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1945 – Auslandschweizer Kinder mitten im Krieg

Die ehemaligen Auslandschweizerkinder Barbara Grünwald, Dora Warth und Eberhard Notter erzählen über ihre Flucht. Cecilia Bozolli

Der Zweite Weltkrieg bedeutete auch für die Schweizerinnen und Schweizer im Ausland eine grosse Herausforderung. Der Krieg zwang die meisten von ihnen zur Flucht. Die Rückkehr in die Schweiz war aber oft nicht unproblematisch.

Dieser Inhalt wurde am 13. November 2020 - 11:05 publiziert
Barbara Meyer - SRF

In der Audio-Serie "1945 – Auslandschweizerkinder mitten im Krieg" des Schweizerischen Radio SRF erzählen die Zeitzeugen Dora Warth, Eberhard Notter und Barbara Grünwald über ihre Erlebnisse in Ostpommern und Ostpreussen.

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Dora Warth

Bei ihrer Geburt 1932 dachte niemand, dass Dora Warth den grossen Teil ihres Lebens im St. Galler Rheintal verbringen würde. Ihr Leben auf einem grossen Gutshof in Niederschlesien begann unbeschwert, erinnert sie sich.

Ihr Vater hatte als Melkerlehrmeister eine privilegierte Position im Dorf. «Besser konnte man es nicht haben in Friedenszeiten», sagt sie.

Dora Warth war Auslandschweizerkind der dritten Generation. Ihr Grossvater hatte Ende des 19. Jahrhunderts, wie viele andere Schweizer Melker, Arbeit auf einem der grossen Güter im Osten Deutschlands gefunden.

Dass sie Schweizer Staatsbürger waren, fiel erst mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges auf. Die 7-jährige Dora wurde nun regelmässig darauf angesprochen, dass ihr Vater im Gegensatz zu den deutschen Männern nicht eingezogen wurde. (Folge 1)

Dora Warth zeigt ein Bild aus ihrer Kindheit, als sie für eine kurze Zeit in einem Flüchtlingsheim wohnen musste. Heute lebt die 88-Jährige in Altstätten, Kanton St. Gallen. SRF / CLAUDIA HERZOG

Wirklich greifbar wurde der Krieg für die Primarschülerin erst, als es regelmässig Fliegeralarm gab und als immer mehr Flüchtlinge ins Dorf kamen. Als die Front dann immer näher rückte, bekam das Dorf schliesslich im Herbst 1944 den Befehl zur Flucht.

Ein halbes Jahr war die vierköpfige Familie im immer grösser werdenden Flüchtlingstreck unterwegs, zu Fuss bei bis zu minus 20 Grad. Beim Kriegsende landete die Familie im von den Russen besetzten Gebiet. Fast ein Jahr harrte sie mit Dutzenden weiteren Flüchtlingen in einem Heustock in Sachsen aus.

Durch einen Zufall erfuhr der Vater von einem improvisierten Schweizer Konsulat in einem Keller in Dresden. Dort weihte man sie in einen geheimen Plan ein. Eines Nachts wurden sie in einem abgelegenen Riedgebiet, zusammen mit einigen andern Auslandschweizern, von amerikanischen Soldaten abgeholt. 

Nach Aufenthalten im Flüchtlingslager in Berlin Tempelhof und Hannover erreichten sie Ende 1946 mit einem Extrazug die Schweiz. (Folge 2)

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Im Gegensatz zu vielen anderen Rückkehrern blieb Dora Warths Familie anschliessend ein langer Aufenthalt in einem Rückwandererheim erspart. Der Vater fand direkt Arbeit in einem Metallwerk in Dornach und die Familie liess sich dann schliesslich in Altstätten im St. Galler Rheintal nieder.

Von der Schweiz bekam die Familie nach dem Krieg kaum Hilfe: "Altstätten wusste nicht, was man mit den Flüchtlingen anfangen sollte."

So habe man ihnen anfangs Leintücher spenden wollen, dabei hätten sie nicht einmal ein Bett oder eine Matratze gehabt. Die 2000 Franken, die eigentlich jede Rückwandererfamilie hätte bekommen sollen, seien bei ihnen nicht angekommen. (Folge 3) 

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Eberhard Notter

Eberhard Notter kam am 27. November 1941 in Ostpommern zur Welt. Damals gehörte das Gebiet zu Deutschland, heute zu Polen. Sein Grossvater war aus der Schweiz nach Ostpommern ausgewandert und arbeitete als Melker. Auch sein Vater war Obermelker.

Im Krieg versuchte der Vater seine siebenköpfige Familie mit einem Schutzbrief des Schweizer Konsulats vor Übergriffen der Russen zu bewahren. Trotzdem kam es regelmässig zu Plünderungen durch russische Soldaten, an die sich Eberhard Notter noch gut erinnert – obwohl er damals sehr klein war.

Eberhard Notter mit seinem Zwillingsbruder (vorne), seinem älteren Bruder und den zwei Schwestern. ZVG/SRF

Seine älteren Schwestern berichteten ihm später, dass die Mutter bei diesen Plünderungen ihr Gebiss herausnahm und sich als alte Frau verkleidete: als Schutz vor Vergewaltigungen. (Folge 1)

Kaum Hilfe vom Vaterland

Das Verhalten der offiziellen Schweiz gegenüber den Rückwanderern ist noch kaum aufgearbeitet. Historikerin Sabine Hofmann erforschte vor einigen Jahren die Situation der Auslandschweizerinnen im damaligen Ostpreussen und wertete unter anderem den offiziellen Schriftverkehr mit dem Konsulat vor Ort aus. Sie kommt zum Schluss, dass der Bundesrat die Situation lange falsch einschätzte.

