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Energy‑Vault-CEO: «Die hohen Ölpreise könnten den Erneuerbaren helfen»

Robert Piconi
Robert Piconi ist Vorstandsvorsitzender, Mitbegründer und Geschäftsführer von Energy Vault und verantwortlich für die Gesamtvision, die strategische Ausrichtung und die operative Leistung des Unternehmens. Thomas Kern / SWI swissinfo.ch
Serie CEO spotlight, Folge 14:

Robert Piconi, Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer von Energy Vault, sagt, hohe Ölpreise könnten letztlich eine gute Nachricht sein.

Energy Vault ist spezialisiert auf Energiespeicherlösungen für erneuerbare Quellen wie Solar- und Windenergie – für eine Firma mit Schweizer Wurzeln eher eine Ausnahme. Nachdem es mehr als 200 Millionen Dollar als Startup aufnehmen konnte, ging das Unternehmen 2022 über einen beschleunigten Weg in New York an die Börse.

Swissinfo sprach in Lugano mit Robert Piconi, dem amerikanischen Mitgründer, Verwaltungsratspräsidenten und CEO von Energy Vault. Er erläuterte, warum das Unternehmen einen Teil seiner Aktivitäten in die USA verlagert hat und wie es die Volatilität der Strompreise nutzt.

Swissinfo: US-Zölle und Instabilität im Nahen Osten halten die Welt auf Trab. Wie sind Sie von den aktuellen geopolitischen Spannungen betroffen?

RP: Die US-Zölle haben erhebliche Auswirkungen auf uns, da sie den Zugang zum US-Markt faktisch einschränken – ein grosser Teil der Batteriesupplychain hängt von China ab. Wir schätzen, dass die jüngsten Spannungen im Nahen Osten einen negativen Einfluss von etwa 25 bis 30% auf unsere Bewertung an der Börse hatten und damit einen Teil der Gewinne aus unserer starken Performance im Jahr 2025 wieder zunichtemachen. Gleichzeitig können dauerhaft hohe Ölpreise erneuerbare Energien und Speicherlösungen attraktiver machen.

Grafik: Kai Reusser, Swissinfo

Haben die Energiekrise und die hohen Ölpreise bereits zu mehr Kundeninteresse geführt?

Ja, absolut. Wir beobachten einen deutlichen Anstieg sowohl bei Anfragen als auch bei konkreten Aufträgen für unsere Battery Energy Storage System‑Lösungen von Kunden in den USA und in Europa.

Die anhaltende Volatilität auf den globalen Energiemärkten hat den Fokus von Unternehmen grundlegend in Richtung Energiesicherheit und langfristige Kostenstabilität verschoben. Diese Dynamik wird derzeit zusätzlich massiv verstärkt durch den exponentiellen Anstieg der Stromnachfrage infolge von KI, Rechenzentren und dem Ausbau digitaler Infrastruktur. Es besteht ein unmittelbarer, enormer Bedarf an skalierbarer, verlässlicher Energie.

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In der Folge hat sich die Kundenbindung rasch von einem konzeptionellen Interesse hin zu einer unmittelbaren Umsetzung entwickelt. Kunden beschaffen aktiv unsere mittel- und langfristigen Speicherlösungen, um schwankende erneuerbare Energien zu stabilisieren und eine Netzverfügbarkeit rund um die Uhr unter beispiellosem Lastdruck zu gewährleisten. Während unser Grundwachstum weiterhin von strukturellen Trends wie Dekarbonisierung und Netzmodernisierung getragen wird, hat das aktuelle makroökonomische Umfeld sowohl die Geschwindigkeit als auch den Umfang unserer kommerziellen Pipeline erheblich beschleunigt.

Andererseits fahren mehrere Länder ihre Verpflichtungen im Bereich grüner Energie zurück. Wie wirkt sich das auf Energy Vault aus?

Während einige Regierungen ihre Politik überprüfen – etwa die derzeitige US-Regierung, die aufgrund hoher Kosten skeptisch gegenüber Windenergie ist –, bleibt die zugrunde liegende Stromnachfrage sehr stark und treibt die Nachfrage nach Energiespeicherlösungen weiter an.

So führt etwa der Ausbau von KI-Infrastruktur – angetrieben von Hyperscalern wie Meta, Microsoft und Amazon Web Services – zu einem Boom bei grossen Rechenzentren. Diese übersteigen häufig das verfügbare Stromangebot und führen in manchen Fällen wieder zu einer stärkeren Nutzung von Kohlekraft.

Ein weiterer wichtiger Wachstumsbereich sind modulare Rechenzentren. Dabei handelt es sich um vorgefertigte, modular aufgebaute Einheiten, die in Fabriken produziert und rasch vor Ort installiert werden. Sie lassen sich schnell aufbauen, einfach skalieren und flexibel platzieren.

