Das Atombomben-Programm der Nazis auf Berner Bühne
Michael Frayns Theaterstück "Kopenhagen", das die Frage nach den Atombomben-Plänen der Nazis neu aufwirft, wurde am Samstag (01.09.) erstmals in der Schweiz aufgeführt. Die Inszenierung am Stadttheater Bern ist optisch karg gehalten und vermag darstellerisch zu überzeugen.
Der Drei-Personen-Zweiakter «Kopenhagen» ist 1998 entstanden und hat bereits zahlreiche Preise erhalten. Darunter ist auch der renommierte US-«Tony».
Diffuse Kenntnisse des historischen Rahmens
Hintergrund des Stücks ist ein Treffen, welches im Spätsommer 1941 in Kopenhagen zwischen dem deutschen Kernphysiker Werner Heisenberg und dessen Fachkollegen Niels Bohr im von den Deutschen besetzten Dänemark stattfand. Schon nach 10-minütigem vertraulichen Gespräch kündigte Bohr dem Gast empört die Freundschaft auf.
Von diesem Treffen nimmt man an, dass es die Entwicklung der Atombombe und den Verlauf des Kriegs entscheidend beeinflusste. Worüber damals gesprochen wurde, sind sich die Historiker jedoch bis heute nicht sicher.
Durchspielen von verschiedenen Varianten der Begegnung
In Frayns Stück wissen die Beteiligten, die mittlerweile «lange tot und begraben» sind, selbst nicht, was sie damals sprachen. Offene Fragen treiben die drei «Untoten» Heisenberg (gespielt von Matthias Brambeer), Bohr (Klaus Degenhardt) und Bohrs Frau Margarethe (Catja Wutz) auf die Bühne. Sie probieren mögliche Varianten der Begegnung aus.
Verlangte Heisenberg von Bohr Absolution dafür, dass er für die Nazis forschte? Wollte er ihn aushorchen über den Forschungs-Stand der Alliierten? Wollte er warnen? Oder mit den – zumeist deutsch-jüdischen – Kollegen aus dem gegnerischen Lager ein geheimes Stillhalte-Abkommen schliessen?
Schnell-Kurs in Atomphysik und Philosophie
Ganz nebenbei erhält der Zuschauer einen zwanglosen Schnell-Kurs in Kernphysik: Bohrs Frau zwingt die beiden Nobelpreisträger, Unschärfen-Relation, Komplementarität und die Kopenhagener Quanten-Mechanik leicht verständlich zu erklären.
Im zweiten Akt geht es dann ans Lebendige: Statt zu rätseln, was damals war, fragt man sich nun, warum Heisenberg sich nicht erinnert. Die Unschärfe des Gedächtnisses wird mit der Unschärfe-Relation verglichen, und das ist nicht einmal ein Kalauer: Beweggründe zu definieren, so der philosophisch einleuchtende Schluss, ist so wenig möglich, wie Teilchen-Bahnen exakt zu messen.
Hervorragender Heisenberg
In der Berner Inszenierung von «Kopenhagen» dominiert eine klinische weiss-schwarz-graue Ästhetik. Regisseur Dirk Schulz verlässt sich ganz auf die Schauspieler und deren Fähigkeit, die dem Stücktext innewohnende Kraft aufzuwecken.
Matthias Brambeer als Heisenberg spielt die Rolle seines Lebens. Man sieht ihn förmlich auf der Bühne zur Unschärfe verwackeln.
swissinfo und Agenturen
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