Vom Überfallopfer zum Firmengründer: Ein Schweizer wirbt in Rio de Janeiro
Salvatore Scimonetti hat den Schritt von Rapperswil-Jona nach Brasilien gewagt – und dabei nicht nur die Liebe, sondern auch eine unternehmerische Perspektive gefunden. Sein Weg dorthin war geprägt von Rückschlägen, Neuanfängen und viel Unsicherheit.
Der Wendepunkt in Salvatores Scimonettis Leben begann nicht mit einem Businessplan, sondern mit einem Sonnenaufgang in Brasilien, der ihn «richtig berührt» hat. Es sei Liebe auf den ersten Blick gewesen – für ein Land, das so ganz anders funktioniert als die Schweiz.
Doch der erste Anlauf, dort als Selbständiger Fuss zu fassen, scheiterte. Ohne Sprachkenntnisse und lokale Erfahrung wollte er als 25-Jähriger ein eigenes Projekt umsetzen. Nach einem Überfall wurde ihm jedoch klar, dass er es allein in einem für ihn noch fremden Land nicht schaffen würde. «Es war nicht der richtige Zeitpunkt», sagt Scimonetti rückblickend. Er kehrte in die Schweiz zurück.
Was blieb, war die Verbindung zu einer brasilianischen Modedesignerin, in die er sich kurz vor seiner Abreise verliebt hatte. Vier Jahre lang führten die beiden eine Fernbeziehung, bevor sich Scimonetti entschied, erneut nach Brasilien zu ziehen.
«Rational betrachtet standen die Chancen für uns beide besser, wenn ich zu ihr ziehe», erinnert sich der heute 34-Jährige. Dieses Mal ging er die Sache anders an: vorbereitet, vorsichtiger – und mit einem klareren Plan. Inzwischen ist er verheiratet und hat vor Ort seine eigene Marketingagentur gegründet.
Unsere Serie porträtiert Schweizerinnen und Schweizer, die im Ausland Unternehmen gründen, aufbauen und führen. Anhand ihrer persönlichen Werdegänge zeigen wir, warum sie ihre Projekte jenseits der Landesgrenzen realisieren, welche Rahmenbedingungen sie dort vorfinden und welche Herausforderungen und Chancen sich daraus ergeben.
Anhand ihrer Lebenswege zeigt diese Serie zudem, wie die Fünfte Schweiz zur wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Ausstrahlung der Schweiz beiträgt.
Sechs Sprachen, zwei Märkte
Der Name seiner Agentur «Schachmatt VierExterner Link» – in Brasilien der Einfachheit halber SV4 – ist dabei Programm. Scimonetti verstehe seine Arbeit als strategisches Spiel: vorausdenken, Risiken abwägen, Züge planen. Ein Ansatz, der ihm hilft, sich in einem Markt zurechtzufinden, den er als dynamisch, aber auch unberechenbar beschreibt.
Sein Geschäftsmodell ist vergleichsweise pragmatisch: Er akquiriert weiterhin Kund:innen in der Schweiz, zunehmend auch in Brasilien, und setzt Projekte mit einem sechsköpfigen Team vor Ort um. Dabei kommt ihm auch zugute, dass er mehrere Sprachen spricht – insgesamt sechs –, was die Arbeit zwischen den verschiedenen Märkten erleichtert. Scimonetti nutzt also die Verbindung zwischen der Schweiz und Brasilien – allerdings verläuft das nicht ohne Herausforderungen.
Rechtliche Fragen, Steuern und unterschiedliche Geschäftskulturen machen den Aufbau zunächst komplexer als erwartet – Scimonetti führt eine Einzelfirma in der Schweiz sowie zwei GmbHs in Brasilien. Heute arbeitet er mit Treuhändern in beiden Ländern zusammen, um die steuerlichen Fragen zu klären. «Jedes Jahr ist es eine neue Herausforderung, das dem Schweizer Steueramt zu erklären, weil ich ja nicht mehr dort lebe», so Scimonetti.
Brasilien ist nicht die Schweiz
Parallel zur Agentur beteiligte er sich am Aufbau eines kleinen FotostudiosExterner Link in Rio de Janeiro. Es ist ein klassisches Jungunternehmer-Setting: begrenzte Mittel, viel Eigenleistung und ein ständiger Blick auf die Kosten. «Es ist ein Kampf, Monat für Monat», sagt Scimonetti. Einnahmen, Investitionen und laufende Verpflichtungen müssen immer wieder neu ausbalanciert werden.
Auch Rückschläge gehören weiterhin dazu. Zu Beginn habe er in Brasilien «zu viel vertraut» und entsprechend Lehrgeld bezahlt. «Ich habe gedacht, die Welt ist wie die Schweiz», so der Auslandschweizer mit italienischen Wurzeln. Heute geht er strukturierter vor, arbeitet mit lokalen Partner:innen und versucht, Risiken besser einzuschätzen.
Scimonetti ist der erste in seiner Familie, der sich in der Schweiz einbürgern liess. Obwohl er lange Zeit als «Tschingg» bezeichnet wurde und sich in der Schweiz nie ganz zugehörig fühlte, identifiziert er sich heute stark mit Schweizer Werten.
Diese sieht er auch als Vorteil. Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und Planungssicherheit seien Qualitäten, mit denen er sich im brasilianischen Markt positionieren könne. Gleichzeitig habe er gelernt, flexibler zu werden – eine Fähigkeit, die im Alltag in Rio oft entscheidend ist.
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Sein bisher grösster Erfolg sei das Rebranding der brasilianischen Marke «TYP» gewesen, die es nun in ein Luxus-Shoppingcenter in Rio geschafft habe – nach seinen Angaben in unmittelbarer Nähe zu Boutiquen mit internationalen Marken wie Gucci oder Prada.
Trotz wirtschaftlichem Druck und Unsicherheiten verfolgt Scimonetti langfristige Pläne. Er möchte künftig auch jungen Talenten aus benachteiligten Verhältnissen einen Einstieg in kreative Berufe ermöglichen. Konkrete Projekte stehen noch am Anfang, die Idee ist jedoch Teil seiner Zukunfsperspektive.
Die Schweiz wird für Scimonetti wirtschaftlich weiter wichtig bleiben. Sein Alltag spielt sich jedoch in Brasilien ab, wo er sich mit seiner Frau ein Eigenheim gekauft hat und sein Geschäft weiter aufbaut.
Editiert von Balz Rigendinger/me
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