Covid-19-Impfstoff: Warum der Moderna-Deal riskant ist

Die Schweiz hat sich einer wachsenden Liste von Ländern angeschlossen, die bilaterale Abkommen mit Herstellern zur Vorbestellung von Impfstoffen unterzeichnen. Keystone / Carolyn Kaster

Als einer der ersten Staaten weltweit hat die Schweiz einen möglichen Impfstoff gegen das Coronavirus vorbestellt. Experten werten dies als Zeichen dafür, dass der Bundesrat wenig Hoffnung auf eine gerechte Verteilung eines Vakzins hat.

Dieser Inhalt wurde am 17. August 2020 - 11:00 publiziert

Die Schweiz gehört zu den ersten Staaten, die eine Vereinbarung mit dem US-Biotech-Unternehmen Moderna abgeschlossen haben, um einen Impfstoff gegen das neue Coronavirus zu erhalten. Aber sie ist nicht das einzige Land, das bilaterale Abkommen mit Herstellern unterzeichnet hat: Auch die USA, Grossbritannien, Brasilien oder Japan haben Geld für die Vorbestellung vielversprechender Heilmittel gegen Covid-19 bereitgestellt.

Während der Wettlauf um einen Impfstoff an Tempo gewinnt, lässt das Moderna-Abkommen viele Schweizerinnen und Schweizer aufatmen. Sie sehen darin eine notwendige Massnahme zum Schutz der Bevölkerung.

Kritiker denken aber, dass der Handel negative Folgen haben wird, da er die weltweiten Bemühungen um eine gerechte Verteilung von Covid-19-Impfstoffen untergraben könnte. "Dieses Abkommen zeigt, dass der Bundesrat nicht daran glaubt, dass ein globales Abkommen zu einer fairen Verteilung von Impfstoffen zustande kommen wird", erklärt Patrick Durisch. Er leitet bei der Schweizer Nichtregierungs-Organisation Public Eye den Bereich Gesundheitspolitik.

Arme Länder gehen leer aus

Eine dieser globalen Bemühungen ist die Covid-19 Global Access Facility (Covax). Die Schweiz hat sich schon früh dafür eingesetzt und ist heute Co-Vorsitzende der Initiative, die von der Weltgesundheits-Organisation (WHO) lanciert worden ist.

Ziel der Initiative ist es, die Zusammenarbeit bei der Entwicklung eines Impfstoffs zu fördern sowie den gleichberechtigten Zugang sicherzustellen. Bis Ende 2021 sollen zwei Milliarden Dosen bereitstehen, um 20 Prozent der Bevölkerung der teilnehmenden Länder zu impfen.

Zusammen mit der Ankündigung des Moderna-Deals erklärte die Schweizer Regierung, dass sie multilaterale Projekte wie Covax weiterhin unterstütze. Für Durisch geht die Rechnung aber nicht auf.

Die britische Wochenzeitung The Economist schätzt, dass weltweit rund voer Milliarden Dosen Covid-19-Impfstoffe gekauft wurden. Sie sollen bis Ende nächsten Jahres ausgeliefert werden. Darin enthalten sind die Vereinbarungen der USA und Grossbritanniens mit Astra Zeneca über 400 Millionen bzw. 100 Millionen Impfstoffdosen. Vor wenigen Tagen unterzeichnete die US-Regierung ebenfalls einen Vertrag mit Moderna über 100 Millionen Dosen.

Die Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (Cepi) schätzt aber, dass weltweit nur Produktionskapazitäten vorhanden sind, um zwei bis vier Milliarden Dosen bis Ende 2021 herzustellen. Wenn die Länder weiterhin einzelne Abkommen unterzeichnen, werden ärmere Staaten, die solche Deals nicht abschliessen können, für lange Zeit leer ausgehen. Bislang haben nur Astra Zeneca und Novovax zusätzlich zu ihren bilateralen Vereinbarungen Dosen für Covax reserviert.

Doch was ist die Alternative? Experten sagen voraus, dass die Nachfrage das Angebot noch lange Zeit übersteigen wird.

"Sollen wir nichts machen und darauf warten, dass wir Impfstoffe bekommen?", fragte Gesundheitsminister Alain Berset vor einigen Tagen in einem Interview mit der NZZ am Sonntag. "Wir kümmern uns um beides: die eigene Versorgung und eine gerechte internationale Verteilung."

Durisch sieht das anders: "Es macht aus der Perspektive der öffentlichen Gesundheit einfach keinen Sinn, in der Schweiz alle zu impfen, aber zum Beispiel in Afrika das Gesundheitspersonal ungeimpft zu lassen", sagt er gegenüber swissinfo.ch. "Wir sollten dafür sorgen, dass prioritäre Risikogruppen wie das Gesundheitspersonal die ersten Impfstoffe erhalten, unabhängig davon, wo sie sich befinden."

Noch kein Medikament auf dem Markt

Der Moderna-Deal ist auch ein teures Glücksspiel. Im Idealfall sollen mit den 4,5 Millionen Dosen 2,25 Millionen Menschen geimpft werden, was rund einem Viertel der Schweizer Bevölkerung entspricht. Anfang Jahr hat der Bundesrat 300 Millionen Franken für Impfstoffe bereitgestellt und will genug beschaffen, um 60 Prozent der Bevölkerung impfen zu können.