Tatsächlich können Wind- und Solarenergie kostengünstige Energiequellen sein – vorausgesetzt, Speicher sind erschwinglich. Genau hier kommen unsere Lösungen ins Spiel.

Ist China weiterhin ein Schlüsselmarkt für Sie?

In China entwickelt sich unser Geschäft weiterhin wie erwartet. Die Anlage in Rudong, die wir 2023 eröffnet haben, bleibt ein strategisch wichtiges Projekt – sowohl als kommerzielle Umsetzung als auch als Demonstration unserer Technologie im grossen Massstab. Generell ist China aufgrund seiner führenden Rolle beim Ausbau erneuerbarer Energien und Speicher ein wichtiger langfristiger Markt. Wir prüfen weiterhin zusätzliche Möglichkeiten, bei denen unsere Technologie zur Flexibilität und Stabilität des Stromnetzes beitragen kann.

Sie haben Energy Vault SA 2017 im Tessin gegründet. Was hat Sie als Amerikaner dazu bewogen, das Unternehmen in dieser Region aufzubauen?

Ich lebte damals in Lugano und leitete ein Unternehmen für medizinische Bilddiagnostik, das ich gerade verkauft hatte, als mich Bill Gross kontaktierte – der Gründer von Idealab in Kalifornien, das mehr als 150 Unternehmen hervorgebracht hat. Zu dieser Zeit arbeitete Bill zusammen mit Andrea Pedretti, unserem heutigen Chief Technology Officer, an neuen Solar- und mechanischen Technologien. Pedretti war mit seinem technischen Team ebenfalls im Tessin ansässig.

Interview Bild 1
«Von Anfang an haben wir US-Börsen bevorzugt, da sie liquider sind und einen besseren Zugang zu Kapital bieten.» Thomas Kern / SWI swissinfo.ch

Es war daher nur natürlich, Energy Vault SA in Lugano zu gründen, wo wir mit initialer Finanzierung durch Idealab unsere Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten starteten. Heute betreiben wir im Tessin auch unsere kommerziellen Aktivitäten für Europa, den Nahen Osten und Afrika. Zu unseren wichtigsten Forschungspartnern in der Schweiz gehören die ETH Zürich für die Entwicklung von KI-Software sowie das Cemex Innovation Center für CO₂-neutrale alternative Materialien. Aktuell beschäftigen wir 24 Mitarbeitende in der Schweiz und bauen weiter aus.

Warum haben Sie 2019 mit Energy Vault Inc. in Kalifornien einen zweiten operativen Hub geschaffen?

Wir sahen die USA nach China als den grössten Markt für Energiespeicher. Ausserdem ist es ein hervorragender Standort, um Ingenieure zu rekrutieren, die auf Batteriesoftware und Netz-Infrastruktur spezialisiert sind. Da wir zudem einen Börsengang in den USA planten, haben wir dort eine Holdinggesellschaft gegründet – Energy Vault Holdings Inc.

Haben Sie auch eine Börsenkotierung in Europa oder an der SIX Swiss Exchange in Betracht gezogen?

Wir haben US-Börsen bevorzugt, da sie liquider sind und besseren Zugang zu Kapital bieten.

2020 wurde Energy Vault vom World Economic Forum (WEF) als Technology Pioneer ausgezeichnet. Nur wenige Unternehmen erhalten diese Anerkennung. Hat sich das konkret ausgezahlt?

Ja. Wir konnten zweimal am Jahrestreffen in Davos teilnehmen und haben dort ein aussergewöhnliches Netzwerk aufgebaut – einschliesslich potenzieller Kunden und Partner. Zudem hat uns die Auszeichnung globale Sichtbarkeit verschafft, was bei der Kapitalbeschaffung sehr hilfreich war.

Wie gehen Sie mit kurzfristigen Anforderungen eines börsenkotierten Unternehmens um, etwa Quartalsberichterstattung und Offenlegungskosten?

Es gibt tatsächlich einen quartalsweisen Rhythmus – kaum ist ein Quartal abgeschlossen, beginnt die Vorbereitung auf das nächste. Das erfordert Disziplin und Struktur. Dennoch lenkt es uns nicht von Innovation oder langfristigem Wachstum ab. Wir geben zwar eine Jahresprognose ab, verzichten aber bewusst auf Quartalsprognosen und nutzen damit die Flexibilität, die börsennotierten Wachstumsunternehmen zur Verfügung steht.

Ursprünglich haben Sie sich auf gravitationsbasierte Energiespeicherung konzentriert – vereinfacht gesagt das Anheben schwerer Massen, um elektrische Energie in potenzielle Energie umzuwandeln. Warum haben Sie 2022 auf Batterien und grünen Wasserstoff ausgeweitet?

