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Harmos: “Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen”

Die Gegner kämpften mit weinenden Kindern gegen die Schulharmonsierung. Keystone

Am Sonntag erteilten die Luzerner der Schulharmonisierung mit 61,4% Nein-Stimmen eine klare Absage. Die Schweizerische Erziehungsdirektoren-Konferenz zeigt sich jedoch hinsichtlich der weiteren Abstimmungen zuversichtlich.

Die Luzerner wollten Vierjährige nicht dem Staat übergeben, sagte der SVP-Kantonsrat Guido Luternauer vom Referendumskomitee.

Die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) hat das Nein zur Interkantonalen Vereinbarung über die Harmonisierung der obligatorischen Schule (HarmoS) im Kanton Luzern bedauert. Die Chancen der frühen Förderung von Kindern seien damit nicht gepackt worden, teilte sie in einer Pressemitteilung mit.

Der Besuch von mehr als einem Kindergartenjahr habe sowohl für leistungsstarke wie für leistungsschwache Kinder positive Auswirkungen auf den späteren Schulerfolg.

Weinende Kinder

Ins Zeug gelegt gegen HarmoS hatte sich die Schweizerische Volkspartei (SVP). Bereits am Sonderparteitag im luzernischen Sursee hatte Präsident Toni Brunner das Projekt als “einen Versuch der föderalismusfeindlichen Gleichschaltung” bezeichnet.

Der Partei nahestehende Gruppen hatten im Kanton Luzern das Referendum ergriffen und innert kürzester Zeit eine Rekordzahl von Unterschriften gesammelt.

Mit weinenden Kindern auf Plakatwänden und der Frage “Schulzwang für 4-Jährige?” kämpften sie gegen die Schulharmonisierung und warnten vor einer Entmündigung der Eltern.

Sie reduzierten damit HarmoS auf die obligatorische Einführung des zweijährigen Kindergartens.

Erste Abstimmung an Urne

Das HarmoS-Konkordat geht jedoch weiter: Es soll den Kantonen einen einheitlichen Deutschschweizer Lehrplan für die Volksschule, die Koordination des Fremdsprachenunterrichts, Blockzeiten an der Primarschule und bedarfsgerechte Betreuungsangebote ausserhalb des Unterrichts bringen.

In der Schweiz hat jeder Kanton ein anderes Bildungssystem. Allein schon ein Umzug kann eine Familie vor Probleme stellen. 2006 hat das Schweizer Volk deshalb klar Ja gesagt zu einer neuen Bildungsverfassung.

Bisher sind sechs Kantone (Schaffhausen, Glarus, Waadt, Jura, Neuenburg, Wallis) dem Konkordat beigetreten. Im Kanton Glarus entschied darüber die Landsgemeinde, in den anderen Kantonen das jeweilige Parlament. Luzern war der erste Kanton, der in einem Referendum an der Urne über HarmoS abstimmte.

“Besondere Situation”

Wie ist das schlechte Abschneiden beim Luzerner Volk zu erklären? Die EDK weist darauf hin, dass der Kanton Luzern zusammen mit einigen wenigen anderen Kantonen bezüglich Kindergartenbesuch eine besondere Situation kenne.

Im Kanton Luzern besuchen nur 37% der Kinder während zwei Jahren den Kindergarten – gesamtschweizerisch sind es rund 86%. Das Abstimmungsergebnis sei auch vor diesem Hintergrund zu werten, so die EDK.

“Die Gegner in Luzern haben mit Unwahrheiten und Angstmacherei operiert. Weinende Kinderaugen zu zeigen, ist natürliich einfacher, als zu erklären, wo die Chancen eines zweijährigen Kindergartens liegen”, sagte Isabelle Chassot, Präsidentin der Erziehungsdirektorenkonferenz gegenüber der Zeitung Der Bund.

Weitere Referendumsabstimmungen gibt es diesen Winter in den Kantonen Thurgau, Graubünden, St. Gallen, Zürich und Nidwalden.

Im Kanton Bern wollen die HarmoS-Gegner noch diese Woche die Unterschriftensammlung starten, um ein Referendum zu erreichen.

Signalwirkung?

Inwiefern hat das schlechte Abschneiden beim Luzerner Volk Signalwirkung für die anderen Kantone? “Die Abstimmung wäre ein wichtiges Signal in der aktuellen HarmoS-Debatte gewesen, es ist aber nicht das letzte Wort in diesem Prozess”, sagt Gabriela Fuchs, EDK-Kommunikationsbeauftragte gegenüber swissinfo.

Sie gibt sich zuversichtlich: “Die drei Kantone, in denen die nächsten Abstimmungen stattfinden – St. Gallen, Thurgau und Zürich -, kennen bereits den zweijährigen obligatorischen Kindergarten.”

Harmos tritt in Kraft, wenn zehn Kantone dem Konkordat beigetreten sind. Wenn also weitere Kantone ablehnen, könnte die Harmonsierungs-Vorlage scheitern. Gemäss Fuchs geht die EDK nicht von einem Scheitern von HarmoS aus. Auch sei die Anpassung des Konkordats kein Thema.

swissinfo, Corinne Buchser

Mit HarmoS wollen die Kantone ihre unterschiedlichen Systeme der obligatorischen Schulzeit vereinheitlichen.

Diese soll neu mit vier anstatt wie bisher mit sechs Jahren beginnen.

Ausserschulische Angebote wie Mittagessen oder betreute Aufgabenstunden werden für Schulen oder Schulbezirke Pflicht.

An Primarschulen findet ein Blockunterricht statt, vor allem vormittags.

HarmoS betrifft auch den Fremdsprachenunterricht. Erste Fremdsprache muss nicht unbedingt eine Landessprache sein.

In der Schweiz sind rund ein Viertel aller 3- bis 4-Jährigen in einem vorschulischen Bildungsprogramm eingeschrieben, in Frankreich sind es 100%, in Deutschland 97% (OECD, 2006).

Gemäss den Schlüsselzahlen zum Bildungswesen in Europa von 2005 besuchen in über der Hälfte der europäischen Staaten mehr als 80% der Kinder ab dem 3. oder 4. Lebensjahr eine Vorschuleinrichtung.

Laut Bundesamt für Statistik (BFS) waren in der Schweiz 2007 insgesamt 60% der Frauen erwerbstätig. Die Schweiz liegt damit ungefähr auf der gleichen Höhe wie Finnland mit 58,5% und Schweden mit 60,4%.

In Deutschland beträgt der Anteil erwerbstätiger Frauen 52,8%, in Frankreich 51,4%, in Italien 37,9% und in Grossbritannien 55,3%.

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