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«Ich möchte den Superkapitalismus zurückbinden»

Valentin, Simone, Stefania und Ursula sind von Winterthur an die Jugendsession nach Bern gereist. swissinfo.ch

Wirtschaftskrise, Klimawandel und Gewaltkonflikte bedrohen unsere Welt. Wie begegnen junge Menschen den Herausforderungen der Zukunft? Mit Angst, Gelassenheit oder neuen Ideen? swissinfo hat vier Jugendliche befragt.

«Die Zukunft macht mir schon ein bisschen Angst», sagt Simone Woodtli, 17-jährige Gymnasiastin aus Trüllikon im Kanton Zürich, gegenüber swissinfo. Neben der Finanzkrise nennt sie Jugendgewalt als Problem und meint: «Wir können nicht so weitermachen wie bisher, da muss einiges geändert werden.»

Zustimmung erhält sie von Stefania Marasco, 19, die sich über die Integration von Ausländern Sorgen macht: «Alles ist so asozial. Wir brauchen mehr Zusammenhalt, Einigkeit und ein sozialeres System.»

Angesichts der düsteren Zukunftsaussichten im Zusammenhang mit der weltweiten Wirtschaftskrise erstaunt es nicht, dass sich heute selbst Jugendliche Gedanken über ihre Altersvorsorge machen.

Valentin Rohner, 17, bringt es auf den Punkt: «Heute steigen viel weniger junge Menschen in den Arbeitsmarkt ein als alte aus. Das bedeutet, dass ein junger Mensch mehr bezahlen muss.» Für den Gymnasiasten liegt daher auf der Hand: «Man sollte darüber diskutieren, ob man das Rentenalter nicht ein wenig nach oben schrauben sollte.»

Und Ursula Naef zeigt politisches Bewusstsein, wenn sie beifügt: «Es hat keinen Sinn, sich nur gerade mit dem zu befassen, das einen im Moment betrifft.» Es gehe schliesslich darum, die ganze Gesellschaft zu stützen.

Interesse an der Politik

Simone, Stefania, Ursula und Valentin besuchen das Gymnasium in Winterthur und haben einen wachen Blick für ihre Umwelt. Alle vier interessieren sich für Politik und möchten sich gesellschaftlich engagieren. Im November haben sie im Bundeshaus an der Jugendsession teilgenommen.

Bei ihnen ist nichts von der oft beklagten Politikmüdigkeit von Jugendlichen zu spüren. Im Gegenteil: «Die Politik ist da, um Probleme zu lösen», sagt Ursula.

Stefania könnte sich sogar vorstellen, eine politische Karriere einzuschlagen. Im Moment schwebt ihr vor, Sozial- oder Geisteswissenschaften zu studieren, vielleicht auch Internationale Beziehungen und einmal einen Sozialeinsatz im Ausland zu machen.

Symbolfigur Barack Obama

Die Wahl von Barack Obama zum amerikanischen Präsidenten gibt den Jugendlichen recht. Veränderung ist möglich. Valentin glaubt: «Mit Barack Obama werden die USA eine menschenfreundlichere Aussenpolitik betreiben.»

Simone warnt vor zu hohen Erwartungen, aber dennoch ist sie überzeugt: «Schon nur die Tatsache, dass er so jung ist, bewirkt eine Veränderung. Seine Wahl ist ein Schritt für eine bessere Zukunft.»

Die Jugend hat Träume und Visionen, aber meist keine Macht, diese umzusetzen. Doch was wäre, wenn? «Ich würde als erstes die Armee abschaffen», sagt Simone wie aus der Pistole geschossen. Stefania stimmt ihr lachend zu: «Das wäre auch für mich ein Ziel.»

Ursula würde sich für den Klimaschutz und eine sozialere Marktwirtschaft einsetzen. Für Valentin sind Umweltprobleme und die Regulierung der Wirtschaft im Moment die zentralen Themen: «Ich möchte den Superkapitalismus zurückbinden», sagt er.

Familie und Reisen

Doch vorerst haben die vier Jugendlichen andere Pläne: die Schule abschliessen, reisen, studieren. Alle möchten sie einmal Kinder haben. Nur Simone schränkt ein: «Das weiss ich noch nicht. Für mich ist wichtig, zuerst zu studieren und einen Beruf zu erlernen.»

Trotz Krisen, Terror und Katastrophen – die jungen Menschen wollen die Welt entdecken. Stefania interessiert sich für die lateinamerikanische Kultur und will deshalb diesen Kontinent bereisen. Daneben fasziniert sie die fremde Welt des Islam: «Ich möchte diesen Teil der Welt kennenlernen und verstehen.»

Reisen hat auch für Valentin einen hohen Stellenwert. Er möchte vorerst «westliche und sogenannt reiche Länder» besuchen, die USA, Australien. «Erst wenn ich etwas älter und gefestigter bin, möchte ich auch in Krisenregionen reisen und mir die Probleme dort ansehen – vielleicht als Journalist, Vertreter einer humanitären Organisation oder im Auftrag des Bundes.»

swissinfo, Susanne Schanda

200 Jugendliche debattierten im November 2008 während drei Tagen an der Jugendession in Bern ein breites Spektrum von Themen.

Neben dem Wert der Arbeit und der Rolle der Neutralität in den wirtschaftlichen Aussenbeziehungen wurde über Alkoholkonsum und Parteifinanzierung diskutiert.

Zudem befasste sich die Jugendsession mit mehreren Punkten der Traktandenliste der Wintersession, etwa mit der Zukunft der Armee und der Forschung am Menschen sowie als Spezialthema mit der Erweiterung der Personenfreizügigkeit.

Die Resultate der Diskussionen mündeten in Petitionen, Projektideen oder Statements.

Die 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden aus mehr als 300 Bewerbungen ausgewählt.

Die Jugendsession existiert seit 17 Jahren.

Im Rahmen der geplanten Revision des Jugendförderungsgesetztes will der Bundesrat die Jugendsession nach SAJV-Angaben gesetzlich verankern.

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