Zwei Filmemacher auf der Suche nach der Schweizer Neutralität
Mit viel Witz setzen sich Stéphane Goël und Mehdi Atmani in ihrem Dokumentarfilm «En terrain neutre» mit einem zentralen Mythos der Schweiz auseinander. Ihr komisches Roadmovie hinterfragt die Neutralität des Landes in einer Zeit geopolitischer Spannungen – und porträtiert eine Schweiz zwischen Selbstbild, Widersprüchen und Identitätskrise.
Die Uhr tickt im Land von Rolex und Patek Philippe. Auf dem Spiel steht ein Gründungsmythos, der tief in der Schweizer Identität verwurzelt ist: Die Neutralität. Nachdem das Parlament die Neutralitätsinitiative des Vereins «Pro Schweiz» und SVP-Exponent:innen für eine «immerwährende und bewaffnete» Neutralität abgelehnt hat, muss voraussichtlich im Herbst das Stimmvolk darüber entscheiden, wie diese politisch konkret aussehen soll.
Die Abstimmung könnte eine tragende Säule der Schweizer Aussenpolitik neu definieren. Und die hitziger werdende Debatte ist eine gute Gelegenheit, jenes Merkmal der Schweiz zu hinterfragen, auf das sie historisch gesehen so stolz ist – und ein guter Moment für die schmerzhafte Frage: Was bedeutet Schweizer Neutralität inmitten der geopolitischen Turbulenzen des 21. Jahrhunderts?
Mit dieser Frage beschäftigen sich der Dokumentarfilmer Stéphane Goël und der Journalist Mehdi Atmani – 2020 zum Schweizer Journalisten des Jahres gekürt – in einem neuen Dokumentarfilm, der eine geistreiche Diagnose der Identitätskrise der Schweiz liefert. «En terrain neutre» («Auf neutralem Grund») ist ein Roadmovie mit trockenem Humor und politischer Kritik, in dem die Macher ihr Heimatland an einem Wendepunkt porträtieren.
«Wir versuchen, etwas zu definieren, das nicht definiert werden kann», sagt Goël nach der Weltpremiere ihres gemeinsamen Werks am Dokumentarfilmfestival Visions du Réel in Nyon. Atmani, der mit dem Film sein Regiedebüt gibt: «Für uns war es eine Gelegenheit, tiefer in die Psyche der Schweiz einzutauchen.»
Trailer des Films (auf Französisch):
Schweizer Identitäten über Kulturen und Generationen hinweg
Atmani und Goël stammen aus unterschiedlichen Generationen und haben unterschiedliche soziale Hintergründe: Der Journalist Atmani, algerischer Herkunft, wurde 1984 in Lausanne geboren, Goël hat Jahrgang 1965. Doch sie hatten denselben Antrieb, sagt Atmani: «Der Wunsch, die Schweizer Identität zu hinterfragen. Eine Art Psychoanalyse des Landes durchzuführen und den Wurzeln dessen auf den Grund zu gehen, was uns zu Schweizer:innen macht – oder auch nicht.»
Diese gemeinsame Neugier führte das Duo quer durch die Schweiz und weit darüber hinaus: nach New York City und in die entmilitarisierte Zone (DMZ) in Korea, wo sie absurde Momentaufnahmen einer Gesellschaft festhielten, die sich widerwillig einem tiefgreifenden Wandel unterzieht.
«En terrain neutre» zeigt junge Menschen, die mit der Aussicht auf den Militärdienst hadern. Handelsmessen, auf denen Schweizer Waffenhersteller von einem vom Krieg heimgesuchten Planeten profitieren – und einen Hotelier, der sein luxuriöses Spa-Hotel verkaufen möchte, das in einem Bunker in den Alpen liegt.
Der Besitzer bemerkt trocken, dass sein scheiterndes Geschäft – das für bescheidene acht Millionen Franken zum Verkauf steht – möglicherweise von ukrainischen Käufer:innen erworben wird. Eine ironische Szene, die zur unheimlichen Metapher für den Zusammenbruch des Schweizer Isolationismus macht.
Nach der Ukraine
Diese Szene verdeutlicht den Kern dessen, worum es im Dokumentarfilm geht: Wie der Begriff der Schweizer Neutralität nach der russischen Invasion in der Ukraine im Jahr 2022 unter Druck geriet.
«Das war der Beginn eines Momentums in unserer Geschichte, wo sich alles um unsere vermeintliche Neutralität dreht», sagt Goël. «Plötzlich sind wir Teil des UN-Sicherheitsrats, wo die Schweiz sogar zweimal den Vorsitz innehatte. Gleichzeitig sehen wir diese extreme Initiative von Pro Schweiz, die eine streng nationalistische und äusserst restriktive Sichtweise der Neutralität zur Abstimmung bringt. Wir haben all das miterlebt und dachten uns: Jetzt ist der richtige Moment, sich mit diesem vagen Thema der Neutralität auseinanderzusetzen.»
«En terrain neutre» demontiert die Schweizer Neutralität als mythisches Konstrukt. Mit einer frechen Geschichtsstunde erzählt der Film ihre unbequeme Entstehungsgeschichte: die entscheidende Niederlage der Alten Eidgenossenschaft gegen die französischen Truppen unter Franz I. in der Schlacht von Marignano (1515), die den Vorläufer des Schweizer Nationalstaates dazu veranlasste, sich endgültig von den europäischen Schlachtfeldern zurückzuziehen.
Im Laufe von fünf Jahrhunderten hat die moderne Schweizer Nation das, was einst eine militärische Demütigung war, in eine diplomatische Tugend verwandelt. Daher findet Goël: «Unsere Neutralität ist ein Privileg, kein besonderes Talent.»
