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Krise in Kuba: «Wir halten es nicht mehr aus»

Mitten im Stromausfall erhellt ein Lagerfeuer die Nacht als Protest gegen die anhaltenden Stromausfälle in Kuba.
Ein Feuer erhellt als Protest gegen die anhaltenden Stromausfälle in Kuba die Nacht. Copyright 2026 The Associated Press. All Right Reserved

Der Druck Washingtons auf Havanna steigt. Die systemische Krise in Kuba treibt die Bevölkerung an die Grenzen des Erträglichen. Ein Schweizer Entwicklungshelfer und ein kubanischer Journalist schildern die Lage vor Ort und wie eine Lösung aussehen könnte.

«Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs haben wir seit mehr als 10 Stunden keinen Strom. Es gibt kein Trinkwasser. Und die Kosten für Lebensmittel sind für die grosse Mehrheit unerschwinglich geworden», sagt der in Havanna ansässige Journalist Iván García gegenüber Swissinfo.

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USA verschärfen Druck auf Kuba mit Klage gegen Ex-Staatschef

Dieser Inhalt wurde am veröffentlicht Die USA erhöhen mit einer Klage gegen den ehemaligen kubanischen Staatschef Raúl Castro den Druck auf den sozialistisch regierten Karibikstaat. Der amtierende US-Justizminister Todd Blanche stellte am Mittwoch eine Anklage gegen den 94-Jährigen vor. Darin wird Castro vorgeworfen, massgeblich in den Abschuss mehrerer Kleinflugzeuge durch Kubas Luftwaffe im Jahr 1996 verwickelt gewesen zu sein, bei dem auch drei US-Amerikaner starben. Die Regierung in Havanna verurteilte die US-Klage aufs Schärfste und sprach von einer illegalen, politisch motivierten Aktion. Sie sieht darin einen Vorwand für mögliche militärische Massnahmen gegen Kuba.

Mehr USA verschärfen Druck auf Kuba mit Klage gegen Ex-Staatschef

Der Kollaps ist für ihn kein Produkt der politischen Lage allein, sondern das Resultat eines jahrzehntelangen wirtschaftlichen und sozialen Verfalls. Aber die Lage des Landes ist aufgrund der vom Weissen Haus verhängten Energieblockade verzweifelt.

Ein Müllcontainer, der bei den jüngsten Protesten in Havanna wegen der Stromausfälle in Brand gesetzt wurde.
Ein Müllcontainer am Strassenrand. Er wurde bei den jüngsten Protesten in Havanna wegen der Stromausfälle in Brand gesetzt. Keystone-SDA

Dem Regime gehen die Optionen aus

Angesichts der jüngsten Anschuldigungen und Sanktionen betonte Präsident Miguel Díaz-Canel das Recht der Insel auf Selbstverteidigung. Havanna hat Washington Mitte Mai vorgeworfen, den Boden für eine militärische Intervention zu bereiten, die «in einem Blutbad münden» würde.

Trump bezeichnet Kuba, das 150 Kilometer vor der Küste Floridas liegt, als «aussergewöhnliche Bedrohung» für die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten. Der US-Präsident hat wiederholt damit gedroht, «die Kontrolle über Kuba zu übernehmen».

Die Senatorin Ashley Moody, Republikanerin aus Florida, spricht am Mittwoch, dem 20. Mai 2026, in Miami, nachdem Bundesstaatsanwälte Anklage gegen den ehemaligen kubanischen Präsidenten Raúl Castro wegen des Abschusses von Zivilflugzeugen im Jahr 1996 erhoben hatten, die von in Miami ansässigen Exilanten betrieben wurden.
Die republikanische Senatorin Ashley Moody aus Florida spricht, nachdem Bundesstaatsanwälte am Mittwoch, dem 20. Mai 2026, in Miami Anklage gegen den ehemaligen kubanischen Präsidenten Raúl Castro erhoben hatten. Copyright 2026 The Associated Press. All Rights Reserved.

Gleichzeitig hat die US-Regierung dem Land humanitäre Hilfe in Höhe von 100 Millionen Dollar angeboten – unter der Bedingung, dass diese über die katholische Kirche verteilt wird. Die USA, das ist klar, wollen das Regime entmachten.

Raúl Castro, der am Mittwoch von der US-Justiz in einem Fall aus dem Jahr 1996 angeklagt wurde, ist mit seinen 94 Jahren der Inbegriff der kommunistischen Macht in Kuba.
Raúl Castro, der am Mittwoch von der US-Justiz in einem Fall aus dem Jahr 1996 angeklagt wurde, ist mit seinen 94 Jahren der Inbegriff der kommunistischen Macht in Kuba. Keystone-SDA

Für José Adán Gutiérrez, Analyst und Senior Fellow des Miami Strategic Intelligence Institute, befindet sich Kuba an einem historischen Wendepunkt. «Gehen sie oder gehen sie nicht? Zum ersten Mal in meiner Zeit als Analyst kann ich heute sagen: Der kubanischen Regierung blieben schlicht keine Optionen mehr.»

