New York sechs Monate danach
New York gedenkt sechs Monate nach dem Anschlag mit zwei Gedenkstätten der Opfer. swissinfo sprach mit New Yorker Schweizern.
Die erste «Gedenkstätte» besteht aus zwei vertikalen, eine Meile hohen Lichtstrahlen, welche während eines Monats den Nachthimmel an der Stelle beleuchten wird, wo die Türme einst standen.
In einer zweiten Feier wird die beschädigte, 15 Fuss hohe «Sphere», welche aus den Trümmern der WTC Plaza gerettet wurde, im nahegelegenen Battery Park aufgestellt.
In nur wenigen Stunden veränderten die Anschläge vom September die Skyline und das Leben der New Yorker. Und noch ein halbes Jahr nach dem Albtraum, in dem gegen dreitausend Menschen das Leben verloren, sind die Erinnerungen an diesen Tag noch immer schockierend lebendig.
Jeder New Yorker hat seine Geschichte dazu. Viele verloren Familienmitglieder und Freunde, und durch das Fehlen der Türme werden alle immer wieder daran erinnert.
Eine Lücke in der Skyline
Von Manhattan aus fällt das grosse Loch in der Skyline von New York am stärksten auf. Das Gebiet, wo die Türme einst standen, ist abgesperrt, und die Leute schauen nach oben, als ob sie sich vergewissern wollten, dass es wirklich passiert ist.
Auch sechs Monate später ist das Gefühl des Surrealismus und des Horrors noch immer sehr stark. Annatina Miescher, die Schweizer Direktorin einer ambulanten Abteilung für Alkoholiker am New Yorker Spital Bellevue, sieht die furchtbaren Ereignisse noch heute vor ihrem inneren Auge.
«Ich erinnere mich daran, wie ich an jenem Tag zur Arbeit ging und fühle dieses Flugzeug über meinen Kopf kriechen», sagt sie gegenüber swissinfo. «Der Himmel war blau und irgendwie unheimlich.»
Peter Jordi, ein weiterer Schweizer in New York, arbeitete in seinem Büro, drei Blocks vom WTC entfernt, als die erste Maschine in das Gebäude schoss.
«Es wurde ganz dunkel», sagt er. «Wir hörten die Explosionen und Warnungen. Es war das totale Chaos. Wir konnten nicht hinaus. Draussen war alles voller Rauch und fallender Trümmer. Man konnte nicht atmen. Wir mussten um die zwei Stunden drinnen bleiben.»
Feuerwehrleute, die zu Helden wurden
In den Stunden und Tagen nach dem Angriff arbeiteten die Rettungsdienste rund um die Uhr, um Überlebende zu finden. Die New Yorker Feuerwehrleute verloren viele ihrer Kollegen und wurden zu Nationalhelden.
Auch der Polizei wird heute mit neuem Respekt begegnet. Aber weil es so viele Tote gab, hatten die Spitäler der Stadt weniger Verletzte zu versorgen als erwartet.
«Wir erwarteten Tausende von Verletzten», erinnert sich Annatina Miescher. «Alle waren auf Pikett – alle Ärzte, Schwestern und Pfleger. Wer von den Patienten auf einem Bein humpeln konnte, wurde heimgeschickt, damit genügend Betten frei waren. Und dann kam niemand.»
Patriotismus
Die Anschläge führten auch zu einer grösseren Solidarität unter den Bewohnern New Yorks, und zu verstärktem Patriotismus, der bei den Amerikanern ohnehin immer nah unter der Oberfläche liegt.
«Es gab eine richtiggehende Epidemie von amerikanischen Fahnen, auf Kugelschreibern, Mützen, Fahrrädern – alles, wo man eine Fahne anbringen konnte, wurde damit dekoriert», fügt Miescher bei.
«In Notzeiten oder auch nur, wenn ihnen die eigene Verletzlichkeit bewusst wird, rücken die Amerikaner enger zusammen und finden zu neuer Kraft und einem Sinn der Identität.»
Das Leben in New York geht weiter
New York und seine Menschen sind so aufmüpfig wie eh und je, aber die gemeinsame Erfahrung machte alles etwas weicher.
«Die Stadt wurde wieder lebenswert», meint Peter Jordi, «die Leute tragen Sorge zu einander.»
Gleich nach den Anschlägen dachten viele Ausländer, aber auch nicht wenige New Yorker, ans Wegziehen. Aber die Stadt hat eine unwiderstehliche Anziehungskraft, und die meisten sind heute ganz froh, dass sie geblieben sind.
Michael Hollingdale
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