Er fährt fort: «Es ist ganz einfach so: Die Franzosen haben uns ordentlich eins übergebraten, und wir haben alles getan, um uns aus weiteren Konflikten herauszuhalten», so Goël. «Nun sollte diese Zeit vorbei sein, denn ich glaube, dass wir auch Verantwortung für den Rest der Welt tragen. Als kleines Land mögen wir unbedeutend erscheinen, aber dank unseres Kapitals verfügen wir über Macht. Das sollte unsere Neutralität von einem Privileg hin zu einer Verantwortung lenken.»
Wie man einen abstrakten Mythos verfilmt
Im Sinne ihrer journalistischen Verantwortung haben Goël und Atmani beschlossen, offene Polemik zu vermeiden und ihre kritische Analyse stattdessen mit einem Augenzwinkern zu präsentieren – ein authentischer Ausdruck ihrer eigenen lebhaften Persönlichkeiten.
«Meine journalistische Arbeit befasst sich mit ernsten Themen», sagt Atmani, der zuletzt mit einer kritischen Reportage über den Schweizer Geheimdienst- und Spionageapparat für Aufsehen sorgte. «Aber ich bin kein so ernster Mensch. Ich bin ein Fan des Gonzo-Stils, bei dem man sich naiv in ein neues Thema stürzt und andere Menschen mit auf die Reise nimmt.»
Sowohl der Filmemacher als auch der Journalist waren sich einig, dass das Filmen von Neutralität ein unmögliches Unterfangen ist, da sie von Natur aus illusorisch und somit für das blosse Auge unsichtbar ist.
«Was mir also an der Arbeit an ‹En terrain neutre› besonders gefallen hat, war, die Energie einzufangen, die Diplomat:innen, Politiker:innen, Soldat:innen und Geschäftsleute darauf verwenden, die Geschichte der Neutralität ständig zu erzählen und wiederzuerzählen», sagt Atmani.
«Was geht diesen Menschen durch den Kopf? Sehen sie die absurden Grundlagen ihrer Verbundenheit mit diesem politischen Konstrukt? Und glauben sie, dass diese Erzählung heute noch Gültigkeit hat? Für mich ist es ziemlich erstaunlich, dass die Energie, die viele Menschen darauf verwenden, diese Geschichte zu erzählen, weitaus wichtiger zu sein scheint als die eigentliche Neutralität selbst.»
Die Politik der Komödie
Die Neutralität mag zwar ein Sammelruf der Schweizer Rechtsextremen sein. Doch in der Politik wird sie von einem breiten Spektrum unterstützt: von rechts bis links, einschliesslich fast des gesamten konservativen Lagers. Kein Wunder, dass Goël und Atmani bald erkennen, dass sie in das Wespennest des politischen (Unter-)Bewusstseins der Schweiz stechen.
Was das für ihre Arbeit bedeutet, daran lässt Goël keinen Zweifel: «Wenn ich Macht filme», sagt er, «kann ich mich über Macht lustig machen.»
Entwaffnend aufrichtig und bescheiden haben sie «En terrain neutre» letztlich zu einem entzückenden Stück Selbstironie gemacht, das sich fröhlich über ein seltsames kleines Land lustig macht, das sich selbst vielleicht ein bisschen zu ernst nimmt.
«Selbstironie ist etwas, das uns in der Schweiz fehlt», sagt Goël, der die Idee des Schweizer Exzeptionalismus lächerlich machen will. «Wir machen uns im Film auch gerne über uns selbst lustig. Die Form des Films ist sogar bewusst anti-kinematografisch. Seine Verspieltheit und Zugänglichkeit sind allesamt Gesten gegenüber dem Publikum. Letztendlich wollen wir die Schweizer Zuschauer:innen dazu einladen, sich selbst nicht mehr so ernst zu nehmen und dieses grosse Thema einfach auf eine leichtere Art und Weise zu betrachten.»
Nach den Festivalvorführungen bei Visions du Réel, dem Kinostart in der Romandie und dem bevorstehenden Kinostart in der Deutschschweiz haben Atmani und Goël bereits gesehen, wie ihr «neugeborenes Baby» die beabsichtigte Wirkung auf das Publikum entfaltet.
«Es freut mich zu sehen, dass jede Generation, unabhängig von ihrer politischen Haltung, dazu angeregt wird, über ihre eigene Beziehung zur Neutralität nachzudenken und erneut zu hinterfragen, was es bedeutet, Schweizer:in zu sein», sagt Atmani.
Für Atmani, dessen Wurzeln in Algerien liegen, wurde dieses Roadmovie auch zu einer Möglichkeit, seine eigene komplexe Beziehung zu dem Land, in dem er geboren wurde, neu zu beleuchten. «Es war wie eine Therapie», sagt Atmani. «Ich habe immer noch viele Fragen zu meiner Schweizer Identität, aber auf persönlicher Ebene hat mich diese unglaubliche Erfahrung an den Anfang einer neuen Reise geführt.»
Einen Teil dieser Reise wird er gemeinsam mit seinem vertrauensvollen Partner fortsetzen. Atmani arbeitet bereits an seinem nächsten Dokumentarfilm, bei dem Delphine Schnydrig Co-Regie führt und Goël als Produzent fungiert. In der Zwischenzeit hofft das Duo, dass «En terrain neutre» eine dringend notwendige politische und ethische Debatte in einem Land anstossen wird, das es stets vorgezogen hat, sich abzuschotten.
Editiert von Virginie Mangin & Eduardo Simantob/ds, Übertragung aus dem Englischen: Meret Michel/jg
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