Schmelzen den Olympischen Winterspielen die Austragungsorte weg?
Der Klimawandel stellt die Zukunft der Olympischen Winterspiele infrage. Ihr Format, Zeitpunkt sowie geeignete Gastgeberländer stehen zur Debatte. Könnte die von der Schweiz geplante Ausgabe 2038 eine Antwort sein?
Die Olympischen Winterspiele 2026 begannen mit starkem Schneefall in Cortina d’Ampezzo in Norditalien. Doch in der Zukunft werden die Temperaturen steigen, und der Schnee wird weniger. Seit 1956, als Cortina zuletzt Gastgeber war, sind die durchschnittlichen Februartemperaturen um 3,6 Grad Celsius gestiegen. Prognosen sagen für den laufenden Wettkampfmonat weitere überdurchschnittliche Temperaturen voraus.
Insgesamt warnen Forschende, dass die Zahl verlässlicher Austragungsorte für Winterspiele schrumpft. Eine StudieExterner Link aus dem Jahr 2024 kommt zum Schluss, dass von 93 Bergdestinationen, die heute Elite-Wintersport ermöglichen, je nach Entwicklung der globalen Emissionen bis in die 2080er-Jahre nur noch rund 30 übrig bleiben könnten. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) bevorzugt Gastgeber mit mindestens 80% bestehender Infrastruktur – was den Kreis zusätzlich einschränkt.
Das in der Schweiz ansässige IOC prüft nun, die Spiele unter einer kleinen, festen Gruppe geeigneter Standorte rotieren zu lassen und Wettbewerbe früher in der SaisonExterner Link anzusetzen. Der März wird zunehmend zu warm für die Paralympics, die traditionell auf die Olympischen Winterspiele folgen.
Mega-Events wie die Olympischen Spiele verursachen zudem erhebliche CO2-Emissionen, insbesondere durch Bauprojekte und Reisen. Neue Schweizer ForschungsergebnisseExterner Link zeigen, dass die Olympischen Spiele zwischen 2012 und 2024 zwischen 1,59 und 4,5 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente ausgestossen haben.
Winterspiele verursachen in der Regel weniger Emissionen als Sommerspiele – etwa 1,0 bis 1,5 Millionen Tonnen CO₂ –, da weniger Athlet:innen teilnehmen, die Sportstätten kleiner sind und der operative Aufwand geringer ist. Doch selbst diese kleineren Anlässe können gemessen an ihrer wirtschaftlichen Dimension unverhältnismässig CO2-intensiv sein.
Während das IOC grössere Reformen zur Verringerung des CO2-Fussabdrucks der Olympischen Spiele prüft, präsentiert die Schweiz ein Modell für nachhaltigere Spiele, die 2038 im Land stattfinden sollen.
IOC: Spiele, die «so nachhaltig wie möglich» sind
«Unser Ziel ist es bei jeder Ausgabe der Olympischen Spiele, eine Veranstaltung zu organisieren, die so nachhaltig wie möglich ist; ihren Fussabdruck zu reduzieren und gleichzeitig den sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Bedürfnisse der Gastgeberregion gerecht zu werden», sagte Julie Duffus, Leiterin Nachhaltigkeit beim IOC, gegenüber Swissinfo.
Als Beispiele dafür, dass das IOC Nachhaltigkeit und Klimawandel «sehr ernst» nimmt, verweist sie auf strengere Regeln für Gastgeberstädte seit 2020, eine verpflichtende CO2-Bilanzierung und einen Host-City-VertragExterner Link, der eine Ausrichtung am Pariser Abkommen verlangt. Zudem priorisiere das IOC bestehende oder temporäre Austragungsstätten, klimatisch verlässliche Standorte, reduzierte Bautätigkeit, erneuerbare Energien und regionale Austragungsmodelle.
Schweizer Forschende sehen jedoch eine «anhaltende Governance-Lücke»: Das IOC verlange weder Emissionsschätzungen während der Bewerbungsphase noch eine unabhängige Überprüfung im Anschluss.
