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Kirchen-Austritte mehren sich

Vor allem 20- bis 35-Jährige treten aus der Kirche aus. Keystone

Immer mehr Schweizer verlassen die Kirche. Materielle Gründe sind dabei ausschlaggebend. Die Kirchen suchen nach einer neuen "Kunden-Orientierung".

Trotz Kirchen-Austritten halten die zwei grossen Schweizer Kirchen einen «Marktanteil» von 80 Prozent. Um diesen nicht zu verlieren müssen sich die zwei grossen öffentlich-rechtlich anerkannten Landeskirchen an ihren «Kunden» orientieren.

Das Bindungsverhalten in der Gesellschaft habe sich generell verändert, begründet Alfred Dubach, Leiter des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institutes in St.Gallen die Kirchenaustritte. «Es herrscht hier in den meisten Bereichen ein Kosten-Nutzen denken.»

Dennoch seien immer noch rund 80 Prozent der Schweizer Angehörige der reformierten oder der römisch-katholische Kirche. «Damit sind die grossen Landeskirchen der grösste ‚Mitgliederverband‘ der Schweiz», sagt Dubach. Hauptgrund dafür sei, dass sich jeder individuell zur Kirche positionieren könne -im Gegensatz zu anderen Vereinen.

Kirchenaustritte seien oft auf materielle Gründe zurückzuführen. «Doch dahinter steckt immer mehr,» sagt Dubach. Bei Austretenden sei die Kirche auf der Wertskala nach unten gerutscht. Das Einsparen der Kirchensteuer gelte jedoch als einfachster, plausibler Grund für den Austritt. Zusätzlich führen Vorfälle, die Kirchenmitglieder ärgern, vermehrt zu Austritten.

Meist Städter

Austretende haben laut Dubach ein bestimmtes Profil. Sie sind meist Städter, deren anonymer, mobiler Lebensstil dem traditionellen Gemeinschaftsleben mit hohem sozialen Druck gegenübersteht. Wer gut gebildet sei und als Medien-Schaffender oder Künstler arbeite, neige vermehrt zum Austritt, ebenso wie Geschiedene und Ledige.

Auf den ersten Blick erstaunt, dass immer noch rund 90 Prozent der Kinder getauft werden: «Die Eltern wollen für ihre Kinder einen Lebensanker». Wenn die Kinder aber selber entscheiden können, würden sie oft austreten. Deshalb häufen sich die Austritte im Alter von 20 bis 35 Jahren.

Kundenorientierung

Motivation, Mitglied der Kirche zu bleiben, ist laut Dubach zum Beispiel der Wunsch nach einem «anständigen» Begräbnis. Auch die verschiedenen sozialen Leistungen der Kirche würden geschätzt: «Die Kirche fängt Hilfsbedürftige auf, die durch das soziale Netz gefallen sind.»

Doch die Kirche habe ihre Monopolstellung verloren und Konkurrenz erhalten: «Es gibt viele weitere ‚Nischenprodukte‘, wie zum Beispiel Esoterik», sagt Dubach.

Wenn die Kirchen ihre Mitglieder behalten wollen, sollten sie nicht moralisieren. Sie müssten vermehrt auf die Bedürfnisse des Einzelnen eingehen und Hilfe zur Selbsthilfe bieten – sich sozusagen «kundenfreundlich» orientieren.

Sinnsuche

Ob Austretende an gar nichts mehr glauben würden oder den Lebenssinn anderswo suchen, sei Gegenstand der Forschung, sagt der Religionssoziologe Hubert Knoblauch von Theologischen Fakultät der Universität Zürich. Massgebend bei dieser Frage sei, ob ein Mensch generell auf Sinnsuche sei, denn: «Auch in Elvis Presley kann man einen Sinn finden.»

Kirchenaustritte seien zudem wellenartige gesellschaftliche Erscheinungen, die es seit rund 200 Jahren gebe. So haben laut Knoblauch die Staatenbildung nach der französischen Revolution wie auch der Zusammenbruch der Ostblockstaaten vermehrt Austritte zur Folge gehabt.

swissinfo und Agenturen

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