Bauern denken anders

Schweizer Bauernfamilien kämpfen um ihre Zukunft. Keystone

Überall in der Schweiz haben an zwei Wochenenden Bauern gegen die Agrarpolitik der Schweizer Regierung demonstriert.

Dieser Inhalt wurde am 01. September 2002 - 16:59 publiziert

Die Landwirte wehren sich gegen die Liberalisierung. Im Zentrum steht der künftige Milchpreis.

Die Schweizer Bauern und ihre Vertreter haben am Wochenende im Grauholz bei Bern und in Fehraltorf (Kanton Zürich) ihre Protestaktionen gegen "überstürzte Liberalisierungs-Massnahmen" beendet. Mehr als 5000 Bäuerinnen und Bauern beteiligten sich an der Schlusskundgebung bei Bern. Rund 1000 Personen waren es am Samstag in Fehraltorf.

Im Grauholz sagte SVP-Nationalrat Hermann Weyeneth, die bisherige Agrarpolitik des Bundes habe mit der Verbesserung der Wettbewerbskraft der Landwirtschaft ein Ziel erreicht, wenn auch zu einem hohen Preis für die Bauern.

Das Ziel der staatlichen Mithilfe zur Kostensenkung in dem der Landwirtschaft vorgelagerten Bereich habe sie aber verfehlt.

Mit den Grosskundgebungen an diesem und dem vergangenen Wochenende setzten sich die Landwirte ein für mehr Geld, für faire Preise und vor allem sind sie dagegen, dass die Milchkontingentierung aufgehoben wird.

So verlangte der Präsident der Schweizer Milchproduzenten, Josef Kühne, in Fehraltdorf neue Perspektiven für die Schweizer Milchwirtschaft. Über die zukünftige Agrarreform müsse endlich diskutiert werden.

Die Milchkontingentierung, welche den Bauern eine - wenn auch festgelegte -Milchmenge garantiert, soll ab 2005 schrittweise abgeschafft werden. Ab 2007 werden die Zollkontingente für Schlachtvieh und Fleisch versteigert.

Kampf um Milchpreis

Der Schweizer Bauer ist in hohem Masse ein Milchbauer. In den höher gelegenen Gebieten der Schweiz ist nur Milchwirtschaft möglich. Daneben haben die Fleischproduktion und der Gemüse- und Weinbau einen hohen Stellenwert.

Im Durchschnitt zahlt der grösste Milchverarbeiter der Schweiz, die Emmi in Luzern, heute den Bauern 78 bis 79 Rappen pro Liter Milch. Nun hat Emmi angekündigt, künftig fünf Rappen weniger zu bezahlen. Andere Milchverarbeiter werden nachziehen und haben das auch schon angekündigt. Angestrebt wird in der Schweiz ein Milchpreis von 60 Rappen pro Liter.

Hans Stalder, der Präsident "Neue Bauernkoordination Schweiz", bezweifelt in einem Leserbrief an die NZZ, dass die Milch-Produkte für den Konsumenten billiger würden. Die Schweiz sei ein Hochlohnland und das Kostenumfeld zu teuer.

Weiter befürchtet Stalder, dass weitere 50'000 Bauernfamilien aufgeben müssten, wenn der Milchpreis auf 60 Rappen oder gar auf das noch tiefere EU-Niveau absinken würde.

Konsument zahlt wenig für Nahrungsmittel

Die Preise der landwirtschaftlichen Produkte geraten ständig unter Druck und das durchschnittliche Einkommen einer landwirtschaftlichen Arbeitskraft beträgt rund 2500 Franken. Doch der Schweizer Konsument, die Konsumentin, gibt im Schnitt nur 7% seines Lohnes für Nahrungsmittel aus.

Die Deutschen auf Platz zwei geben bereits das Doppelte dafür aus. In der EU sind es im Schnitt 20%! Auch erhalten die EU-Landwirte ihr Einkommen zu 80% aus Direktzahlungen und nur minimal über die Produktepreise. In der Schweiz sind die Direktzahlungen weitaus geringer.

Grosse Einkommens-Unterschiede

Wie viel die Bauern in der Schweiz genau verdienen, weiss niemand. "Das landwirtschaftliche Gesamteinkommen pro Betrieb bewegt sich seit zehn Jahren zwischen 50'000 und 60'000 Franken", sagt Melchior Ehrler, der abtretende Direktor des Schweizerischen Bauernverbandes.

Die Durchschnitts-Einkommen sagen jedoch wenig aus. "Viele Bauern müssen heute mit Einkommen um die 2500 Franken leben", sagt der Waadtländer Landwirt Pierre-André Tombez, Präsident der Westschweizer Organisation Uniterre.

Es gibt aber auch den Luzerner Politiker und Landwirt Josef Kunz. Die Wirtschaftszeitung "Cash" rechnet ihm vor, dass er auf seinem 23 Hektar-Betrieb über 400'000 Franken erwirtschaftet. Nebentätigkeiten inklusive.

Auch Tombez dürfte zu den bäuerlichen Grossverdienern gehören. Er bewirtschaftet einen 63 Hektar-Betrieb. Für Schweizer Verhältnisse schon fast ein Landgut.

Image hat gelitten

Noch an der Landesausstellung 1939 in Zürich konnte man lesen, dass jeder vierte Schweizer Bauer sei. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich das Bild drastisch verändert. Noch gut 3% der Schweizer Bevölkerung arbeiten in der Landwirtschaft.

Diese gut 3% der Bevölkerung erhalten aber rund 8 Prozent der gesamten Bundesausgaben (ca. 4 Mrd. Franken).

Das hat dazu beigetragen, dass der Bauer und sein Berufsstand das Image des "Abkassierers" und "ewigen Jammerers" erhielt. Die Subventionen müssen vom Steuerzahler aufgebracht werden und die Öffentlichkeit hat das Gefühl, die Bauern selber würden keine Steuern bezahlen.

Als dann an der Urne mehrere Agrarvorlagen vom Stimmvolk abgelehnt wurden, hat die Regierung die Weichen Richtung Markt und Ökologie gestellt. Das hatte Folgen: Seit 1990 sind rund ein Drittel aller Betriebe verschwunden.

Bauern denken anders

Eine Studie (Y. Droz/V. Mieville-Ott, "de quel avenir parlent les paysans") befasst sich mit dem bäuerlichen Arbeitsethos. Da zeigt sich das, was die amerikanischen Bauern, die auch um ihre Existenz kämpfen, mit dem Slogan "Farms are not firms" ausdrücken. Ein Bauer ist nicht ein Unternehmer, der mit den gleichen Masstäben gemessen werden kann, wie ein Industrie-Unternehmen.

Die Studie sagt, dass das bäuerliche Arbeitsethos in hohem Masse an ein "nährständiges" Bewusstsein gekoppelt ist. Sehr viele Bäuerinnen und Bauern verstehen sich nach wie vor als Ernährer der Nation.

Für sie ist schlicht undenkbar, dass eine Nation auf ihren Nährstand jemals verzichten könnte. Dennoch, so die Studie weiter, sei das Verhältnis zum Staat nicht problemfrei. Es funktioniere nur gut, solange sich die Bäuerinnen und Bauern auf ihren Höfen als selbstständige Unternehmer fühlen können.

Urs Maurer und Agenturen

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Webseite importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@swissinfo.ch

Diesen Artikel teilen