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Die Session im Rückblick

Liliane Maury Pasquier wird in Genf als Nationalratspräsidentin gefeiert. Ihr zur Seite ihr Mann. Keystone

Die "kreative Unordnung" ist zu Ende, das Parlament hat in der Wintersession hart gearbeitet. Und die neue Höchste Schweizerin hat charmant durch die Debatten geführt.

Bei der Betrachtung eines Themas gibt es immer verschiedene Herangehensweisen. Zum Beispiel die mathematische – Nationalratspräsidentin Liliane Maury Pasquier wählte sie als erste Betrachtungsweise ihrer Schlusserklärung.

«Wir haben in 14 Halbtagen 77 Stunden gearbeitet, was 5 ½ Stunden pro Halbtag bedeutet. Wir haben 116 Anträge oder Projekte behandelt, davon 81 Vorstösse. 91 Vorstösse wurden gleichzeitig eingereicht.»

Schwarz oder rot?

Es folgte die zweite Betrachtungsweise – die negative. Die Umwandlung von dringenden Vorstössen zum Beispiel. Oder dass das Programm immer wieder auf den Kopf gestellt, neue Vorstösse hineingenommen, andere verschoben wurden. Trotzdem war das Parlament «produktiv in der kreativen Unordnung», wie die Präsidentin der Grossen Kammer augenzwinkernd die Session schloss.

Doch zur neuen Höchsten Schweizerin passt viel mehr die optimistische Schlussbetrachtung. Sie freue sich, dass das Parlament den Sans-Papiers Zeit gewidmet habe. Auch das Berufsbildungsgesetz sei jetzt im Erstrat unter Dach und Fach. Es sei eine schwere Geburt gewesen, aber das Parlament habe Kompromiss-Bereitschaft gezeigt. Da könne man sich nur freuen.

«Und schliesslich: Erlauben Sie der Hebamme, die ich bin, mich schon in der pränatalen Phase über den 14-wöchigen Urlaub zu freuen, den Frauen, die eben geboren haben, bald erhalten sollen.» Freude darüber, dass der Nationalrat endlich einen Kompromiss zu finden scheint, was die über 50-jährige Geschichte einer Mutterschaftsversicherung angeht.

Sans-Papiers in die (der) Schweiz

Liliane Maury Pasquier, Sozialdemokratin und Grossmutter mit 45 Jahren, hatte ihr Präsidialjahr fulminant eingeläutet. Ihr erster Dank galt ihrer Familie. Den Blick zu den Zuschauer-Tribünen hoch sagte sie nach ihrer Wahl: «Ich danke euch. Ich liebe euch.» Wann der ehrwürdige Saal solch erfrischende Ehrlichkeit zuletzt erlebt hat, steht irgendwo in staubigen Archiven geschrieben.

Und schelmisch brachte sie während der Antrittsrede auf den Punkt wer sie ist: Eine Frau, die drei Minderheiten verkörpert. Die Frauen, die Linke und die Welschen. Nur eine könne in der Schweiz nicht verändert werden: die lateinische Minderheit.

Neben Charme, Ehrlichkeit und Direktheit, zeigte sie auch Mut, indem sie bereits bei der Antrittsrede es wagte, die Problematik der Sans-Papiers anzusprechen. Dies obwohl: «Ich fand immer, die Reden dauerten zu lange. Und ich will die ungewöhnliche Aufmerksamkeit – gegenüber einer französisch sprechenden Rednerin vor allem – nicht missbrauchen».

Trotzdem sprach sie über die Sans-Papiers, dass auch ihre Vorfahren solche waren, wenn auch im 15. Jahrhundert. Heute sei die Situation anders, aber «ich wünsche mir, dass diese Menschen, wenn möglich, eine Heimat finden. Eine Heimat im Sinne von Voltaire: Den Ort, wo man glücklich ist».

Rebecca Vermot

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