Unser ursprünglicher Fokus lag tatsächlich auf gravitationsbasierter Speicherung mit modularen Türmen, die sich besonders für Langzeitspeicherung – etwa acht Stunden – eignen. Dabei bezeichnet die Dauer, wie lange die gespeicherte Energie mit voller Leistung abgegeben werden kann. Gleichzeitig entwickelten wir eine Softwareplattform, die für die Interaktion mit dem Stromnetz und das Management der Anlagen zentral ist, einschliesslich vorausschauender Wartung und Sicherheit.

Nach dem Börsengang wurde klar, dass der grösste Teil des Markts im Kurzzeitspeicher – typischerweise zwei bis vier Stunden – liegt, weshalb wir auf Batteriespeicherung ausgeweitet haben. Unsere Softwareplattform ermöglicht es uns, sowohl Gravitations- als auch Batteriesysteme zu steuern.

Interview, Bild 2
«Anhaltend hohe Ölpreise können erneuerbare Energien und Speicherlösungen attraktiver machen.» Thomas Kern / SWI swissinfo.ch

Später haben wir grünen Wasserstoff ergänzt, der sich für sehr lange Speicherzeiten eignet – beispielsweise bis zu 48 Stunden als Backup für ein gesamtes Stadtgebiet im Inselbetrieb. Tatsächlich haben wir 2024 einen Vertrag über zehneinhalb Jahre mit Pacific Gas and Electric in Kalifornien unterzeichnet, um bei Netzausfällen bis zu 48 Stunden Backup-Strom mittels grünem Wasserstoff bereitzustellen.

Wie verdienen Sie Geld?

Das hängt von der Vertragsstruktur ab. In manchen Fällen berechnen wir Speicherleistungen, in anderen kaufen wir Strom zu niedrigen Preisen und verkaufen ihn bei höheren Preisen. Unsere Softwareplattform nutzt KI, um die Marktteilnahme zu optimieren und den besten Zeitpunkt für Speicherung oder Einspeisung zu bestimmen.

Porträt von Robert Piconi
«Unser ursprünglicher Schwerpunkt lag auf der Schwerkraftspeicherung mithilfe modularer Türme.» Thomas Kern / SWI swissinfo.ch

Warum haben Sie Ihr Geschäftsmodell vor zwei Jahren vom reinen Technologieanbieter zu einem Unternehmen erweitert, das eigene Speicheranlagen baut, besitzt und betreibt?

Nach unserem Börsengang stiegen die Jahresumsätze zunächst von 146 Millionen auf 350 Millionen Dollar, fielen dann aber auf etwa 50 Millionen. Diese Volatilität spiegelte die schwer vorhersehbare Natur eines reinen Technologieanbieter-Modells wider, bei dem die Einnahmen stark vom Zeitpunkt und von Verzögerungen bei Projekten abhängen. Auch die Margen waren relativ niedrig.

Bücher Schweiz
«Wir beschäftigen derzeit 24 Mitarbeiter in der Schweiz und bauen unser Team weiter aus.» Thomas Kern / SWI swissinfo.ch

Mit Unterstützung unserer Investmentbank haben wir die gesamte Wertschöpfungskette analysiert – von Hardwareanbietern über Integratoren bis hin zu Versorgern und unabhängigen Stromproduzenten. Wir kamen zum Schluss, dass unabhängige Stromproduzenten den grössten Anteil der Gewinne erzielen, meist auf Basis von Abnahmeverträgen über 10 bis 15 Jahre mit stabilen und attraktiven wiederkehrenden Einnahmen. In Märkten wie den USA profitieren sie zudem von Investitionssteuergutschriften.

Diese Analyse führte dazu, dass wir auf ein Build‑Own‑Operate-Modell für Energiespeicheranlagen umgestellt haben. Diese vertikale Integration ermöglichte eine starke Performance im Jahr 2025, mit erstmaliger Profitabilität im vierten Quartal. Derzeit besitzen und betreiben wir zwei Anlagen, zwei weitere sind im Bau.

Wer sind Ihre typischen Kunden, und wer sind Ihre wichtigsten Kunden in der Schweiz?

Zu unseren Kunden zählen lokale Behörden, Versorger, unabhängige Stromproduzenten sowie grosse Energieverbraucher wie Bergbauunternehmen und grosse Technologiefirmen mit umfangreichen Rechenzentren für KI-Anwendungen.

In der Schweiz haben wir kürzlich für Schindler ein Batteriespeicherzentrum geliefert, um dessen Dekarbonisierungsziele zu unterstützen. Zudem haben wir mit der Energie Wettingen AG, einem öffentlichen Versorger im Kanton Aargau, eine Vereinbarung für eine Batteriespeicherplattform unterzeichnet. Weitere Projekte befinden sich in der Pipeline.

Editiert von Virginie Mangin/ds; Übertragung aus dem Englischen mithilfe von KI: Balz Rigendinger

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Debatte
Gastgeber/Gastgeberin Simon Bradley

Was ist die vielversprechendste Energiequelle der Zukunft?

Wir würden gerne Ihre Meinung zu Vor- und Nachteilen der erneuerbaren Energien hören.

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