Für Kokain-Abgabe
Die Schweizer Drogenpolitik will mit der Abgabe von Heroin an Schwerstsüchtige die Suchtschäden so gering wie möglich halten. Nun wird auch die Kokain-Abgabe diskutiert.
Die Resultate der Heroin-Abgabe sind ermutigend: Der Gesundheitszustand der Süchtigen stabilisiert sich und ein geregeltes Leben ist wieder möglich. Diskutiert wird nun, ob Kokain-Abhängigen auf die gleiche Weise geholfen werden kann.
Daniel Meili, Chefarzt der Arbeitsgemeinschaft für risikoarmen Umgang mit Drogen (Arud) in Zürich, ist erfreut darüber, wie sich der Gesundheitszustand der Patienten durch die Heroin-Abgabe verbessert hat. Er möchte jedoch das Abgabe-Programm flexibler gestalten: «Wir brauchen mehr Möglichkeiten und weniger Einschränkungen. Wir erreichen nicht alle Menschen, die unsere Hilfe brauchen.»
Doppelkonsum Heroin und Kokain
Meili weist darauf hin, dass die meisten Heroin-Abhängigen weiterhin auch Kokain konsumieren, das sie sich illegal in der Drogenszene beschaffen.
«Viele Abhängige stehen auf diese Kombination und wollen oder können nicht auf Kokain verzichten», erklärt Meili. «Da wir nur wenige Möglichkeiten haben, die Kokainsucht zu behandeln, ist es sehr schwierig, diese Abhängigen zu erreichen.»
Raucher-Räume
Um das Programm auch für Kokain-Abhängige zu öffnen, wurden in Zürich in zwei Drogenanlaufstellen Raucherräume eingerichtet. Dort dürfen seit Anfang Jahr Heroin und Kokain nicht nur gespritzt, sondern auch gesnifft und geraucht werden.
Robert Reithauer, Sozialarbeiter in der Kontakt- und Anlaufstelle Selnau, ist trotz anfänglicher Skepsis überrascht , wie gut der Raucher-Raum funktioniert.
«Crack-Raucher haben einen sehr schlechten Ruf, denn sie werden schnell aggressiv», sagt Reithauer gegenüber swissinfo. «Der Raucher-Raum wird täglich von zwischen 20 und 30 Leuten benutzt, manche kommen gar zwei- bis dreimal. Wir sind wirklich erstaunt, wie gut es funktioniert.»
Erst der Anfang
Für die Sozialarbeiter und das medizinische Personal sind Raucher-Räume eine logische Weiterentwicklung der Fixerräume. Ruth Vogt, Leiterin der ambulanten Drogenhilfe, betont wie wichtig es ist, den Kontakt zu Abhängigen aufrechtzuerhalten.
«Es bringt nichts, die Augen zu schliessen und zu warten, bis die Süchtigen aufhören, Drogen zu nehmen», erklärt Vogt. «Viele der Abhängigen sind krank. Solange wir Kontakt zu ihnen haben, können wir ihnen helfen.»
Kokain auf Rezept
Für Ruth Vogt und Daniel Meili besteht der nächste Schritt in der Kokain-Abgabe. «Wir sollten es ausprobieren,» sagt Vogt. Natürlich brauche es zuerst Versuche, die wissenschaftlich begleitet werden.
Auch Meili will nicht länger warten: «Wenn ich den Abhängigen nur Heroin verschreiben kann, ist dies nur eine halbe Behandlung.» Weil die Süchtigen wegen ihrem Kokain-Konsum weiterhin Kontakt zur illegalen Drogenszene hätten, sei es sehr schwierig, ihr Leben nachhaltig zu ändern. Er würde sofort mit der Kokain-Abgabe beginnen, wenn es erlaubt wäre.
Versuche seien nötig, denn nur so wisse man, ob die Therapie funktioniere oder nicht, sagt Meili. «Ich möchte die Kokain-Abgabe nicht auf einer emotionalen oder ideologischen Ebene diskutieren, sondern auf einer wissenschaftlichen Basis.»
Vorbehalte
Beim Bundesamt für Gesundheit in Bern ist man skeptisch. Vizedirektor Ueli Locher hat Zweifel, ob sich viele Ärzte am Programm beteiligen würden.
Die Kokain-Abgabe bringe viele Probleme mit sich, sagt Locher. «Kokain ist schwieriger zu kontrollieren als Heroin und riskanter. Konsumenten können psychotisch oder aggressiv werden. Zudem besteht die Gefahr eines Herzanfalls.» Viele Ärzte würden deshalb die Verantwortung einer Kokain-Abgabe nicht auf sich nehmen wollen.
Locher ist sich das Problem der Kokain-Abhängigen aber bewusst. «Viele Mediziner fühlen sich hilflos. Nicht nur in der Schweiz, sondern überall auf der Welt.» Niemand wisse, wie die Kokain-Sucht zu behandeln sei.
Das Bundesamt für Gesundheit will demnächst Gespräche mit Ärzten und Sozialarbeitern führen, um neue Behandlungs-Methoden zu diskutieren. Die Kokain-Abgabe sehe er im Moment nicht als eine durchführbare Option, sagt Locher. «Aber wir sind dennoch bereit zuzuhören und sind offen für neue Vorschläge.»
Imogen Foulkes
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