Rogge heisst der Favorit
Am Montag (16.07.) endet bei der Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Moskau die Ära von Juan Antonio Samaranch Neuer IOC-Präsident wird Jacques Rogge (Belgien), Richard Pound (Kanada), Un Yong Kim (Südkorea), Pal Schmitt (Ungarn) oder Anita Defrantz (USA). Ein Skandal sorgte zudem am Sonntag (15.07.) für Aufregung.
Von den 118 in Moskau anwesenden IOC-Mitgliedern wird der scheidende Präsident Juan Antonio Samaranch nicht mitstimmen. Nicht stimmberechtigt sind Olympier aus den Ländern der fünf Bewerber. Bei der letzten Wahl eines Präsidenten vor 21 Jahren gewann Juan Antonio Samaranch (Spanien) bereits in der ersten Runde mit 37 Stimmen vor Mark Hodler (Schweiz/21), Willi Daume (München/7) und
James Worrall (Kanada/4). NOK-Präsident Daume hatte seine Chancen durch den bundesdeutschen Boykott der Moskau-Spiele verloren.
Der Belgier Jacques Rogge (59), der Kanadier Richard Pound (59) und der Südkoreaner Un Yong Kim (70) werden bei der Wahl durch die Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) am Montag in Moskau das Rennen um die Präsidentschaft unter sich ausmachen. Die Amerikanerin Anita Defrantz (48) und der Ungar Pal Schmitt (59) sind ohne Chancen und werden in den ersten beiden Wahlgängen ausscheiden.
Skandal in letzter Minute
Ein skandalöses Last-Minute-Angebot des süd-koreanischen Präsidenten-Anwärter Un Yong Kim von mindestens 50’000-Dollar an jeden seiner IOC-Kollegen hat am Sonntag (15.07.) in Moskau bei der IOC-Vollversammlung für Aufregung gesorgt.
Die Nachricht von Kims letztem Versuch, das Blatt für sich doch noch zu wenden, kommt letztlich aber dem ohnehin als Favoriten gehandelten Rogge und dem kanadischen Mitbewerber Richard Pound (59) zu gute.
«Wenn es wahr ist, dann ist das ein Fall für die Ethik-Kommission. Es würde gegen sämtliche Regeln und gegen ihren Geist verstoßen», sagte der Schweizer Marc Hodler, der als Erster Ende 1998 den Korruptionsskandal um Salt Lake City öffentlich gemacht hatte. Ein solches Verhalten würde er «Bestechung» nennen.
Drei Favoriten
JACQUES ROGGE (Belgien):
Geboren: 2. Mai 1942
Beruf: Doktor der Medizin, Chirurg und Orthopäde in Gent
Sprachen: Französisch, Englisch, Deutsch, Spanisch, Niederländisch
IOC-Mitgliedschaft: Seit 1991
Funktionen im Sport: Seit 1998 Mitglied der IOC-Exekutive, Vorsitzender der Koordinierungskommissionen für die Spiele in Sydney und Athen sowie Mitglied weiterer Kommissionen; seit 1990 Vorsitzender der Vereinigung Europäischer NOKs, Chef de Mission von fünf belgischen Olympia-Teams
Sportliche Erfolge: dreimaliger Olympia-Teilnehmer (1968, 1972, 1976) im Finn-Segeln, zwei Mal Weltmeister.
Ziele: «Der nächste Präsident muss ein Vereiniger und Teamarbeiter sein.» «Wir müssen die Spirale des olympischen Gigantismus brechen.» «Keine Privatjets, kein Eilen rund um die Welt, keine Geschenke, keine Dinnerpartys.»
Chancen: Der Favorit. Hat seinen Anhang vor allem in Europa (57 Mitglieder) und bei Mitgliedern, die in NOKs verwurzelt sind. Hohe Intelligenz, kennt sich in der olympischen Welt bestens aus. Ist kompromissbereit und geschmeidig, manche meinen zu geschmeidig. Samaranch glaubt, dass nur Rogge die Olympische Bewegung
zusammenhalten kann.
UN YONG KIM (Südkorea)
Geboren: 19. März 1931
Beruf: Politiker, Abgeordneter in Seoul, Sonderbotschafter
Sprachen: Französisch, Englisch, Spanisch, Koreanisch, Japanisch
IOC-Mitgliedschaft: Seit 1986
Funktionen im Sport: Seit 1997 Mitglied der IOC-Exekutive, Vorsitzender der IOC-Fernsehkommission, Präsident des Internationalen Taekwondo-Verbandes, seit 1986 Vorsitzender der Vereinigung der Internationalen Sportverbände (AGFIS), Mitorganisator der Olympischen Spiele 1988 in Seoul
Ziele: «Das IOC ist nicht der Führer des Weltsports. Es sollte sich auf die Olympischen Spiele und Olympische Bewegung begrenzen.» «Wir müssen uns auf die Werte und Traditionen besinnen, unter denen die Olympischen Spiele gegründet wurden.» «Die IOC-Mitglieder haben das Recht, sich ein authentisches Bild von Olympia-Kandidatenstädten zu machen.»
Chancen: Wohl der größte Herausforderer von Rogge. Hat seinen Anhang besonders in Asien, aber auch in Afrika und Südamerika und unter IOC-Mitgliedern, die aus Verbänden kommen. Hat als hervorragender Organisator die entschiedenste Kampagne geführt, mit Unterstützung des südkoreanischen Staates. Im Zuge des Korruptionsskandals «strengstens verwarnt», stilisiert sich als unschuldiges Opfer. Würde bei einer Wahl das IOC teilen. Hat Samaranch gegen sich.
RICHARD POUND (Kanada)
Geboren: 22. März 1942
Beruf: Jurist, Inhaber einer Anwaltskanzlei in Montreal
Sprachen: Englisch, Französisch
IOC-Mitgliedschaft: Seit 1978
Funktionen im Sport: Mitglied der IOC-Exekutive von 1983 bis 1991 und von 1992 bis 2000, davon je vier Jahre als Vizepräsident, Vorsitzender der IOC-Marketing-Kommission und Mitglied diverserer anderer Kommissionen, seit 2000 Chef der Welt-Antidoping-Agentur (WADA)
Sportliche Erfolge: Olympia-Sechster 1960 über 100 m Freistil-Schwimmen und Vierter in der 4 x 100-m-Staffel
Ziele: «Notwendig ist eine umfassende Neubewertung der Spiele.» «Die führende Rolle des IOC sollte noch ausgebaut werden, auch durch eine effiziente, transparente, offene Führung.» «Die Reformen müssen fortlaufend überprüft werden.» «Ich glaube, dass ich von allen Kandidaten über die meisten olympischen Erfahrungen verfüge.» «Ich werde den Leuten nicht das Gefühl geben, dass dies eine Ein-Mann-Organisation ist.»
Chancen: Außenseiter, muss hart kämpfen, um in das Wahlfinale der besten Zwei zu kommen. Ist im IOC allseits als herausragende Führungskraft respektiert, doch ungeliebt wegen seiner Schroffheit und Kompromisslosigkeit. Brachte dem IOC als Marketing-Chef Milliarden ein, wird dadurch aber auch von IOC-Mitgliedern als den US-Großsponsoren sehr nahe stehend eingeschätzt. Hat seinen Anhang vor allem im anglophonen Lager, das unter Samaranch stark an Einfluss verloren hat. War Samaranch’s «Minenhund», als Nachfolger will der Lateiner den Kanadier nicht haben.
swissinfo und Agenturen
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