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Die Geheimnisse der Natur in der Retorte

Für seine Alzheimerforschung wurde Karl Gademann mit dem Latsis-Preis ausgezeichnet. Karl Gademann

Naturbeobachtung als Schlüssel für die Heilung schwerer neuro-degenerativer Krankheiten: Der organische Chemiker Karl Gademann, Preisträger des Nationalen Latsis-Preises 2011, ist davon überzeugt. Interview mit einem atypischen Forscher.

Die grosse weisse Wand im Büro von Karl Gademann im Zentrum von Basel ist überraschend leer. Keine Spur von den zahlreichen Diplomen und Auszeichnungen, die er junge Professors der Uni Basel erworben hat.

Der 40-jährige Gademann zieht es vor, sie nicht zu präsentieren. «Ich hab‘ sie da drin», sagt er bescheiden und öffnet einen Schrank beim Ausgang. Da liegen sie auf zwei Regalen, säuberlich in Glas gerahmt. Im grössten Rahmen steckt der Nationale Latsis-Preis 2011, den er am vergangenen 12. Januar erhalten hat.

«Während meiner Gymnasialzeit konnte ich mich nicht entscheiden, ob ich nun Germanistik oder Chemie studieren soll», erinnert sich der Forscher. Ein Lehrer habe ihm dann gesagt, dass sich Literatur auch allein vertiefen lasse, indem man am Abend und in der Freizeit Bücher lese. «So habe ich mich für Chemie entschieden.»

swissinfo.ch: Sie sind oft im Freien, mitten in der Natur. Ist das für einen Labor-Forscher nicht aussergewöhnlich?

Karl Gademann: Chemie ist eine Natur-Wissenschaft. Die Natur muss man beobachten, um sie zu studieren. Mich interessieren vor allem die toxischen Substanzen von Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen.

swissinfo.ch: Worauf zielen Sie genau in Ihrer Forschung?

K. G.: Es geht mir um die chemischen Strukturen von bioaktiven Molekülen, insbesondere um die Art, wie Strukturen biologische Aktivitäten bestimmen.

Zur Zeit beschäftige ich mich mit der Toxizität, der Giftigkeit von Blaualgen. Das sind photosynthetische Bakterien, die sich auf Menschen und Tiere auswirken können.

Diese Auswirkungen werte ich aus. Auf diese Weise konnte erstmals eine neue Gruppe von Toxinen entdeckt werden.

Dabei handelt es sich um eine wichtige Entdeckung, weil so im Prinzip Vergiftungen verhindert werden können. Gerade in Afrika, wo viele Leute durch in den Gewässern vorhandene Blaualgen gefährdet werden.

Im weiteren forschen wir auch auf dem Gebiet von Naturstoffen, die neuronale Verästelungen stimulieren.

swissinfo.ch: Wo liegen hier die Anwendungsgebiete?

K. G.: Chemische Verbindungen, die das neuronale Wachstums stimulieren, können bei der Heilung von Krankheiten von Nutzen sein, die neurodegenerativ sind, wie Alzheimer. Bereits haben wir ein vielversprechendes Molekül untersucht und synthetisiert, das zur Familie der Withanolide gehört.

In der Natur kommen zahlreiche solche Moleküle vor. Nur weisen nicht alle einen positiven Effekt auf. Langfristig lassen sich auch negative Folgen nicht ausschliessen.

Beispielsweise bei der Ashwagandha-Pflanze. Diese erhöht laut der traditionellen indischen Medizin die kognitiven Fähigkeiten. Deren Withanolide befinden sich auch in zahlreichen Nahrungsmittel-Zusätzen. Nur wissen wir dort nicht, wie sie genau wirken. Diese Frage ist sehr relevant, weil diese chemischen Verbindungen täglich von vielen Menschen eingenommen werden.

Im Zusammenhang mit anderen Projekten haben wir weitere Moleküle entdeckt, die sich in der Bekämpfung von Malaria als wirkungsvoll erwiesen haben.

swissinfo.ch: Die Stimulierung des neuronalen Wachstums kann auch als eine Art von «Gehirndoping» gesehen werden. Ist es nicht riskant, künstlich in solche physiologischen Prozesse einzugreifen?

K. G.: In der Tat frage ich mich oft, was für Folgen eine Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten haben kann. Für einige Forscher handelt es sich überhaupt nicht um ein «Doping». Sie vergleichen diese bioaktiven Moleküle mit Brillengläsern. Auch diese verbessern unsere Sehfähigkeit – weshalb sollten wir auf sie verzichten?

