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Auch Südafrika hat ein Nationalgewürz: Es ist Aromat

Die Köchin in einem Restaurant in Langa würzt Ihre Speisen mit Aromat.
Die Köchin in einem Restaurant in Langa würzt ihre Speisen mit Aromat. Michael Heger

In der Schweiz stellt man sich die bange Frage, ob Aromat schweizerisch bleibt. An der Südspitze des afrikanischen Kontinents streuen die Leute das Gewürz seit mehr als 70 Jahren auf alle möglichen Speisen. Es ist längst südafrikanisch.

Es duftet nach gegrilltem Fleisch und gerösteten Maiskolben. Der Rauch der Holzkohle mischt sich mit dem Staub, den die Minibustaxis in der Washington Street aufwirbeln. Es ist Mittagszeit in Langa, dem ältesten Township Kapstadts.

Im «Jordan Ways of Cooking» lässt der Amapiano-Bass die dünnen Wände erzittern. In der Küche, zwischen Pfannen, Messern und Kellen, steht ein gelber Plastikeimer. Ein Kilo Aromat.

Eigentlich, sagt Ntlalo Jordan, brauche er das nicht. Der 35-jährige Küchenchef hat in Fünf-Sterne-Häusern in Dubai, Liberia und im Sudan gekocht, bevor er sich hier den Traum vom eigenen Restaurant erfüllte. Frische Gewürze sind sein Ding, Marinaden mischt er selbst. «Doch die Gäste verlangen danach. Also haben wir es.»

Hergestellt in Südafrika

Hundert Meter weiter steht eine zum Imbiss umfunktionierte Wellblechbude. Würste, Burger, ein Grill, der seit dem frühen Morgen läuft. Der Tresen ist vergittert, eine kleine Öffnung ist gerade gross genug, um Geld und Ware durchzureichen. In ihrer Mitte steht prominent platziert neben einem Karton Eier eine gelbe Dose: Aromat.

Original Seasoning. Knorrli sucht man vergeblich. Stattdessen findet man im Kleingedruckten den Hinweis: Das Produkt wird in Südafrika hergestellt.

Heimat in einer gelben Dose

Neuntausend Kilometer nördlich ist dieselbe gelbe Dose zum Politikum geworden. Ende März kündigte der britische Mutterkonzern Unilever an, seine Lebensmittelsparte auszugliedern und mit dem amerikanischen Gewürzkonzern McCormick zu fusionieren. In der Schweiz löste das eine Identitätsdebatte aus.

Wir haben hier darüber berichtet:

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In den Medien war vom «Schweizer Nationalgewürz» die Rede, das nicht in «amerikanische Hände fallen darf!» Eine Petition mit dem Titel «Aromat ghört dr Schwiiz» sammelte innert einer Woche fast 10’000 Unterschriften.

In Thayngen, einem beschaulichen Dorf im Kanton Schaffhausen, wo Walter Obrist 1952 als Versuchskoch das Rezept erfand, werden bis heute 3000 Tonnen der Gewürzmischung pro Jahr produziert. Die Initiant:innen der Petition fordern unter anderem den Schutz der 180 Arbeitsplätze sowie der originalen Aromat-Rezeptur.

Aromat war nie schweizerisch

Obwohl das gelbe Gewürz selbst nie im Besitz einer Schweizer Firma war, gehört es für viele Einheimische zur Schweiz wie Fondue, Cervelat oder das Matterhorn.

Aromat hat neben Maggi, Salz und Pfeffer seit Jahrzehnten einen Stammplatz auf dem Schweizer Beizentisch. Es ist Teil von Salatsauce und Rührei, ist Militärerinnerung und Kindheitsgeschmack, Symbol von Heimat und Behaglichkeit in einer gelben Dose.

Was von denen, die die Petition unterzeichnet haben, wohl die wenigsten wissen: Aromat hat in Südafrika in den letzten 70 Jahren ein Eigenleben entwickelt.

Strassenküche statt Beizentisch

«Seit wann kostet ein Ei vier Rand? Kürzlich waren es noch drei!» Die Kundin des kleinen Kiosks im Minibusbahnhof von Kapstadt ist sichtlich enerviert. Jibril Mengesha versucht, sie zu besänftigen; erklärt den Preisanstieg mit der Inflation. Widerwillig drückt sie ihm ein paar Münzen in die Hand.

Sie nimmt ein Ei aus der gläsernen Salatschale auf dem Tresen, schält es und bestreut es mit einem der gelben Gewürzstreuer, die gleich in vierfacher Ausführung vor ihr stehen.

Jibril Mengesha mit seiner Auslage an Eiern und Aromat.
Jibril Mengesha mit seiner Auslage an Eiern und Aromat. Michael Heger

Der 28-jährige Jibril stammt aus Kenia und hütet den Laden seiner Schwester. Er klagt über die Konkurrenz: Fliegende Händler mit Eierkarton in der einen Hand und Aromatstreuer in der anderen.

Dass Aromat aus der Schweiz komme, habe er noch nie gehört, sagt Jibril, doch er weiss, wie begehrt es bei der südafrikanischen Kundschaft ist.

An diesem Morgen, kurz nach zehn Uhr, hat er bereits 26 gekochte Eier verkauft, die neben Süssgetränken und Snacks aller Art zum Grundinventar des Ladens gehören.