Die Auslandschweizer im Osten Deutschlands konnten zu ihrem eigenen Schutz einen sogenannten konsularischen Schutzbrief beantragen. Dieser erwies sich jedoch in den meisten Fällen als nutzlos. Und auch als der grosse Teil der Auslandschweizerinnen zusammen mit der deutschen Bevölkerung floh, gelang es der Schweiz lange nicht, ihre Leute bei der Rückkehr in die Schweiz zu unterstützen.

Von den Rückwanderern an der Schweizer Grenze sei die Schweiz überrumpelt gewesen und habe in aller Eile Quarantäne- und Rückwandererlager errichten müssten, so Hofmann. Die Rückkehrer seien nicht gerne gesehen gewesen.

Tatsächlich bedeutete die Rückkehr von über 70'000 Auslandschweizern für die Schweiz eine grosse Belastung. Aus Deutschland waren es allein im Jahr 1945 fast 10'000, viele von ihnen komplett mittellos und auf finanzielle Hilfe angewiesen.

Sabine Hofmann: Schweizer in Ostpreussen am Ende des Zweiten Weltkrieges: Schutzmassnahmen und Heimschaffungsbemühungen der Schweizer Regierung, 1944-1948. VDM, 2009.

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Eine Zeit lang hat sich die ganze Familie im Wald versteckt, aus Angst vor den Russen. Schliesslich durfte der Vater mit offizieller Erlaubnis der Besatzer weiter auf dem Gutshof arbeiten und Kühe melken.

Ein Jahr nach Kriegsende mussten sie überstürzt ihr Zuhause verlassen. Polen hatte mit der Schweiz die Rückkehr der Auslandschweizer vereinbart. Ein Rotkreuzzug sammelte sie im ganzen Gebiet ein. Die lange Zugreise ist dem damals Vierjährigen noch in lebhafter Erinnerung. (Folge 2)

In der Schweiz angekommen, musste die Familie in Quarantäne und wurde danach auseinandergerissen: Eine Schwester musste krank im Quarantänelager ausharren. Sein hörbehinderter Zwillingsbruder kam in ein Heim für Blinde und Taube und Eberhard selbst in ein Kinderheim, wo der vermutlich mangelernährte Fünfjährige aufgepäppelt wurde. Der Rest der Familie lebte in einem Rückwandererheim im Tessin, während der Vater im Aargau Arbeit fand.

Zwei Jahre nach der Ankunft in der Schweiz war die Familie wieder vereint. Eberhard Notter selbst reiste in den 1990er-Jahren zurück in sein Heimatdorf im heutigen Polen. Eine emotionale Reise in die Vergangenheit. (Folge 3)

Barbara Grünwald

Barbara Grünwald kam am 24. Juni 1939 im Deutschen Ostpreussen zur Welt. Ihr Vater, ein Molkereifachmann, lebte in zweiter Generation in der Gegend, die heute zu Polen gehört. Seine Ausbildung und die Rekrutenschule machte er in der Schweiz, danach kehrte er zurück und heiratete eine Deutsche.

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Kaum war Barbara Grünwald auf der Welt, begann der Zweite Weltkrieg. Dass ihr Vater nicht in den Krieg musste, sorgte bei den Deutschen Frauen im Dorf für Neid. Der Schutzbrief des Schweizer Konsulats schützte sie aber nicht vor Übergriffen. Ihr Onkel wurde dennoch getötet. (Folge 1)

Barbara Grünwald, ihrem kleinen Bruder und ihren Eltern dagegen geschah nichts. Sie zogen immer wieder ein Dorf weiter, bevor die Front anrollte. Schliesslich wurden sie, zusammen mit dem ganzen Dorf, zur Flucht aufgefordert.

In einem improvisierten Treck flohen Frauen und Kinder mehre Wochen lang auf vereisten Strassen bis nach Mecklenburg. Dort stiess auch der Vater wieder zur Familie – er hatte zunächst den Befehl gehabt, die Molkerei weiterzuführen, floh dann aber mit dem Velo bei Minus 20 Grad und unter Beschuss eines russischen Fliegers. (Folge 2)

Von Mecklenburg aus schlug sich die Familie mit drei Koffern bis zu einem Onkel nach Österreich durch, wo der Vater sich Arbeit erhoffte. Als er nach mehrmaligem Umziehen in Österreich keine Arbeit als Molkereifachmann mehr fand, kam er nach Kriegsende mit seiner Familie in die Schweiz.

Barbara Grünwald mit ihrem Bruder Dieter. ZVG / SRF

Sie mussten in Quarantäne und kamen anschliessend in ein Rückwandererheim im Kanton Bern. Später zogen sie in den Kanton Aargau, wo der Vater Arbeit fand und wo Barbara Grünwald endlich zur Ruhe kommen konnte.

Eingewöhnt habe sie sich, trotz einiger Beschimpfungen als "Sauschwabe", recht schnell. Auch ihr Bruder und die Mutter haben sich rasch angepasst. Nur der Vater, der als einziger Schweizerdeutsch sprach, tat sich schwer mit der neuen Situation. Arbeit als Molkereifachmann fand er keine mehr.

Barbara Grünwald reiste nie mehr zurück an den Ort ihrer Geburt. Das dort heute Polnisch gesprochen wird, habe sie abgeschreckt, erzählt die heute 81-Jährige. (Folge 3)

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