Navigation

Das Unmögliche möglich machen

Heidi Tagliavini (rechts) trifft Alexander Jevteev, General der GUS-Friedenstruppen. swissinfo.ch

Heidi Tagliavini, UNO-Sonderbeauftragte für Georgien, soll Frieden und eine politische Lösung für den georgischen Landesteil Abchasien bringen.

Dieser Inhalt wurde am 19. Februar 2003 - 10:50 publiziert

Eine schwierige und fast unlösbare Aufgabe für die Schweizer Top-Diplomatin.

Friedlich lebten sie während Jahrzehnten neben- und miteinander in Abchasien, einem Gebiet etwas grösser als der Kanton Graubünden: Georgier und Abchasen. Doch dann kam 1992 und 1993 der blutige Krieg. Aus Freunden wurden Feinde, aus Nachbarn plötzlich Kriegsgegner.

Die Georgier - obwohl mit 48 Prozent Bevölkerungsanteil deutlich in der Mehrzahl gegenüber den 18 Prozent Abchasen - mussten eine demütigende Niederlage einstecken. 250'000 Georgier flüchteten aus Abchasien. Sie leben zur Zeit verstreut in ganz Georgien und hoffen auf eine Rückkehr in ihre Heimat.

Wie Ija Maisaija: Die Musiklehrerin flüchtete 1993 mit ihren beiden Töchtern Tea und Natea aus ihrer Heimatstadt Suchumi nach Tbilissi, in die georgische Hauptstadt. "Mein Mann, meine Verwandten, alle sind sie in Suchumi begraben. Wenigstens einmal noch möchte ich auf den Friedhof gehen und für sie eine Kerze anzünden."

Schwierige Mission

Dies möglich machen soll Heidi Tagliavini. UNO-Generalsekretär Kofi Annan wählte sie vor allem wegen ihrer grossen Erfahrung im Kaukasus aus: Tagliavini war bereits einmal in Abchasien tätig, ebenso 1995 für die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in Tschetschenien. Mitten in Tschetscheniens Hauptstadt Grosny - eine Arbeit unter schwierigsten Bedingungen.

"Nach meiner Arbeit im tschetschenischen Kriegsgebiet begleitet mich auch noch heute ein Gefühl von grosser Hoffnungslosigkeit, dass so etwas Schreckliches überhaupt passieren muss", erklärt sie traurig.

Eine schwierige Mission steht ihr auch jetzt bevor. Abchasien betrachtet sich als unabhängigen Staat und verweigert den georgischen Flüchtlingen die Rückkehr. Die UNO erkennt Abchasien nicht als unabhängigen Staat an, sondern betrachtet es als Teil von Georgien und fordert die Rückkehr der Flüchtlinge.

Abchasien wurde von der internationalen Gemeinschaft mit einer Wirtschaftsblockade belegt. Doch die Abchasen wissen genau: Wenn die Flüchtlinge zurückkehren, sind sie wieder in der Minderheit. Neue Konflikte sind vorprogrammiert. Seit 1994 herrscht nun ein Waffenstillstand, den die Friedenstruppen der GUS (Gemeinschaft unabhängiger Staaten) überwachen.

Beobachter für den Frieden

Auch rund 120 Militärbeobachter der UNO überwachen die Waffenruhe. Täglich gehen von drei Standorten aus UNO-Beobachter auf Patrouille - in minensicheren, gepanzerten Fahrzeugen, denn Abchasien gilt immer noch als sehr minengefährlich.

Heidi Tagliavini ist ihre Vorgesetzte. Für die Beobachter ist es kein Problem, dass eine Frau ihr Chef ist. Der Schweizer UNO-Militärbeobachter Christoph Herzig: "Heidi Tagliavini wird allgemein geschätzt, sie gilt als Workaholic und als sehr kompetent. Einzig vielleicht einige Offiziere aus dem Osten haben etwas Mühe mit der Tatsache, dass eine Frau ihr Chef ist."