Die meisten seiner Kund:innen stammen aus den Townships am Stadtrand. Sie reisen mit Minibustaxis zu ihren Jobs ins Stadtzentrum. Und kommen bei Jibril auf einen Snack vorbei.

In der Kasi-Küche – der Küche der Townships – ist Aromat omnipräsent. Es kommt auf den Braai (Grilliertes), auf den Maiskolben, ins Kota, dem Township-Sandwich aus ausgehöhltem Brot, gefüllt mit Chips, Wurst, Chakalaka und Sauce, oder in den Pap, den Maisbrei, der das Grundnahrungsmittel quer durch das südliche Afrika bildet.

Quer durch alle Schichten

Doch das Gewürz auf seine Präsenz in den Townships zu reduzieren, greift zu kurz. Aromat fand bereits ein Jahr nach seiner Erfindung in der Schweiz, im Jahr 1953, seinen Weg ans Kap. Heute gehört es zur Grundausstattung vieler Haushalte quer durch alle Gesellschaftsschichten.

In Grassy Park, einer halben Stunde östlich der Stadtmitte, wo sich die Cape Flats flach in Richtung False Bay ziehen, steht Stella Urion in ihrer Küche. Die pensionierte Lehrerin und stolze Grossmutter gehört zur afrikaanssprachigen Coloured-Community.

Sie streut Aromat über Hühnerschenkel und Lammkoteletts. «Aber am liebsten», sagt sie und lächelt, als verrate sie ein Familiengeheimnis, «mag ich es über Popcorn.»

Zwischen den staubigen Strassen Langas, dem Central Business District von Kapstadt und der Mittelschicht-Küche in Grassy Park liegen weniger als eine halbe Autostunde, doch die Grenzen, die das Apartheidsregime mit dem Group Areas Act festgeschrieben hatte, wirken bis heute nach. Die gelbe Dose hat diese Grenzen überschritten.

«Das Gewürz ist über alle Einkommensschichten hinweg populär, egal ob im wohlhabenden Camps Bay, in den Southern Suburbs der Mittelschicht oder in Langa», sagt Lwandile Dubazane, Junior Brand Manager von Unilever Südafrika. Er spricht von geschätzten fünf bis sechs von zehn Haushalten in Südafrika, die Aromat in ihrer Küche stehen hätten.

Marketing der südafrikanischen Art

Für Dubazane ist die Marke eine Herzensangelegenheit: «Bereits als Kinder rezitierten wir jeweils die TV-Slogans aus den 90ern.» Was in der Schweiz auf den Beizentisch gehört, ist in Südafrika Strassenkultur.

Die Aromat-Werbung in Südafrika spricht eine Sprache, die in Thayngen niemand verstehen würde: «Mogodu Mondays», «7 Colour Sundays», «Ichicken Dust». Ein Spot zeigt Aromat im Minibus-Taxi. Ein anderer bindet die Marke an Kota-Festivals.

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Die TV-Werbungen treffen mit ihrer humorvollen Art den Nerv südafrikanischer Kultur, sagt Dubazane. «Aromat fühlt sich südafrikanisch an, weil das Marketing-Team es südafrikanisch gemacht hat.»

Sie organisieren Comedy-Serien und Community-Events in den Townships. «Chips are stupid without Aromat» ist heute Alltagssprache.

Die Fabrik, die niemand erwähnt

Produziert wird südafrikanisches Aromat in Durban, in der 22’000 Quadratmeter grossen Indonsa-Fabrik. Mit einer Kapazität von 65’000 bis 100’000 Tonnen pro Jahr handelt es sich um eine von Unilevers grössten Fabriken für Trockennahrung weltweit.

Wie viel Aromat im Land produziert wird, will Unilever South Africa auf Anfrage nicht sagen. Auch Dubazane darf keine Zahlen nennen. Doch die Verhältnisse sprechen für sich: Ein Land mit 62 Millionen Menschen, bedient von einer Fabrik, die um ein Vielfaches grösser ist als jene in Thayngen.

Erbe oder Aneignung?

Handelt es sich hier um kulturelle Aneignung? Ein Produkt, das genommen und zum eigenen gemacht wurde? Oder Spuren kolonialer Konsummuster? Ein europäisches Industrieprodukt, das lokale Würztraditionen verdrängt hat?

«Nun, es ist beides, nicht wahr?», sagt Marcelyn Oostendorp, Linguistik-Professorin an der Universität Stellenbosch. Ihr Forschungsprojekt «Politics of the Belly» untersucht die Verbindung von Sprache, Essen und Identität in Südafrika.

Oostendorp erinnert an eine legendäre Debatte zwischen den afrikanischen Schriftstellern Ngũgĩ wa Thiong’o und Chinua Achebe über die englische Sprache.

Ngũgĩ hörte auf, auf Englisch zu schreiben – die Sprache der Kolonisatoren könne nicht die eigene sein. Achebe hielt dagegen: Das Englisch, das er verwende, sei ein neues, nigerianisches Englisch, gebraucht, um die Kolonialsprache zu unterwandern.

«Natürlich trägt dieses Produkt koloniale Spuren und hat möglicherweise lokale Arten ersetzt, um Speisen zu würzen», sagt Oostendorp. «Aber wir haben es uns auch zu eigen gemacht und in unsere Esskultur integriert.»

Editiert von Balz Rigendinger

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