Kriegstraining für humanitäre Helfer
Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz erwartet von seinen Delegierten, dass sie in Konfliktzonen Ruhe bewahren können.
Bevor sie ins Feld geschickt werden, müssen alle künftigen Delegierten ein strapaziöses Training hinter sich bringen, um sich für die bevorstehenden Herausforderungen zu rüsten.
Das Training findet auf dem Land ausserhalb Genfs statt, wo die neuen Mitarbeitenden in simulierten Übungen lernen, wie sie sich bei Strassensperren verhalten oder die Bedürfnisse eines bombardierten Feldspitals einschätzen sollen.
«Wir möchten, dass sie sich so gut wie möglich eine Vorstellung davon machen können, was sie erwartet», erläutert Raymond Desmeaules, IKRK-Chefausbilder gegenüber swissinfo.
Laut Desmeaules sind Hilfswerksangehörige heute hohen Risiken ausgesetzt. In vielen modernen Konflikten gebe es in den humanitären Organisationen mehr Opfer als in den Streitkräften.
«Vor zwanzig Jahren wurde das Wahrzeichen des Roten Kreuzes noch respektiert», so Desmeaules. «Es war selbstverständlich, dass wir überallhin gehen konnten. Heute müssen wir unsere Bewegungen jeden Tag neu aushandeln.»
Idealismus gegen Realität
Rund 4000 Personen bewerben sich jedes Jahr beim IKRK, nur 250 jedoch werden zu Delegierten ausgebildet.
Viele Kandidaten wie die 27jährige Cynthia Breitler, eine ehemalige Lehrerin aus dem Wallis, sind von den humanitären Idealen des Roten Kreuzes motiviert.
«Hier in der Schweiz haben wir das Glück, in einem schönen, friedlichen Land zu leben», sagte Breitler gegenüber swissinfo. «Andere Menschen haben weniger Glück, und wenn ich das Leiden dieser Menschen lindern kann, will ich dorthin gehen und das auch tun.»
Während des Trainings jedoch wird ein Teil dieser friedlichen Schweiz in eine simulierte Kriegszone verwandelt, wo an jeder Ecke Gefahren lauern und jeder Fehler teuer zu stehen kommt.
Cynthia und ihr zukünftiger Kollege Urban Caluori besteigen mit weiteren vier Auszubildenden einen Rotkreuz-Jeep. Mit einer Karte ausgerüstet fahren sie aufs Land.
Wütende Rebellen
Bald muss der Jeep bei einem Checkpoint der Regierung anhalten, von wo die Delegierten eine verletzte Frau mitnehmen müssen, die auf eine Mine getreten ist.
Aber die Regierungssoldaten sind misstrauisch und wütend. Einer versucht, in den Jeep zu steigen und fuchtelt mit seinem Gewehr herum. Das ist streng gegen die IKRK-Politik: Die Delegierten müssen immer neutral bleiben und keine Waffen berühren.
Dies ist ein entscheidender Moment für die Übenden: Können Sie den Soldaten dazu bringen, wieder auszusteigen, ohne dass sich die angespannte Situation verschärft?
«Sie müssen ruhig bleiben, ohne vor den Waffen zu kuschen», erklärt Desmeaules. «Wir wollen aber keine Rambos. Sie sollen auf die Situation eingehen, jedoch nicht gehorchen.»
Kein einfacher Balanceakt, und er wird sogar noch schwieriger.
Als die Delegierten wieder abfahren, wird der Checkpoint von Raketen beschossen. Nach der nächsten Kurve erwartet sie eine Strassensperre der Rebellen.
«Aussteigen, aussteigen», schreien die Rebellen. Sie sind selber als hohe Rotkreuz-Mitarbeitende verkleidet, aber das im Kopf zu behalten, wird im Raketenangriff, im Geschrei und vor den herumgeschwenkten Gewehrläufen immer schwieriger.
