Gefährdete Atomkraftwerke
Kamikaze-Angriffe auf Staumauern und Atomkraftwerke gehören auch in der Schweiz zu möglichen Bedrohungs-Szenarien. Die Behörden sagen, dass sie sich der Gefahren bewusst seien. Von neuen Sicherheits-Dispositiven sind sie aber weit entfernt.
«Neue Sicherheitsdispositive werden im Moment nicht eingeleitet», sagte Anton Treier, Sprecher der Hauptabteilung für die Sicherheit von Schweizer Kernanlagen (HSK) auf Anfrage. Er verwies darauf, dass die IAEA (International Atomic Energy Agency) nach den Anschlägen in den USA zum gleichen Schluss gekommen sei.
Doch die HSK hat Kontakt mit Schweizer AKW-Betreibern aufgenommen und erwartet entsprechende Abklärungen, wie Johannis Nöggerath von der HKS in einem Interview mit der «Neuen Luzerner Zeitung» sagte. HSK-Sprecher Treier konnte dazu aber weder Einzelheiten noch einen Zeithorizont geben.
Das Szenario eines Passagierflugzeugs, das in ein Atomkraftwerk (AKW) fliegt, ist spätestens seit den Anschlägen auf das World Trade Center in New York auch in der Schweiz ein Thema. Ob die Schweizer AKWs für solche Attacken gerüstet sind, bleibt eine offene Frage.
Warnungen
So warnt Nationalrat Rudolf Rechsteiner (SP/BS) vor schlecht geschützten Abklingbecken für radioaktive Brennelemente. HSK- Direktor Wolfgang Jeschki hält dagegen die Wahrscheinlichkeit einer radioaktiven Verseuchung für gering.
Allerdings schrieb er im Juli letzten Jahres in einem HSK- Bericht, dass der Direktaufprall eines Flugzeugs auf das Reaktorgebäude in Mühleberg dieses beschädigen würde. Die Sicherheitssysteme würden ausfallen und die radioaktiven Brennelemente schmelzen, heisst es im Bericht.
Jeschki hielt darin die Wahrscheinlichkeit eines direkten Flugzeugabsturzes aber für äusserst gering. Sie treffe wohl einmal in 10 Millionen Jahren ein. Darauf berief sich eine Woche nach den Anschlägen auch Walter Steinmann, Direktor des Bundesamts für Energie. Er erklärte, dass das Problem für AKW damit nicht virulent sei.
Szenarien für Staumauern geplant
Dafür machen sich die Behörden nun Überlegungen zur Sicherheit der Staumauern. «Wir gehen neu davon aus, dass das Szenario eines Flugzeugaufpralls in eine Staumauer uns noch beschäftigen wird», sagte Alfred Kobelt vom Bundesamt für Wasser und Geologie.
Die heute noch gültigen Vorsorge-Massnahmen datieren aus den 50- er Jahren. Demnach geht man davon aus, dass ein Aufprall einer 10- Tonnen-Bombe 15 Meter dicke Betonmauern erfordert. So dick sind die Schweizer Staumauern gegen oben hin nicht. Man hat laut Kobelt deshalb Pläne zur Absenkung des Wassers auf die richtige Höhe ausgearbeitet.
Man habe aber weder Szenarien zu abgeworfenen Atombomben noch zu Kamikaze-Attacken entworfen. Dies geschehe nun zusammen mit dem Generalstab. «Wir sind durch die jüngsten Ereignisse sensibilisiert worden und sind uns der Probleme bewusst», sagte Ueli Liechti, Sprecher der Untergruppe Logistik im Generalstab. Man sehe dort aber keinen Grund für sofortige spezifische Sicherheits-Dispositive.
Man wisse, dass es neben AKW und Staumauern weitere Gefahrenobjekte gebe. Dazu zählen wichtige öffentliche Gebäude – auch das Bundeshaus.
swissinfo und Agenturen
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