Medizin: Beratungsstelle gegen sexuelle Übergriffe
In Basel ist schweizweit erstmals eine Beratungsstelle für Opfer sexueller Übergriffe durch Fachleute im Gesundheitswesen eröffnet worden.
Gemäss einer kanadischen Studie ist anzunehmen, dass rund ein Prozent der Bevölkerung innert fünf Jahren sexuellen Missbrauch durch medizinische Fachleute erleidet.
Die Notwendigkeit der Schaffung einer solchen Beratungsstelle habe sich in den letzten Jahren abgezeichnet, sagte der Arzt Werner Tschan. Zwar gebe es keine schweizerische Studie zu diesem Thema, immerhin aber Einzelfälle.
Laut einer Hochrechnung seien in der Schweiz rund 14’000 Personen mindestens einmal von einer medizinischen Fachperson sexuell missbraucht worden.
Keine Sanktionen gegen Täter
Die neue Patienten-Anlauf- und Beratungsstelle für Opfer sexueller Übergriffe durch Fachleute im Gesundheitswesen (PABS) berät und betreut Betroffene.
Dem Beratungsteam gehören sechs niedergelassene Ärztinnen und Ärzte verschiedener Fachrichtungen an. Das Ziel der Betreuung soll sein, posttraumatische Belastungsstörungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.
Die PABS kann jedoch keine Sanktionen gegen die Täter aussprechen. Bestätigt sich ein Verdacht gegen eine Fachperson, muss das Opfer selber die die notwendigen Schritte einleiten.
Eine Steuerungsgruppe amtet als Aufsichtsrat über die Tätigkeit der PABS. Sie wählt die Mitglieder des Beratungsteams und ist für dessen Ausbildung zuständig. Sie hat auch eine Tutoriats-Funktion gegenüber dem Beratungsteam und stellt Kontakte zu Ombudsman, Ehrenrat, Kantonsarzt und öffentlichen Beratungsstellen her.
Pionier-Stelle
Betroffene Patientinnen und Patienten können sich über die (Schweizer) Telefonnummer 061 279 91 49 bei der Medizinischen Notruf-Zentrale melden, welche die Weiterleitung an die PABS vornimmt. Zur Information der Öffentlichkeit soll ein Merkblatt in den Arztpraxen aufgelegt werden.
Sexuelle Handlungen gegenüber Patientinnen und Patienten seien mit der ärztlichen Tätigkeit in keinem Fall vereinbar, betonte die Ärzteschaft. Deshalb habe die Mitgliederversammlung im März 2001 auch die Schaffung der PABS befürwortet.
Laut Tschan ist die PABS in Basel einzigartig in der Schweiz. Sie sei eine neue Herausforderung für die medizinischen Fachleute. Zwar wisse man heute, dass drei Prozent der Anzeigen gegen Ärzte ungerechtfertigt sind, sagte der Hausarzt Pierre Périat. Es bestehe jedoch ein Interesse der Ärzteschaft, auch solche Fälle zu klären.
swissinfo und Agenturen
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