Die WHO-Spitze wechselt in einem heiklen Moment
Das Rennen um die neue Führung der Weltgesundheitsorganisation fällt in eine Zeit, in der die UN-Behörde mit Budgetkürzungen, internen Spannungen und fundamentalen Fragen zu ihrer eigenen Rolle kämpft.
Ende Mai soll feststehen, wer die Spitze der WHO übernimmt. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass das Rennen um den Chefposten stark politisch geprägt sein wird.
Abtreten wird Tedros Adhanom Ghebreyesus. Der Äthiopier leitet die WHO seit 2017 und wurde 2022 wiedergewählt. Seine Amtszeit war von der Covid-19-Pandemie geprägt, in der er die Sichtbarkeit der Organisation stärkte, jedoch auch Kritik für den anfänglichen Umgang mit dem Ausbruch und für das Verhältnis der Organisation zu China einstecken musste.
Das Finanzierungsmodell der WHO hängt stark von freiwilligen Beiträgen ab, was sie anfällig für politische Verschiebungen macht.
Die Vereinigten Staaten – historisch gesehen der grösste Geldgeber – haben 2025 unter Trump ein offizielles Austrittsverfahren eingeleitet. Dies löste eine Finanzkrise aus, die die Behörde dazu zwang, Budgets und Personal zu kürzen.
Im Jahr 2026 sieht sich die WHO mit einer Budgetkürzung von 21% und einem Abbau von bis zu 25% ihrer Belegschaft konfrontiert.
Eine überlastete Belegschaft
Innerhalb der WHO sind die Folgen der jüngsten Haushaltskürzungen in allen Abteilungen spürbar.
Ein technischer Experte, der seit sechs Jahren bei der Organisation arbeitet und nur unter der Bedingung der Anonymität mit Swissinfo gesprochen hat, aus Angst, seinen Arbeitsplatz zu verlieren, beschreibt eine «sehr angespannte» Atmosphäre nach den massiven Stellenkürzungen.
«Wir haben 40% unseres Teams verloren, aber das Arbeitspensum hat sich nicht verändert», sagt der Experte. «Einige Programme wurden einfach von heute auf morgen gestoppt. Die Organisation hat die Kürzungen zwar eingeräumt, aber nie den Verlust an Kapazitäten.»
Derselben Quelle zufolge wurden die Kürzungen fast über Nacht umgesetzt, wobei oft zuerst Berater und kurzfristige Verträge ins Visier genommen wurden, anstatt die Massnahmen auf eine strategische Neubewertung der Prioritäten zu stützen.
Das Ergebnis sei ein System unter Dauerbelastung, in dem die Teams gezwungen sind, ständig zwischen akuten Krisen und längerfristiger Arbeit hin- und herzuwechseln. «Heute müssen wir wählen: Reagieren wir auf einen Notfall vor Ort oder arbeiten wir an Richtlinien? Beides können wir nicht mehr richtig machen.»
Allgemeiner betrachtet hat die aktuelle Situation eine langjährige Debatte darüber neu entfacht, worauf sich die WHO konzentrieren sollte.
Das strategische Dilemma
Suerie Moon, Co-Direktorin des Global Health Centre am Graduate Institute in Genf, sagt, die Finanzierungskrise werde die Organisation letztendlich dazu zwingen, ihre Rolle neu zu definieren.
«Eine der grossen Fragen, die sich angesichts der Haushaltskürzungen stellt, ist, worin die Kernaufgaben der WHO bestehen», sagte sie.
Die Mitgliedstaaten sind geteilter Meinung. Einige messen der Rolle der WHO bei der Festlegung globaler Gesundheitsstandards und -richtlinien Vorrang bei, während andere von ihr eine eher operative Rolle erwarten, also dass sie direkte Unterstützung in Krisenzeiten leistet.
Die Debatte über die Prioritäten der WHO dauert schon seit Jahren an, wobei einkommensstarke Länder im Allgemeinen eine eher normative Rolle befürworten und Entwicklungsländer operativen Support schätzen, so Moon.
Bisher seien die Kürzungen „pauschal“ vorgenommen worden, so Moon, wodurch alle Bereiche der Organisation «sehr stark beansprucht» seien.
Da sich die Ressourcen jedoch wahrscheinlich nicht schnell erholen werden, muss der nächste Generaldirektor möglicherweise klarere Entscheidungen treffen.
Schwierige Rolle in einer zersplitterten Welt
Abgesehen von internen Herausforderungen agiert die WHO in einem zunehmend komplexen geopolitischen Umfeld.
«Die Rolle des Generaldirektors ist wirklich schwierig», sagt Moon. «Man muss Politiker, Führungskraft und Diplomat zugleich sein.»
Die Position erfordert es, die Interessen von fast 200 Mitgliedstaaten in Einklang zu bringen, gleichzeitig die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit zu wahren sowie die Finanzierung in einem zunehmend wettbewerbsorientierten Umfeld sicherzustellen.
Tedros’ Amtszeit hat den politischen Charakter dieser Rolle deutlich gemacht, insbesondere während der Covid-19-Pandemie, als die WHO Spannungen zwischen Grossmächten bewältigen musste und gleichzeitig versuchte, ihre wissenschaftliche Autorität zu wahren.
In einem kürzlich in «The Lancet» veröffentlichten Artikel wies Ellen ‘t Hoen, Direktorin für Arzneimittelrecht und -politik, darauf hin, dass der nächste WHO-Chef «die multilaterale Rolle der Organisation in einer Welt stärken muss, in der der Multilateralismus unter Druck steht», da die Verantwortung für die globale Gesundheit zunehmend auf konkurrierende Akteure verteilt ist.
Der Lancet-Journalist John Zarocostas berichtet zudem, dass unter Gesundheitsdiplomaten bereits mehrere Namen im Umlauf sind, darunter Jarbas Barbosa da Silva Jr., Direktor der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation, Hanah Balky, WHO-Regionaldirektorin für den östlichen Mittelmeerraum, und der indonesische Gesundheitsminister Budi Gunadi Sadikin.
Bedarf nach einer echten Führungsfigur
Trotz der Herausforderungen, vor denen die WHO steht, glaubt Moon nicht, dass die Relevanz der Organisation auf dem Spiel steht.
«Sie bleibt die zentrale Organisation für die globale Gesundheit», sagte sagt sie und hebt dabei die einzigartige Befugnis der WHO hervor, globale Gesundheitsnotfälle auszurufen.
Während der Covid-19-Pandemie rief die WHO im Januar 2020 einen globalen Gesundheitsnotstand aus und stufte Covid-19 später als Pandemie ein. Die Organisation koordinierte globale Leitlinien, Forschungsbemühungen und Initiativen für den Zugang zu Impfstoffen wie COVAX.
In Zukunft könnte ihre Fähigkeit, diese Rolle zu erfüllen, stark davon abhängen, wer 2027 die Nachfolge antritt.
Für den anonymen WHO-Experten, mit dem Swissinfo sprach, ist die Priorität klar: eine stärkere Führung und eine klarere Ausrichtung.
«Was wir brauchen, ist jemand, der Entscheidungen treffen kann», sagte er. «Jemand, der entscheiden kann, worauf sich die WHO konzentrieren soll, und der den Mut hat, dies auch durchzusetzen.»
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Editiert von Virginie Mangin/ds, aus dem Englischen übertragen mit Hilfe von KI: Marc Leutenegger
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