Anschaulicher Weg in die Moderne
Der "Historische Strukturatlas der Schweiz" zeigt die Entstehung der modernen Schweiz. Er dokumentiert fundamentale Veränderungen zwischen dem Ende des 19. und dem Anfang des 20. Jahrhunderts. Am Freitag (24.08.) wurde er im Verkehrshaus in Luzern vorgestellt.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand in der Schweiz das Schienennetz. Es war die Grundlage zu einem entscheidenden Umbruch. Einerseits lösten sich die Zentren von den natürlichen Ressourcen ihrer Nahbereiche. Anderseits erlaubte die Bahn den Zugriff auf (inter)nationale Gütermärkte.
Das ermöglichte Urbanisierungs-Prozesse. Raumgefüge und Gesellschaft wurden von Grund auf umgepflügt. Orte mit Bahnanschluss hatten einen Standortvorteil. Es bildeten sich Ballungszentrum und periphere Regionen, die die Schweiz bis heute prägen.
Der Strukturatlas, erschienen im «hier+jetzt Verlag», macht solche Veränderungen anschaulich: Mit Grafiken, mit Zahlen und nicht zuletzt mit Texten, die über das blosse Kommentieren von Zahlen hinausgehen und auch Querverweise einschliessen. So korrigiert das Buch etwa den Begriff der «Transportrevolution».
Bahn nur ein Element der «Transport-Revolution»
Der oft betonte Zusammenhang zwischen Eisenbahnbau, Industrialisierung und Urbanisierung nähre die falsche Vorstellung, die Verkehrs-Entwicklung habe zuvor stagniert, meint Autor Thomas Frey. Zudem sei die Bahn – neben Post, Telegrafie, Telefon und Presse – nur ein Element der «Transportrevolution».
Gegliedert ist der Strukturatlas nach Schwerpunkten: Demografie, Wirtschaft, Verkehr und Kommunikation sowie Gesellschaft. In diese Darstellungen sind eine Fülle von teilweise noch unpublizierten Daten eingeflossen.
Da lassen sich Zu- und Abwanderung nachschlagen, Beziehungen zwischen den Landesteilen, Veränderungen der Siedlungen. Neben dem Aufbau der Verkehrsträger werden Kommunkationsmittel thematisiert oder Lesegewohnheiten und die Verbreitung von Zeitungen. Auf und Ab in der Wirtschaft sind ebenso dokumentiert wie die Zunahme der Bildungsausgaben.
Spannendes gibt es im Bereich Gesellschaft, zum Beispiel Fakten zur Rolle der Frau und zur Entwicklung der Streiks. Gezeigt wird auch, dass Scheidungsraten und die Selbstmorde in katholischen Gebieten deutlich geringer ausfallen als anderswo.
Mehr Seitensprünge im Mittelland
Überraschend ist die Häufung unehelicher Kinder im Mittelland, dies sowohl in Stadt und Land und über Konfessionsgrenzen hinweg. Der Text verweist auf zwei Erklärungen: die eine sieht den Grund in der Liberalisierung weiblichen Sexualverhaltens im Zuge der Industrialisierung. Die andere Erklärung führt neue Lebensformen mit weniger sozialen Kontrollen sowie Niederlassungs- und Heiratsbeschränkungen an.
Der «Historische Strukturatlas» legt das Schwergewicht auf die Zeit von 1870 bis 1910. Das hat unter anderem quellentechnische Gründe. Die Volkszählung 1870 umfasste erstmals Angaben über die Erwerbsstruktur. Die Volkszählung von 1910 schliesslich gilt als die detaillierteste und zuverlässigste aller Zeiten.
swissinfo und Agenturen
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