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«Gesteinsschichten als Buch des Lebens»

Geologisch wertvolle Idylle unweit von Chiasso im Kanton Tessin. Parco della Breggia

An diesem Wochenende wird im Tessiner Muggiotal der erste Geopark der Schweiz mit einem Volksfest eingeweiht. Die dortigen Gesteinsformationen gelten als einzigartig für den gesamten Alpenraum. Sie spiegeln die Geschichte von 100 Mio. Jahren.

Eher kümmerlich fliesst das Flüsschen Breggia am gleichnamigen Einkaufszentrum an der Autobahnausfahrt von Chiasso vorbei. Aus einem grossen Rohr quält sich das Wasser in ein kanalisiertes Bett. Nichts deutet darauf hin, dass sich talaufwärts, nur einen Kilometer entfernt, eine spektakuläre Schlucht auftut: Die Gole della Breggia.

Für Geologen ein Paradies

In der Tessiner Bevölkerung ist der etwas versteckte untere Teil des Muggiotals recht unbekannt, aber für Geologen – und nicht nur in der Schweiz – ist er schon lange ein Begriff. Die dortigen Felsformationen gelten als einzigartig.

Wie einzelne Blätter liegen die Schichten übereinander, schmiegen sich wie in einer Ziehharmonika aneinander. Mit blossem Auge sind sie bestens zu sehen. Die Sedimentsabfolge reicht vom Jura bis in die Kreide. Die ältesten Gesteinsschichten – am oberen Rand der Schlucht – sind 180 Mio. Jahre alt. «Es gibt einige Lücken, aber insgesamt sind hier 100 Mio. Jahre Erdgeschichte dokumentiert», begeistert sich der Geologe Markus Felber, eine der treibenden Kräfte für den Geopark. «So etwas gibt es auch an anderen Orten, aber man müsste Bohrungen machen».

Unesco förderte Projekt

Die Idee eines Breggia-Parks geistert schon seit zwei Jahrzehnten durch die Gegend. Eine Freundesverein hatte sich gegründet, um die grüne Lunge zwischen den Gemeinden Castel San Pietro, Morbio Inferiore und Morbio Superiore als Naherholungsgebiet zu nutzen.

Später hat sich der Kanton mittels eines Nutzungsplans für den Parco della Breggia eingesetzt, das Geoforum, ein Verband von Geofachleuten, und die Unesco förderten das Projekt. Schliesslich fand es auch die Unterstützung des Bundesamtes für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal), wie Buwal-Vizedirektor Willy Geiger erklärte.

Für Peter Jordan, den Präsidenten der Arbeitsgruppe zum Schutz der Geotope in der Schweiz, ist die Bewusstseins-Förderung für geologische Gebiete extrem wichtig. Denn: «Es gibt keine Pflanzen ohne ein gesundes Substrat darunter.» Ein Geotop sei wie eine Seite aus dem Buch des Lebens. «Wir lesen die Veränderung aus den Steinen ab.»

Begehbar gemacht

Konkret hat man im «Parco delle Gole della Breggia», so der offizielle Name, ein Wanderwegnetz von knapp sechs Kilometern Länge angelegt. Der hintere Teil der Schlucht, den man bisher nur watend durch die Breggia erkunden konnte, lässt sich jetzt bequem von der Flanke aus betrachten.

Eine spektakuläre, neue Holzbrüccke verbindet die beiden Seiten der Schlucht. Leider fehlen noch die Schautafeln, welche die geologischen Attraktionen beschreiben. Und auch die Geo-Karte kommt erst im Dezember auf den Markt.

Zur Eröffnung ist ein faktenreiches Faltblatt (bisher nur auf Italienisch) erschienen. Auf Wunsch leiten Führer durch den Park, der am unteren Eingang, dem Mulino di Ghitello, über ein Dokumentationszentrum und eine Art Visitor Center verfügt. Zahlreiche Schulklassen, auch aus der Deutschen Schweiz, haben diesen Service schon in Anspruch genommen.

Das Erbe des Zementwerkes

Der Geopark Breggia ist kein reiner Naturpark. Dies machen die Camions deutlich, die unter der Woche pausenlos zum ehemaligen Zementwerk Saceba fahren. Monsterhaft liegt diese Industrie-Struktur vor der eigentlichen Schlucht auf einer kleinen Ebene. Pro Natura hatte stets den Abriss der Anlage gefordert, deren Geschichte vielen Leuten in der Gegend in unheilvoller Erinnerung ist.

In den 60-er und 70-er Jahren beutete die Saceba den angrenzenden Berg so lange aus, bis die am oberen Schluchtrand liegende Chiesa rossa von Castel San Pietro abzurutschen drohte. Erst dann wurde der Abbau verboten, der Bergrücken musste renaturiert werden. «Für uns ist die Saceba ein Element im Park, ein Teil in der Entwicklung dieser Gegend», sagt Felber. Industrieärchaologie heisst dies in der Parkbroschüre.

Intelligenter Bildungstourismus

Der Breggia-Park ist bisher ein Unikum in der Schweiz. Aber so soll es nicht lange bleiben. Weit fortgeschritten ist auch das Projekt in der Region «Sarganserland, Walensee, Glarnerland». Ausserdem gibt es für den Jura (Creux du Van) und die westlichen Voralpen (Beatenberg-Hohgant) Vorschläge. Ein Unesco-Label soll dereinst eine hochstehende Qualität dieser Parks zum Zwecke eines intelligenten Bildungstourismus garantieren.

In der EU ist ein solches Label für vier bestehende «Europaean Geoparks» bereits Realität. Dieses Label ist aber auf die Länder der Europäischen Union begrenzt; die Schweiz kann es somit nicht anwenden. «Wir haben also ein weiteres Argument, der EU beizutreten», ironisierte gestern Peter Heitzmann, Abteilungschef von der Sektion Geologie im Buwal.

Gerhard Lob

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