Ein Leben zu dritt

Ständig von zwei Bodyguards umgeben, hat sie kaum eine Privatsphäre: "Ein Leben zu dritt", scherzt Tagliavini über ihre beiden Bodyguards. "Nein, Zeit für mich habe ich wirklich keine, ich betreibe als Ausgleich viel Sport, jogge oder turne regelmässig, ohne das würde ich das Pensum wahrscheinlich nicht schaffen." Auch beim Joggen sind die Bodyguards natürlich dabei.

Regelmässig fliegt Tagliavini nach Suchumi, der Hauptstadt von Abchasien, um das dortige UNO-Hauptquartier zu besuchen und sich mit den Vertretern Abchasiens zu treffen.

Verhärtete Positionen

Doch auch dort sind die Positionen verhärtet. Der Aussenminister Abchasiens, Sergej Schamba, erklärt: "Eine Rückkehr der Flüchtlinge aus Georgien würde zu neuem Blutvergiessen führen." Sein Gegenpart, der Regierungschef der georgischen Exilregierung Abchasiens, Londer Zawa, entgegnet: "Wir sehen nur noch eine gewaltsame Lösung."

Dagegen wehrt sich Tagliavini heftig: "Mein Mandat sieht nur eine verhandelte Lösung in beiderseitigem Einverständnis vor. Was den Georgiern vorschwebt, ist eine Lösung à la Jugoslawien, wo der Frieden mit gewaltsamen Mitteln durchgesetzt wird. In meinem Mandat ist dies nicht vorgesehen. Ich glaube auch nur an eine friedliche Lösung."

Doch seit fast zehn Jahren wurden keine wesentlichen Fortschritte erzielt, die Lage scheint festgefahren. Beide Seiten beharren auf ihren Positionen.

"Ein Friedensprozess, auch wenn er sehr langsam vorwärtsgeht, ist keine Sackgasse und sicher viel besser als ein unkontrollierbares Chaos, das es ohne unsere Arbeit sehr wahrscheinlich gäbe", betont Tagliavini.

Löst das Problem!

Tagliavini begleitet regelmässig selber UNO-Patrouillen und sieht dabei erschreckende Bilder. Die Menschen in Abchasien sind wegen der Wirtschaftsblockade völlig verarmt. Die Gesundheitsversorgung ist miserabel, und viele Menschen leben in Ruinen mit kaputten Dächern und ohne Heizung.

Die Aufgabe der UNO ist es aber vor allem, den Waffenstillstand zu überwachen und eine politische Lösung für Abchasien herbeizuführen, humanitäre Hilfe ist nur in Einzelfällen möglich.

swissinfo, Gregor Sonderegger, Moskau

Fakten

Heidi Tagliavini: "Bilder der Zerstörung." Der andere Blick. Benteli Verlag, 1997

Heidi Tagliavini (Hg.): "Kaukasus - Verteidigung der Zukunft." 24 Autoren auf der Suche nach Frieden. Folio Verlag Wien und Bozen, 2001

End of insertion

In Kürze

Seit Juli 2002 ist die 52jährige Heidi Tagliavini UNO-Sonderbeauftragte für Georgien. Vorher war sie Schweizer Botschafterin in Bosnien-Herzegowinas Hauptstadt Sarajevo. 1998 hatte sie schon einmal als Vize-Leiterin der UNO-Mission in Georgien gearbeitet.

1995 war Heidi Tagliavini Mitglied der OSZE-Unterstützungs-Gruppe in Tschetschenien. Ihre diplomatische Laufbahn im Aussenministerium (EDA) begann 1982.

End of insertion

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Webseite importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@swissinfo.ch

Diesen Artikel teilen

Diskutieren Sie mit!

Mit einem SWI-Account erhalten Sie die Möglichkeit, Kommentare auf unserer Webseite sowie in der SWI plus App zu erfassen.

Login oder registrieren Sie sich hier.