Tumore aushungern
Schweizer und italienische Forscher haben grosse Fortschritte erzielt bei der Zerstörung von Tumoren - ohne das gesunde Gewebe zu verletzen.
Tumore sollen regelrecht ausgehungert werden: Nach erfolgreichen Resultaten in den Tierversuchen beginnen nun die klinischen Experimente an Menschen, wie Dario Neri, Professor für molekulare Strukturbiologie an der ETH Zürich, gegenüber swissinfo bestätigte.
Sollte es klappen, «dann ist der Weg frei, um diese Antikörper in der Therapie einzusetzen», sagt Neri.
Konkret geht es bei der modernen Krebsbekämpfung um so genannte «Targets»: Um bestimmte Eiweiss-Strukturen in und an den Krebszellen, die den Medikamenten als Andockstelle dienen. Nur wenn ein Wirkstoff an eine Zelle andocken kann, lassen sich Zellvorgänge beeinflussen.
Identische Andockstellen bei Tier und Mensch
«Das Schöne ist, dass die Targets, mit denen wir arbeiten, in Maus, Ratte, Hund, Kaninchen, Affe und Mensch von der Sequenz her identisch sind», sagt Neri. Deshalb sind die Wissenschaftler optimistisch für die Anwendung am Menschen.
Vorangegangen waren diesem Schritt fünf Jahre mit Tierexperimenten: Zuerst musste ein Tumor-Marker gefunden werden – Eiweisse, welche sich im Tumor befinden, jedoch nicht im gesunden Gewebe. Dann ging es darum, menschliche Antikörper zu entwickeln, welche speziell diese Tumor-Marker erkennen. Und so die Medikamente direkt dorthin führen.
Blutversorgung des Krebses unterbinden
«Wir haben als erste Gruppe menschliche Antikörper entwickelt, welche gezielt Blutgefässe in Tumoren erkennen», erklärt Dario Neri. Indem gezielt Chemotherapien in die Blutgefässe des Krebses gebracht werden kann, wird der Tumor sozusagen ausgehungert. «Der Tumor stirbt, wenn er nicht mit Blut versorgt wird.»
In der März-Ausgabe der Fachzeitschrift «Nature Biotechnology» zeigt das Team nun die Wirksamkeit der Behandlung an Tieren.
Das Ziel, die Blutversorgung des Tumors zu unterbinden, wird seit einigen Jahren weltweit von verschiedenen Forschungsgruppen verfolgt. Neben der Arbeit mit Antikörpern gibt es auch Bestrebungen, direkt mit Medikamenten einzugreifen – bisher waren jedoch die klinischen Erfolge bescheiden.
Klinische Studien
Die ersten klinischen Versuche mit den Antikörpern haben in Italien bereits begonnen, die Zustimmung für Experimente in Zürich und Basel liegt auf dem Tisch.
Dies sei ein wichtiger Schritt, sagt der Onkologe Rolf Stahel, Präsident des Schweizerischen Instituts für Angewandte Krebsforschung. «Gerade weil etwas Neues aus dem Labor in die Klinik getragen wird, ist das sehr wichtig. Das gibt schon Anlass zu Hoffnungen.»
Noch sind allerdings neue Therapien für Patientinnen und Patienten nicht Realität: Im nächsten Schritt geht es darum festzustellen, ob auch in Menschen die Antikörper ihr Ziel, die Andockstellen, finden – effizient und zielgerichtet. Zumindest theoretisch, so der Forscher, müsste das Ganze bei allen soliden Tumoren funktionieren, da die Blutversorgung überall zentral ist.
Bevor er irgendwelche Hoffnungen schürt, will auch Dario Neri die Ergebnisse der Versuche abwarten: «Wir haben eine Anzahl vielversprechender Resultate, doch diese müssen in der Klinik noch bestätigt werden.»
Vincent Landon
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