Verunsicherte Schweizer
Der letzte Katastrophenherbst hat sich negativ auf die Befindlichkeit von Herr und Frau Schweizer ausgewirkt: Es herrscht Verunsicherung.
Die Terroranschläge in den USA, der Krieg mit Afghanistan, der Amoklauf im Zuger Parlament, der Brand im Gotthardtunnel und das Swissair-Grounding haben tiefe Spuren hinterlassen im Seelenleben der Schweizerinnen und Schweizer. Sie sind verunsichert, haben mehr Angst vor Kriminalität und beurteilen die Asylpolitik zunehmend negativer. Die Jungen flüchten in ein schrilles, hedonistisches Lebensgefühl.
Zu diesem Schluss kommt DemoSCOPE. Das Marktforschungs-Institut befragte im November 2001 im Rahmen der seit 28 Jahren laufenden Langzeitstudie zur Befindlichkeit der Schweizerinnen und Schweizer 1004 Personen. Gemäss der im März veröffentlichten Resultate schätzten 13 Prozent mehr als im Jahr zuvor die Sicherheit auf der Welt als schwer beeinträchtigt ein.
Allgemeine und diffuse Reaktionen
Vor allem die Jüngeren zeigten sich überdurchschnittlich besorgt und gesellten sich damit zu den über 60-Jährigen. Vielleicht führe diese Verunsicherung bei den Jungen wieder zu einem verstärkten politischen Engagement – in welcher Richtung auch immer.
Die Verunsicherung der Bevölkerung und die Reaktionen darauf seien allgemein und diffus, schreibt das Institut in seinem Bulletin. Herr und Frau Schweizer reagierten mit einem Rückzug auf bewährte Positionen.
Da Terroranschläge und Kriminalität mit dem Ausland und speziell dem Islam in Verbindung gebracht würden, wachse die Kritik am Asylwesen. Erstmals seit Mitte der 90er Jahre überwiege die Ablehnung. Eine liberalere Asylpolitik dürfte deshalb künftig einen schweren Stand haben. Dafür wird die Armee wieder positiver beurteilt, besonders bei den Westschweizern und Jungen.
Hauptsache Genuss
Ein Teil der jüngeren Schweizerinnen und Schweizer antworte auf die Verunsicherung zudem mit gesteigertem Hedonismus. Der Schrecken der Welt werde mit einem schrillen Lebensgefühl übertüncht, schreibt DemoSCOPE.
Interessanterweise reagierten die Schweizerinnen und Schweizer auf die Katastrophen rational statt emotional. Gemäss DemoSCOPE hätten die Krisen nicht zu einer grösseren Welle von Emotionen wie Trauer, Hass und Frustration geführt, sondern zu gesteigerter Bereitschaft, Probleme sachlich und überlegt anzupacken.
Nicht die Betroffenheit, das Einfühlungsvermögen, die Hilfsbereitschaft und Toleranz seien gestiegen, sondern im Gegenteil eine nüchterne, egoistische und sich abschottende Haltung.
Schnell nach New York oder ins Tessin
Unabhängig vom Katastrophenherbst habe der Trend zur Bequemlichkeit letztes Jahr noch mehr zugenommen. Herr und Frau Schweizer wollten das Leben in vollen Zügen geniessen. Der spontane Ausflug ins Tessin gehörten ebenso dazu wie der Flug mit einer Schweizer Airline nach New York – Katastrophen hin oder her.
swissinfo und Agenturen
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