«Kyoto ist nur ein erster Schritt.»
Die Bonner Weltklima-Konferenz von nächster Woche steht unter einem schlechten Stern. Viele befürchten, dass dem Protokoll von Kyoto das Ende bevorsteht. Wurden die Ziele in unverantwortlicher Weise zu hoch gesteckt? Ein Interview mit Klimaforscher Professor Thomas Stocker von der Universität Bern.
Die Schweizer Delegation geht ohne grosse Hoffnungen an die Bonner Klimakonferenz. Teilen Sie diese pessimistische Haltung?
Ja. Das ist eine realistische Einschätzung der momentanen Lage. Denn solange der grösste Pro-Kopf-Emittent der Welt, die Vereinigten Staaten, keine Anstalten macht, sich den Kyoto-Positionen zu nähern, bleibt wenig Raum für Hoffnung.
Könnte man nicht auch ohne die USA zu einer Einigung kommen?
Ich denke, dies hat keine langfristige Basis. Die Klimaerwärmung ist ein globales und langfristiges Problem. Gerade in der Anfangsphase ist es entscheidend, die wichtigsten Partner einzubinden. Dazu gehören die Vereinigten Staaten, Japan und Russland.
Angenommen, es kommt zu keiner Einigung. Was bedeutet dies für den weltweiten Klimaschutz?
Auf der politischen Ebene wird man sich wohl noch einmal Gedanken machen müssen, wie genau die Ausformulierung und Ausgestaltung des Kyoto-Protokolls oder eines Nachfolge-Protokolls auszusehen hat.
Für den Klimaschutz bedeutet es, dass die wissenschaftlichen Fakten wiederum ignoriert werden, und dass wieder wertvolle Zeit verloren geht.
Es gibt Stimmen, die bezeichnen Kyoto als verpasste Chance. Es gehe heute weniger um Prozentzahlen als um ein rechtlich verbindliches Abkommen überhaupt. Sind die Ziele des Kyoto-Protokolls zu hoch gesteckt und verunmöglichen dadurch eine Einigung?
Von der Klima-Forschung her muss man sagen, dass das Kyoto-Protokoll tatsächlich das Minimum darstellt. Wir wissen, dass wenn wir die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre global stabilisieren wollen, dann müssen die Emissionen bis in etwa 20, 30 Jahren auf dem Niveau eingependelt werden, und dann in einem zweiten Schritt drastisch reduziert werden. Kyoto ist nur ein erster Schritt.
Wäre es politisch klüger gewesen, man hätte die Ziele tiefer geschraubt?
Ich könnte mir vorstellen, dass es etwas leichter gewesen wäre. Andererseits ist es eine Illusion zu glauben, dass sich Staaten wie die USA, in denen die Energiebeschaffung klassischer Art immer noch eine zentrale Rolle spielt, bei tieferen Werten flexibler gezeigt hätten. Gerade in den USA stösst auch die kleinste Einschränkung auf erbittertsten politischen Widerstand.
Ist es für die tatsächlich ablaufende Klimaentwicklung überhaupt entscheidend, ob man sich einige Jahre früher oder später auf ein solches Klimaprotokoll einigt.
Das ist entscheidend aus zwei Gründen. Je früher wir beginnen, desto grösser ist der Handlungsspielraum später. Das heisst, wir haben verschiedene Wege, wie wir ein Ziel anvisieren können. Der zweite Grund hat mit der Dynamik des Klimasystems zu tun. Je länger man wartet desto weiter wird die Erwärmung fortgeschritten sein, und dies kann zu nicht umkehrbaren Veränderungen im Klimasystem führen. Beispiele sind der Rückzug der Alpengletscher oder das Abschmelzen der Meereisdecke in der Arktis.
Wie viel Zeit bleibt der internationalen Gemeinschaft, um sich auf ein verbindliches Abkommen zu einigen?
Das ist schwierig zu sagen. Niemand ist imstande, eine genaue Jahreszahl anzugeben. Letztes Jahr habe ich noch gehofft, dass Kyoto nach der Den Haag-Konferenz ein realistisches Ziel darstellt. Es scheint, dass dieses Ziel nun nicht erreicht wird. Es könnte ja sein, dass man in zehn Jahren beschliesst, dass ganz drastische Massnahmen erforderlich sind und aus diesem Grund schneller gehandelt wird. Dabei ist aber zu bedenken, dass dies langfristig die teurere Wahl ist, als wenn man jetzt bereits beginnt.
Die Schweiz ist in Sachen Klimaschutz sehr engagiert. Was bedeutet ein Scheitern der Bonner Klimakonferenz für die Schweizer Klimaforschung?
Auf die Forschung hat dies keine grossen Auswirkungen. Wir werden uns weiter auf nationaler und internationaler Ebene engagieren und in den internationalen Wissenschafts-Gremien mitarbeiten.
Interview Hansjörg Bolliger
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