Ungenügende Familienpolitik
Fünf Organisationen setzen sich gemeinsam für umfassende Reformen in der schweizerischen Familienpolitik ein.
Die Vereinigung «Perspektive Familienpolitik» bezeichnet die Lage der Familien in der Schweiz als Besorgnis erregend und fordert einheitliche Kinderzulagen.
Die Familienpolitik in der Schweiz sei völlig ungenügend, kritisierte Jürg Krummenacher, Präsident der Eidgenössischen Koordinations-Kommission für Familienfragen (EKFF). Auf nationaler Ebene fehlten familienpolitische Massnahmen.
Die Situation vieler Familien bezeichnete Krummenacher vor den Medien als Besorgnis erregend, müssten doch rund 120’000 Kinder in der Schweiz in armen Haushalten aufwachsen.
Familienarmut
Ernst Wohlwend, Präsident der Städteinitiative und Stadtpräsident von Winterthur, betonte, die Dynamik von Armutsprozessen beinhalte gesellschaftlichen Sprengstoff, vor allem wenn Kinder und Jugendliche unter den Armen seien.
Aus diesem Grund fordern die fünf nationale Organisationen, darunter Pro Familia, pro juventute und die Koordinations-Kommission für Familienfragen, einheitliche Kinderzulagen für alle Kinder in der Höhe von mindestens 200 Franken, für Kinder in Ausbildung 250 Franken.
Riesige Unterschiede zwischen den Kantonen
Eine nationale Regelung sei angebracht und gerechter, betrügen die Unterschiede zwischen den Kantonen bis zu 44%, erklärten die Organisationen vor den Medien.
Die «Perspektive Familienpolitik» setzen sich zudem für Ergänzungs-Leistungen für Familien ein, gemäss dem Tessiner Modell.
Tessiner Modell
Der Kanton Tessin kennt neben den üblichen Kinder- und Ausbildungszulagen ergänzende Kinderzulagen für einkommensschwache Familien und Kleinkinderzulagen für Familien in prekären Verhältnissen.
EKFF-Präsident Krummenacher bezifferte die dafür benötigten Mittel auf 720 Mio. Franken. Das sei «absolut verkraftbar».
Gefordert wurde auch eine rasche Verwirklichung der Mutterschafts-Versicherung sowie eine Reform der Familienbesteuerung im Sinne des Familien-Splittings.
Ebenfalls gefragt sei ein Ausbau der familien-externen Kinderbetreuung. Nur so sei eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf möglich. In der Schweiz fehlen noch immer Tausende von Krippenplätzen.
Familienpolitik im Europavergleich
Im europäischen Vergleich fällt auf, dass die Geburtenrate in jenen Ländern hoch ist, in denen auch die Erwerbstätigkeit der Frauen hoch und gleichzeitig die staatliche Unterstützung zur erleichterten Vereinbarkeit von Familie und Beruf funktioniert.
So weist zum Beispiel in Europa Norwegen mit 1,86 Kindern pro Frau die höchste Geburtenrate und mit 75,3% gleichzeitig die höchste Frauenerwerbsquote auf.
Spanien auf der anderen Seite bildet mit 1,14 Kindern und einer Erwerbsquote von 48% das Schlusslicht in Europa.
In Frankreich haben Beihilfen für Familien eine lange Tradition. Und auch heute bringt Frankreich fast 4% seines Bruttosozialprodukts für Familienpolitik auf.
Und Deutschland hat seine Familienpolitik seit 1998 grundlegend reformiert und die Aufwendungen für Familien um 8,5 auf 48,6 Mrd. Euro pro Jahr erhöht.
Schweizer Stiefkind Familienpolitik
Trotz gewisser Bemühungen ist klar, dass die Familienpolitik noch immer ein Stiefkind der landesweiten Politik ist. Andernorts fliessen die Millionen flüssiger.
So wurden im letzten Jahr allein für den Aufkauf von überschüssigem Rindfleisch 23 Mio. Franken aufgewendet. Das ist, gemäss einem Artikel in der «Neuen Zürcher Zeitung» praktisch gleich viel Geld, wie der Bundesrat für Kinderbetreuungsplätze jährlich höchstens ausgeben will.
Gaby Ochsenbein und Agenturen
5 nationale Organisationen fordern eine bessere Familienpolitik.
Die «Perspektive Familienpolitik» verlangt eine einheitliche Kinderzulage, Ergänzungsleistungen für Familien, die Verwirklichung der Mutterschaftsversicherung, die Reform der Familienbesteuerung und den Ausbau der familienexternen Kinderbetreuung.
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