Besonders bei den Winterspielen sei dies problematisch, da uneinheitliche Berichterstattung in der Vergangenheit es schwierig mache, eine Ausgangsbasis festzulegen oder glaubwürdige Ziele zu definieren, sagt der in Lausanne tätige Forscher David Gogishvili.
Gogishvili und sein Kollege Martin Müller schlagen einen klareren Reduktionspfad vor. Ihre ForschungExterner Link skizziert einen Fahrplan zur Senkung der olympischen Emissionen – um 48% bis 2030 und um 84% bis 2050 –, um mit dem Pariser Abkommen in Einklang zu stehen. Sie argumentieren gegen die Ausrichtung von Mega-Events und plädieren für einen stärkeren Fokus auf regionale Zuschauer:innen, um Langstreckenflüge zu reduzieren.
«Das Schwierigste für das IOC und andere grosse Gastgeber ist es zu akzeptieren, dass diese Mega-Events – in Bezug auf Grösse, Umfang und die Anzahl der Athlet:innen – die Realität der Klimakrise, in der wir leben, ignorieren», sagt Gogishvili zu Swissinfo.
Läutet Mailand–Cortina eine neue Ära ein?
Eine Strategie des IOC zur Verbesserung der Nachhaltigkeit besteht darin, die Spiele über grössere Regionen hinweg unter Nutzung bestehender Infrastruktur auszutragen. Milano–Cortina gilt als erster grosser Test: Die Wettkämpfe sind auf drei Zentren – Mailand, Cortina und Livigno – verteilt, mit lediglich zwei neuen permanenten Sportstätten. Auch die nächsten beiden Winterspiele, 2030 in den französischen Alpen und 2034 in Utah, werden geografisch verteilt stattfinden.
Italien nutzt Ausrüstung von Paris 2024 weiter und gibt an, dass 85% der Infrastruktur bestehend oder temporär seien. Die Sportstätten würden mit erneuerbarer Energie betrieben, überschüssige Lebensmittel würden gespendet.
Kritiker:innen weisen jedoch auf Widersprüche hin. Trotz Nachhaltigkeitsversprechen wurden mehrere neue Unterkunftszentren errichtet, und für die neue Bobbahn in Cortina mussten Hunderte Bäume gefällt werden.
Die Produktion von 2,4 Millionen Kubikmetern Kunstschnee erfordert zudem Wasser, neue Speicherbecken und kostspielige Technologie.
Auch grosse Infrastrukturprojekte, darunter Strassenausbauten, wurden im Zusammenhang mit den Spielen in Norditalien lanciert. Die Kosten sind von 1,5 auf 5,7 Milliarden Euro gestiegen.
Zahlreiche Projekte wurden laut CIPRAExterner Link, der Internationalen Alpenschutzkommission, ohne Umweltverträglichkeitsprüfung vorangetrieben, «trotz Verpflichtungen zur Nachhaltigkeit und dem Versprechen, keine Belastung für die öffentlichen Finanzen darzustellen».
Aktivist:innen schätzenExterner Link, dass Milano–Cortina rund 930’000 Tonnen Emissionen verursachen wird. Der grösste Anteil – 410’000 Tonnen – entfällt auf die Anreise der Zuschauer:innen. Das liegt unter dem Wert von Pyeongchang 2018 (1,64 Millionen Tonnen), ist jedoch immer noch erheblich und entspricht in etwa den jährlichen Emissionen einer mittelgrossen europäischen Stadt mit rund 200’000 Einwohner:innen.
Kritisiert werden auch Sponsoringverträge mit dem Öl- und Gasunternehmen Eni, dem Automobilhersteller Stellantis und der Fluggesellschaft ITA Airways. Diese würden nach Schätzungen zusätzliche 1,3 Millionen Tonnen CO2 verursachen.
Greenpeace protestierte in Mailand bei der Ankunft der olympischen Fackel und forderte die Organisator:innen auf, die Verbindungen zu Eni zu beenden. Das Unternehmen erklärte, es erkenne die Dringlichkeit des Klimawandels an und investiere in die Energiewende.
IOC-Präsidentin Kirsty Coventry räumte ein, die Organisation müsse beim Klimawandel «besser werden», nachdem sie eine Petition mit 21’000 Unterschriften erhalten hatte, die ein Verbot von Sponsoren aus der fossilen Brennstoffindustrie fordert.
