Zukunft ermöglichen
Den Ärmsten der Armen in Brasilien bleibt nur das Vertrauen auf die eigene Kraft. Die Schweizer Nichtregierungs-Organisation "E-Changer" unterstützt sie.
Einsam und verlassen wirkt die Strasse, die sich anderthalb Fahrstunden nördlich von São Paulo durch die grüne Hügellandschaft schlängelt. Doch unvermittelt tauchen am Strassenrand die aus Bambus und schwarzen Plastikblachen gefertigten Hütten von Landbesetzern auf.
Rund 40 Familien, vorwiegend aus São Paulo, leben in diesem provisorischen Lager. Mit ihrer Besetzung wollen die Bewohner Druck auf die Behörden machen, damit diese ihnen die Landrechte für eine dauerhafte Siedlung überträgt.
Prekäre Lage
Doch die Menschen in «Chico Mendez», wie das Lager in Erinnerung an den ermordeten brasilianischen Umweltschützer heisst, brauchen einen langen Atem. Schon sechsmal mussten sie ihr Lager in den vergangenen zweieinhalb Jahren räumen und woanders wieder aufbauen.
Von den anfangs 180 Familien haben nur fünf die ganze Zeit durchgehalten. Der Rest ging wieder zurück in die Favelas der Grossstadt. Zu prekär waren für sie die Lebensbedingungen: kein fliessendes Wasser, keine Elektrizität.
In der Stadt chancenlos
Langsam beginnt aber das Lager wieder zu wachsen. Die Besetzer wissen, dass sie in der Stadt keine Perspektive haben.
Geronimo, einst Sicherheits-Angestellter einer Bank, bringt es gegenüber der Schweizer Delegation, die auf Einladung von E-Changer das Lager besucht, auf den Punkt: Er bleibe hier, denn er sei sich bewusst, dass er auf dem Arbeitsmarkt ohnehin keine Chance habe. «Und wenn ich hier sterbe, dann weiss ich wenigstens, dass ich meinen Kindern eine bessere Ausgangslage geschaffen habe.»
Hilfe zur Selbsthilfe
Die meisten Besetzungen sind früher oder später erfolgreich. Gründe dafür sind die sorgfältige Planung, «professionelle» Durchführung sowie juristische Begleitung der Besetzungen durch den MST (Movimento Sem Terra / Bewegung der Landlosen). Die Fahne des MST weht denn auch über «Chico Mendez» und gibt den Besetzern die Gewissheit, dass sie Teil einer landesweiten Bewegung sind.
Der MST ist einer von drei lokalen Partnern von E-Changer in Brasilien. Die Schweizer Nichtregierungs-Organisation beschreitet dabei neue Wege der Entwicklungs-Zusammenarbeit. Es geht darum, die Selbstachtung der Menschen zu stärken und sie so überhaupt erst zur Selbsthilfe zu befähigen. Dieses Ziel verfolgt E-Changer in Brasilien mit rund 20 Freiwilligen, die eng mit den dortigen sozialen Bewegungen zusammen arbeiten.
Dreijähriger Einsatz
Eine dieser Freiwilligen ist die 31-jährige Krankenschwester Mireille «Mirela» Borloz aus Montreux. Wie alle Freiwilligen von E-Changer hat sie sich nach einer einjährigen Ausbildung für einen dreijährigen Einsatz verpflichtet. «Diese drei Jahre haben mir zuerst Angst gemacht.», sagt Mirela gegenüber swissinfo. «Aber schliesslich geht es um ein Entwicklungs-Projekt, und da braucht es diese Zeit, um etwas aufzubauen, das auch Bestand hat.»
Motivierende Allrounder
«Die Gegenwart eines Freiwilligen ist in erster Line eine riesige Motivation. Die Leute spüren: ‚Wir sind etwas, wir sind Personen, die Wert, die Würde haben'», erklärt der Koordinator von E-Changer, Beat «Tuto» Wehrle, die Bedeutung der Freiwilligen für die von Lethargie und Hoffnungslosigkeit gelähmten Menschen in den Favelas. «Es geht darum, an eine veränderte Zukunft zu glauben und im heute zu versuchen, diese Veränderungen zu ermöglichen und vorwärts zu treiben.»
Die Freiwilligen von E-Changer sind denn auch keine spezialisierten Techniker, wie sie sonst häufig in der Entwicklungs-Zusammenarbeit anzutreffen sind, sondern Allrounder.
Alternative Apotheken
Seit 14 Monaten ist Mirela nun in Brasilien und arbeitet in fünf verschiedenen Lagern. Aufgrund ihrer Ausbildung unterstützt sie die landlosen Familien im Gesundheitsbereich und organisiert Kurse in Hygiene und Prävention.
Als E-Changer-Freiwillige besteht Mirelas eigentliche Aufgabe aber darin, die Menschen zur Selbsthilfe zu motivieren. Sie zeigt den mittellosen Landbesetzern, wie sie sich angesichts der hohen Medikamentenpreise kostenlos Zugang zur Alternativmedizin verschaffen können.
Ziel ist, dass jedes Lager einen Heilkräuter-Garten anlegt und so über eine eigene Apotheke verfügt. «Meine Rolle besteht darin, die Leute für dieses Projekt zu motivieren und sie mit Fachwissen zu unterstützen.» Ihre Arbeit sei notwendig, denn leider komme solch ein Projekt nicht von alleine in Gang und benötige stets einen Impuls von Aussen.
Gebt uns Land
Rund 80’000 Familien leben in Brasilien in provisorischen Lagern wie «Chico Mendez». Gegen 350’000 sind mittlerweile durch die Besetzung von brach liegenden Ländereien in den Besitz von Landtiteln gekommen und leben heute in menschenwürdigeren Behausungen.
Die Menschen von «Chico Mendez» sind entschlossen auszuharren, bis auch sie ihr eigenes Stück Land besitzen. Samuel, der Sänger des Lagers, blickt in den Himmel und ruft: «O Herr, sorge dafür, dass wir das Land endlich bekommen, denn die Stadt bietet uns keine Zukunft.»
Hansjörg Bolliger, Sonderkorrespondent São Paulo
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