Die Details sind nicht bekannt, aber der Tages-Anzeiger schätzt, dass die Schweiz zwischen 100 und 150 Millionen Franken an Moderna gezahlt hat, basierend auf den Preisangaben des Unternehmens von 32 bis 37 Dollar pro Dosis.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) teilte swissinfo.ch mit, dass es keine Einzelheiten zu den Vertragsbedingungen nennen könne.

Allgemein ist es bei solchen Verträgen so, dass ein Staat im Voraus Geld für die Weiterentwicklung des Vakzins zahlt. Im Gegenzug erhält er eine Garantie, dass eine bestimmte Menge des Produkts für ihn reserviert wird. Doch wenn die Entwicklung fehlschlägt, erhält er sein Geld nicht zurück.

Nach Angaben der WHO ist der Impfstoff von Moderna einer der wenigen, die sich in der letzten klinischen Testphase befinden, in welcher die Wahrscheinlichkeit zu scheitern rund 20 Prozent beträgt. Doch das zehn Jahre alte Unternehmen hat noch nie ein Produkt zur Marktreife gebracht, obwohl es derzeit rund 20 Medikamente und Impfstoffe entwickelt.

"Der Entscheid ist riskant und verfrüht. Die Schweiz ist im ganzen Rummel um einen Impfstoff gefangen", sagt Durisch. "Nach dem Motto: Wenn wir es jetzt nicht tun, wird nichts mehr übrigbleiben."

Vor zehn Jahren unterzeichneten Regierungen ähnliche Verträge für einen Impfstoff gegen die Schweinegrippe. Als die Seuche eingedämmt war, mussten sie schliesslich Wege finden, die Impfstoffe wieder loszuwerden.

Die Gesundheitsbehörden deuteten an, dass sie auch mit anderen Herstellern Gespräche führen. Vor wenigen Tagen gab der Bundesrat eine Vereinbarung mit Swiss Biotech Molecular Partners bekannt, welche den Zugang zu 200'000 Dosen der so genannten Mono-DARPin-Behandlung vorsieht.

Moderna in der Kritik

Auch Moderna wird aus vielen Gründen kritisiert. So ist der Preis für den Impfstoff der höchste aller potenziellen Impfstoffe. Zudem ist er hoch subventioniert: Die US-Regierung hat für Moderna 955 Millionen Dollar bereitgestellt.

Der Geschäftsführer hat auch öffentlich erklärt, dass er einen Gewinn anstrebe – im Gegensatz zu Johnson & Johnson und Astra Zeneca, die bekanntgaben, dass sie Impfstoffe ohne finanziellen Gewinn produzierten.

Die Nachrichtenplattform Stat, welche die Gesundheitsindustrie beleuchtet, berichtete auch über Lücken bei der Offenlegung der Entwicklungskosten für den Covid-19-Impfstoff, die nach US-Bundesrecht vorgeschrieben ist.

"Die Regierungen stellen Blankoschecks ohne jegliche Bedingungen in Bezug auf Preis, Zugang oder Transparenz aus", erklärt Durisch.

Michael Altorfer, der die Swiss Biotech Association leitet, sagt gegenüber swissinfo.ch, dass es für ein Unternehmen wichtig sei, Gewinne zu erwirtschaften. "Andernfalls werden die Investoren die Lektion lernen und zukünftig in diesem Bereich nicht mehr investieren." So haben grosse Pharmakonzerne bestimmte Forschungsfelder wie die Entwicklung von Impfstoffen oder neuartigen Antibiotika aufgegeben, weil sie daraus keine Rendite erzielen können.

Er erklärt zudem, dass wie oft bei Biotech-Startups private Investoren in der Frühphase der Entwicklung des Vakzins die Risiken trugen, was Moderna im Rennen um einen Covid-19-Impfstoff einen Vorsprung gab.

Niederlassung in der Schweiz

Auch die Schweiz ist am Erfolg von Moderna beteiligt. Sie hat mit Lonza einen Vertrag über die Herstellung der pharmazeutischen Wirkstoffe für den Impfstoff in den Lonza-Betrieben im Kanton Wallis unterzeichnet.

Schweizer Medien berichteten zudem, dass Moderna eine Niederlassung in der Schweiz aufbaue. Den Berichten zufolge hat das Unternehmen Ende Juni eine lokale Tochtergesellschaft in das Schweizer Handelsregister eintragen lassen. Vor wenigen Tagen ernannte es Nicolas Chornet zum "Leiter Europa am Standort Basel".

Damit ist die Schweiz einer der wenigen Staaten, die sich in der vorteilhaften Lage befinden, sowohl die Impfstoffproduktion auf eigenem Boden als auch die finanziellen Mittel zur Beschaffung von Impfstoffen zu haben.

Sueri Moon, Co-Direktorin des Global Health Centre am Genfer Hochschulinstitut für internationale Studien und Entwicklung, sagt, dass die Schweizer Regierung ihre Position nutzen könnte, um Lonza dazu zu bewegen, sich bei der Impfstoffproduktion an die WHO-Richtlinien für die Zuteilung zu halten.

"Der Bundesrat könnte einen integrierten Ansatz verfolgen, indem er über die von der Schweiz stark unterstützte Covax-Einrichtung eine grosse Menge auf einmal beschafft: Einen Teil für die Schweiz und den Rest für andere Länder", schlägt Moon vor.

(Übertragung aus dem Englischen: Christoph Kummer)

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