Wir hingegen sind für eine gewisse Vorsicht. Am Beispiel der Verhütungsmittel haben wir gesehen, dass sie die Gesellschaft verändern können. Deshalb rufe ich auch meine Studierenden zur Besonnenheit auf und unterstreiche, dass ihre Arbeit möglicherweise riesige Folgen haben kann.

swissinfo.ch: Der Schweizerische Nationalfonds, der Sie mit dem Latsis-Preis 2011 ausgezeichnet hat, hat Sie als «Weltbürger in der Wissenschaft» bezeichnet. Was bedeutet das?

K. G.: Ich bin ein organischer Chemiker. Meine Arbeit befasst sich mit der Synthese von Molekülen. Dennoch beschränke ich mich nicht auf meine kleine Welt, sondern versuche auch, mich auf andere Gebiete einzulassen, um mehr über chemische Zusammensetzungen zu erfahren. Wir arbeiten häufig mit Biologen, Physikern und Medizinern zusammen, da diese über Wissen verfügen, das wir nicht haben.

Auf dem Gebiet der Hirnforschung beim Menschen und der Funktion des Gedächtnisses ist es notwendig, mit Wissenschaftlern aus anderen Gebieten zusammenzuarbeiten. Denn wenn man auf den Mond fliegen will, kann man nicht alleine reisen.

swissinfo.ch: Welches ist die Bedeutung einer renommierten Auszeichnung wie des Latsis-Preises für einen jungen Forscher?

K. G.: Es ist ein Zeichen, dass andere Wissenschaftler anerkennen, was du machst und erreicht hast. Ich persönlich sehe es auch als Anerkennung für die Studenten und all jene, die mit mir zusammengearbeitet haben.

Der Preis ist der Beweis dafür, dass, wenn man hart und mit Begeisterung arbeitet, dieses Engagement gewürdigt wird.

swissinfo.ch: Der Preis ist mit 100’000 Franken dotiert. Was werden Sie mit dem Geld machen?

K. G.: Es handelt sich in der Tat um eine beträchtliche Summe. Ich möchte mit dem Geld gerne ein Doktorat für ein gewagtes Forschungsprojekt unterstützen, das andersweit schwierig zu finanzieren wäre.

swissinfo.ch: Was verstehen Sie unter «gewagt»?

K. G.: Damit meine ich die Erforschung unbekannter Gebiete. Manchmal kann man dabei aussergewöhnliche Dinge entdecken.

Ich versetze mich dabei in die Lage von Christoph Kolumbus: Niemand wollte sein Vorhaben zur Entdeckung neuer Wege nach Indien finanzieren. Es hiess, das sei nicht möglich…

Geboren in Zürich am 27. Juni 1972.

Maturaabschluss, Typus E (Wirtschaft und Recht).

1996 Abschluss der Dissertation in Chemie an der Eidg. Technischen Hochschule ETH in Zürich.

Forschungsaufenthalt bei Givaudan (Parfums) und von 2000 bis 2001 an der Harvard University im amerikanischen Cambridge.

2002 bis 2006 Assistenz an der ETH mit Habilitation.

2006 wird er als Assistenz-Professor an die EPFL nach Lausanne berufen, wo er die Laboratorien für chemische Synthese gründete.

Seit 2010 Extraordinarius für organische Chemie an der Universität Basel.

Gademann interessiert sich für natürlich vorkommende bioaktive Moleküle tierischen oder pflanzlichen Ursprungs.

Entdeckungen in diesem Bereich können dazu dienen, degenerative Erkrankungen (wie Alzheimer) oder durch Infektion verursachte (wie Malaria) zu heilen.

Ausser dem Latisis-Preis 2011 hat Gademann zahlreiche andere Auszeichnungen erhalten, wie 2007 den European Young Investigator Award oder den Ruzicka-Preis (2009).

Der Latsis-Preis ist eine der höchsten Auszeichnungen für Forschende in der Schweiz.

Er wird jedes Jahr vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) im Auftrag der Genfer Latsis-Stiftung verliehen.

Die mit 100’000 Franken dotierte Auszeichnung honoriert besondere wissenschaftliche Leistungen von jeweils einem Forscher oder einer Forscherin im Alter bis zu 40 Jahren in der Schweiz.

Die Latsis-Stiftung, eine gemeinnützige Organisation, wurde 1975 von der griechischen Familie Latsis in Genf ins Leben gerufen.

Die Latsis-Stiftung sponsort derzeit vier Universitäts-Preise in der der Höhe von je 25’000 Franken und den Latsis-Preis mit 100’000 Franken.

(Übertragung aus dem Italienischen: Alexander Künzle und Gaby Ochsenbein)

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