Wie grün werden die Schweizer Spiele sein?
Die Schweiz verfolgt diese Entwicklungen aufmerksam. Das IOC ist mit dem Alpenland in einen privilegierten DialogExterner Link über die Organisation der Olympischen und Paralympischen Spiele 2038 eingetreten.
Switzerland 2038Externer Link schlägt Wettbewerbe im ganzen Land vor – jedoch ohne neue permanente Sportstätten und mit umfassender Nutzung des öffentlichen Verkehrs. Zehn Kantone und 14 Gemeinden unterstützen das Projekt, das rund 120 Wettbewerbe an zehn Standorten vorsieht.
Lausanne könnte die Eröffnungsfeier ausrichten, Bern die Schlussfeier. Der Bundesrat unterstützt den Plan ebenfalls und hat Konsultationen zu einer möglichen Finanzierung von bis zu 200 Millionen Franken eingeleitet. Der grösste Teil des geschätzten Gesamtbudgets von 2,2 Milliarden Franken soll von privaten Partnern und Geldgebern stammen.
Die Schweiz war zuletzt 1948 Gastgeberin der Spiele. Das Parlament dürfte noch in diesem Jahr über die Bewerbung für 2038 entscheiden. Falls Gegner:innen genügend Unterschriften sammeln, könnte es zudem zu einem Referendum kommen. Mehrere frühere Schweizer Bewerbungen – etwa St. Moritz–Davos für 2022 und das Wallis für 2026 – scheiterten an der Urne.
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Derzeit gibt es keine organisierte Opposition gegen die Bewerbung für 2038. Frühere Schweizer Anläufe scheiterten überwiegend an Kosten und finanziellen Risiken; Umweltbedenken spielten eine untergeordnete Rolle.
«Wir sind uns voll bewusst, dass die Spiele – wie jeder grosse internationale Anlass – Umweltauswirkungen haben, selbst ohne Neubauten. Switzerland 2038 plant daher, klare, messbare und überprüfbare Emissionsreduktionsziele festzulegen», sagte Frédéric Favre, Direktor von Switzerland 2038, gegenüber Swissinfo. Die Ziele werden sich auf Mobilität, Energie, Materialien und temporäre Strukturen konzentrieren.
Weitere Massnahmen sollen den CO2-Fussabdruck verringern. Der Zugang zum öffentlichen Verkehr könnte mit den Tickets gebündelt werden, und regionale Zuschauer:innen würden priorisiert.
«Rechenschaftspflicht ist unerlässlich»
Umweltorganisationen, darunter Pro Natura und WWF, haben sich an den Konsultationen beteiligt.
Dennoch bleibt Skepsis. Kaspar Schuler, ehemaliger Direktor von CIPRA, argumentiert, dass Olympische Spiele die Infrastruktur zwangsläufig belasten. Er verweist auf Mailand–Cortina 2026, wo «Lippenbekenntnisse katastrophal nicht eingehalten» worden seien: 57% der Projekte seien vor den Spielen unvollendet geblieben, und die Kosten seien auf 7 Milliarden Euro gestiegen. «Warum sollte es in der Schweiz anders sein?», fragt er.
Gogishvili sagt, Switzerland 2038 scheine die richtigen Nachhaltigkeitskriterien zu erfüllen, warnt jedoch, dass Rechenschaftspflicht unerlässlich sei. «Behauptungen können aufgestellt werden, aber der wichtige Aspekt ist, dass sie wissenschaftlich fundiert sind und wie sie überprüft werden und verbindlich werden.»
Die grösste Herausforderung dürfte der internationale Reiseverkehr sein. Wenn 2038 weiterhin viele Fans per Langstreckenflug in die Schweiz reisen, könnten die Organisator:innen ihre Klimaziele verfehlen – so wie beim Sommer-Event Paris 2024, bei dem Reisen 53% des CO2-Fussabdrucks ausmachtenExterner Link.
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Editiert von Gabe Bullard/Veronica De Vore, Übertragung aus dem Englischen mithilfe der KI Claude: Janine Gloor
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