest, beispielsweise die Überhitzung von Fahrmotoren. Ausserdem treten laut den SBB häufiger Störungen auf, wenn die Klimaanlagen auf Hochtouren laufen.
Der Bahnbetrieb in der Schweiz blieb bisher stabil, wenn auch mit Verspätungen. In Frankreich strich die nationale Eisenbahngesellschaft hingegen Dutzende Züge, darunter einige auf Hochgeschwindigkeitsstrecken.
Um die Bahninfrastruktur während der sommerlichen Spitzenzeiten zu schützen, sprühen die SBB mit Kesselwagen Wasser auf Gleise und Schotterbett. Künftig planen sie zudem, die Holzschwellen durch Betonschwellen zu ersetzen, da diese der Ausdehnung der Schienen besser standhalten.
Keime vermehren sich im Trinkwasser
Die Schweizer Flüsse und Wasserflächen werden immer wärmer: Anfang Juni lagen die Temperaturen in kleinen und mittleren Seen bereits bei rund 30 Grad. Laut dem Wetterdienst MeteonewsExterner Link haben sich die Seen in diesem Sommer um bis zu sieben Grad mehr als der Durchschnitt zwischen 1983 und 2024 erwärmt.
Dieses Phänomen bedroht nicht nur die Fische, sondern gefährdet auch die Qualität und Sicherheit des Trinkwassers. Die Arbeitsgemeinschaft Wasserwerke Bodensee-Rhein (AWBR) hat gewarnt, dass höhere Temperaturen die Vermehrung von Keimen wie Legionellen begünstigen.
In der Schweiz darf die Höchsttemperatur von 25 Grad, die gesetzlich für Trinkwasser vorgeschrieben ist, nicht überschritten werden. Doch laut AWBR kann dieser Wert heute nicht mehr überall eingehalten werden. Rund 20% des in der Schweiz verbrauchten Trinkwassers stammen aus Seen.
Darüber hinaus führt der rückläufige Pegelstand der Flüsse im Sommer bei gleichbleibender Schadstoffzufuhr zu höheren Konzentrationen von Pestiziden, Industriechemikalien und Arzneimittelrückständen.
Obst und Gemüse teurer und von geringerer Qualität
Aufgrund der Hitzewelle müssen Obst- und Gemüseproduzenten mehr bewässern als in einem «normalen» Sommer. Das wirkt sich auf die Produktionskosten aus.
«Es bleibt abzuwarten, ob diese Mehrkosten auf dem Markt ausgeglichen werden können», sagt Andreas Allenspach, Direktor von Swisscofel, dem Schweizerischen Verband des Handels mit Früchten, Gemüse und Kartoffeln.
Der Schweizerische Gemüseproduzenten-Verband beabsichtigt, einen höheren Verkaufspreis zu verlangen. «Die Gemüsebauern sollten für den zusätzlichen Bewässerungsaufwand eine angemessene Entschädigung erhalten», sagt Vizedirektor Markus Waber.
Die Detailhandelskette Migros erklärt, bislang keine hitzebedingten Preiserhöhungen eingeführt zu haben. Coop rechnet hingegen damit, dass sich die Auswirkungen der Hitzewelle in den kommenden Wochen auf die Preise niederschlagen werden.
Der Schweizerische Bauernverband (SBV) rechnet eher mit einem Qualitätsrückgang bei Obst und Gemüse als mit Ernteausfällen, wie er auf Anfrage der Nachrichtenagentur AWP mitteilte. Unter dem Gemüse dürften Kartoffeln am stärksten unter der Hitze leiden. Die Knollen könnten klein bleiben, was sie möglicherweise unverkäuflich macht.
Für Kulturen, die im Herbst geerntet werden, wie Soja, Sonnenblumen und Mais, dürfte sich die Lage deutlich schwieriger gestalten. «Sie leiden stark, sowohl unter dem Wassermangel als auch unter den hohen Temperaturen», sagt Pierre-Yves Perrin, Direktor des Schweizerischen Getreideproduzentenverbands.
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Weniger Zeckenkrankheiten wegen der Hitze?
Die anhaltende Hitze und Trockenheit haben jedoch nicht nur negative Folgen. So könnte sie beispielsweise die Ausbreitung von Zecken und Japankäfern behindern. Beide gelten als gefährlich: Erstere für den Menschen, Letztere für Pflanzen.
Zecken mögen die für Hitzewellen typischen Umweltbedingungen nicht, betont das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Die hohen Temperaturen könnten den Verlauf der durch diese Spinnentiere übertragenen Krankheiten, besonders der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) und der Borreliose (auch Lyme-Krankheit genannt), beeinflussen.
Im Juni 2026 war die Zahl der FSME-Infektionen mit 1,18 Fällen pro 100’000 Personen deutlich niedriger als im gleichen Monat des Vorjahres mit 1,46 Fällen, wie aus den Daten des BAG hervorgeht.
Ein ähnlicher Trend ist auch bei der Borreliose zu beobachten: 23,16 Fälle pro 100’000 Personen wurden im Juni 2026 gemeldet, im Juni 2025 waren es 28,45.
Für den eingewanderten Japankäfer seien Temperaturen zwischen 21 und 35 Grad optimal, sagt Timo Börker vom Kantonalen Pflanzenschutzdienst der Stadt Basel.
Diese Bedingungen sind jedoch nicht ideal für die Entwicklung ihrer Larven, die in trockenen Böden schlecht gedeihen. Die Auswirkungen werden erst in der nächsten Saison mit Sicherheit beurteilt werden können.
Editiert von Balz Rigendinger, Übertragung aus dem Italienischen: Christian Raaflaub
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