«Auf die Knie und Ruhe», schreien sie. «Gebt uns euer Geld, eure Uhren, alles.»
Urban versucht, mit dem Rebellen zu sprechen. «Kann ich aufstehen?», fragt er. «Kann ich mich vorstellen? Wir sind vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz.»
Klar und ruhig
Eine der wichtigsten Aufgaben der Delegierten ist es, klar und ruhig zu erklären, dass das IKRK da ist, um allen Opfern des Konflikts zu helfen, unabhängig davon, auf welcher Seite sie stehen.
«Das müssen alle noch besser lernen», erklärt Paolo Secchi, der Rotkreuzmitarbeiter, der die Rolle des Chefrebellen übernimmt. «Sie müssen diese Botschaft und die Ideale des IKRK viel klarer hinüberbringen können.»
Nach einem Tag simulierter Feldarbeit steht den Delegierten noch eine rigorose Manöverkritik bevor, die von Josienne Friedrich geleitet wird, einer früheren Delegierten mit langjähriger Afrikaerfahrung.
Erneut werden die künftigen Delegierten genau überprüft. Friedrich will sicher sein, dass sie wirklich über die wichtigsten Ereignisse des Tages berichten.
Urban und Cynthia zum Beispiel gelingt es gut, die Bedürfnisse eines bombardierten Spitals einzuschätzen, aber sie vergessen zu erwähnen, dass die verwundete Frau, die sie mitnahmen, von einer Mine verletzt wurde.
«Eine Mine!» ruft Friedrich aus. «Aber das ist sehr wichtig. Wir wussten nicht, dass es in dieser Region Minen hat. Wir müssen sofort alle informieren.»
Engagement
Nachher können Urban, Cynthia und die anderen sich etwas erholen und über den Tag nachdenken.
«Ich machte wohl eine Menge Fehler», meint Urban. «Aber ich denke, diese Erfahrung hilft mir, mich selber besser kennen zu lernen, wenigstens ein bisschen.»
Urban hatte auch Zeit, über die Gefahren nachzudenken, mit denen ein IKRK-Delegierter konfrontiert ist. «Ich habe eigentlich keine Angst. Darüber habe ich viel nachgedacht, und es ist wirklich so. Ich denke einfach ‚Holz berühren und hoffen, dass nichts passiert‘.»
Sein Engagement für die Ideale des IKRK bleibt jedenfalls intakt.
«Die Prinzipien der Menschlichkeit werden in dieser Welt immer weniger befolgt, und das ist natürlich schlecht. Wenn ich also dazu beitragen kann, sie zu bewahren, warum soll ich das nicht tun?»
Auch Cynthia lässt sich vom Training nicht abschrecken, in dem sie das wirkliche Leben einer IKRK-Delegierten kennen lernt. Ihr Anliegen, den unschuldigen Kriegsopfern zu helfen, ist ihr so wichtig wie vorher.
«Das kommt aus dem Bauch», meint sie. «Ich will den Opfern helfen. Ich weiss, dass ich die Welt nicht retten kann, aber das ist auch nicht die Aufgabe des IKRK.»
Wenn man aber einem, zwei oder gar drei Menschen helfen könne, «dann ist es den Versuch sicher wert», zeigt sie sich überzeugt.
swissinfo, Imogen Foulkes
(Übersetzung: Charlotte Egger)
Rund 4000 Personen bewerben sich jedes Jahr beim IKRK, nur 250 jedoch werden zu Delegierten ausgebildet.
Das IKRK bleibt strikt neutral und hilft allen Kriegsopfern.
Das IKRK besucht auch Kriegsgefangene und hilft in Konflikten, den Angehörigen von Kriegsvertriebenen Botschaften zu überbringen.
Hilfswerksangehörige sind in modernen Konflikten immer grösseren Risiken ausgesetzt. In letzter Zeit gibt es unter ihnen mehr Opfer als unter den uniformierten Streitkräften.
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