Die Schweiz als Vermittlerin?

Eine militärische Intervention Washingtons in Kuba wäre ein Verstoss gegen das Völkerrecht. Diese Position vertritt auch die Schweiz unter Verweis auf Artikel 2.4 der Charta der Vereinten Nationen, wonach alle Staaten die Souveränität anderer Staaten respektieren müssen. Zudem betont sie, dass Sanktionen, welche die Zivilbevölkerung empfindlich treffen, sowohl humanitäre als auch rechtliche Bedenken aufwerfen.

Vermittelt die Schweiz in Kuba? «Die Guten Dienste der Schweiz stehen auf Antrag der Parteien zur Verfügung», schreibt das Aussendepartement (EDA) auf Anfrage von Swissinfo. Aus Gründen der Diskretion äussere man sich nicht weiter hierzu.

Der ehemalige kubanische Präsident Fidel Castro mit dem Schweizer Botschafter in Havanna, Emil Stadelhofer.
«In der Vergangenheit haben sich die Vermittlungsbemühungen der Schweiz zwischen Kuba und den Vereinigten Staaten als wertvoll erwiesen», erinnert das Schweizer Aussendepartement. FDFA

Forderung nach einem Wandel

Iván García beschreibt die Dringlichkeit der Situation: Stromausfälle und die Knappheit an Trinkwasser und Kochgas gehören zum Alltag. Die Apotheken sind leer, das staatliche Zuteilungssystem kollabiert.

García betont, dass diese Misere keineswegs allein auf das US-Embargo zurückzuführen sei. Es fehle an Investitionen in die Infrastruktur.

Während die Führung in Havanna bis zu 60 Prozent des Staatshaushalts in den Bau von Hotels für den Tourismus gelenkt habe, seien für Bildung, Gesundheit und Landwirtschaft zusammen kaum 16 Prozent aufgewendet worden. Die galoppierende Inflation habe zudem die Löhne entwertet: Ein Arzt oder Ingenieur verdiene inflationsbereinigt umgerechnet nur noch etwa 20 Dollar im Monat.

Gleichzeitig konzentriere sich die wirtschaftliche Macht beim Militärkonglomerat GAESA, das den Grossteil der Devisenströme kontrolliere und die soziale Ungleichheit verschärfe.

Nur eine Minderheit mit Zugang zu Devisen oder Auslandstransfers könne sich versorgen. Die Folge ist ein historischer Exodus: Schätzungen zufolge haben seit 2021 zwischen 1,8 und zwei Millionen Kubaner das Land verlassen.

Die sozialen Spannungen entladen sich zunehmend in Protesten. «Seit den Demonstrationen vom Juli 2021 fordert ein Teil der Bevölkerung nicht mehr nur Nahrung, sondern explizit einen politischen Wandel», so García.

Kuba braucht dringend Perspektiven

Eine der Hauptstraßen von Santiago.
Eine der Hauptstrassen von Santiago. Swissinfo/Carla Wolff

Mark Kuster, Gründer der seit 25 Jahren in Kuba tätigen Schweizer NGO CamaquitoExterner Link, beobachtet eine beispiellose Perspektivlosigkeit. Die Menschen leiden täglich. Viele sagen: «Wir halten es nicht mehr aus.»

Kuster beschreibt Alltagsszenen, die er selbst in Santiago beobachtet hat: «Die Eltern weinen. Sie fragen sich, wie kann ein Kind zur Schule gehen, ohne ausreichend Nahrung? Sie wollen Perspektiven für ihre Kinder.»

Der anerkannte Schweizer Entwicklungshelfer lebt seit einigen Monaten in der Schweiz, aber Kusters soziales Engagement bleibt in Kuba. Seine Organisation hat unter anderem einen Schwerpunkt auf Projekte zur Förderung von Jungunternehmertum gelegt. «Wir wollen bei jungen Menschen den Unternehmergeist fördern, damit sie, wenn die Transformation kommt, bereits darauf vorbereitet sind, den neuen Weg Kubas zu gehen», erklärt er. Kuster fordert mehr Markt, weniger Bürokratie und eine Stärkung des Rechtsstaats in Kuba.

Der Ruf nach der Demokratisierung

«Vertraut dem Volk, gebt ihm eine Stimme und nutzt seine Stärke. So können wir ein neues Kuba aufbauen. Heute ist das Volk kein Teil der Regierung, so sollte es nicht sein», sagt Kuster. Und er warnt vor den Risiken der Untätigkeit: Angesichts des Ausmasses des Leides könnte die Bevölkerung ihre Angst verlieren, «und das ist sehr gefährlich».

Auch der Journalist Iván García sieht den Ausweg in einer Demokratisierung. Die Führung müsse sich mit dem Volk an einen Tisch setzen; ein international überwachtes Referendum könnte den Weg aus der kubanischen Agonie weisen.

Das Leben in Kuba ist für die am stärksten benachteiligten Menschen eine tägliche Herausforderung.
Das Leben in Kuba ist für die am stärksten benachteiligten Menschen eine tägliche Herausforderung. Swissinfo/Carla Wolff

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