Afghanistan: Folgen der US-Gegenschläge noch unklar
Bei den Luftangriffen der USA auf Ziele in Afghanistan sind nach Angaben der afghanischen Nachrichtenagentur AIP mindestens 25 Menschen getötet worden. Die Angriffe stiessen weltweit überwiegend auf Rückhalt. In einer gemeinsamen Erklärung haben die EU-Aussenminister am Montag zudem die Ablösung der in Afghanistan regierenden Taliban durch eine Regierung gefordert. Wie es in den nächsten Tagen weiter geht, ist offen.
Der Generalkonsul der afghanischen Taliban-Regierung in Pakistan, Maulwi Nadschibullah, sagte Montagmorgen, es gebe Opfer sowohl in der Hauptstadt Kabul als auch in Kandahar und Dschalalabad. Zehn Menschen seien nahe des Kabuler Flughafens getötet worden; zehn weitere am Sitz des Taliban-Senders Radio Scharia, berichtete die in Pakistan ansässige AIP. Sie machte keine Angaben, ob es sich bei den Opfern in Kabul um Zivilisten handelte.
Fünf Taliban-Mitglieder seien auf dem Luftwaffenstützpunkt Schin Dand in der westafghanischen Provinz Farah an der Grenze zu Iran getötet worden, berichtete die Agentur weiter.
«Erfolgreich» ohne zivile Opfer…
Die bewaffnete afghanische Opposition hatte zuvor erklärt, bei den «zielgenauen» Angriffen habe es keine Opfer unter der Zivilbevölkerung gegeben. In der Hauptstadt Kabul seien der Flughafen, der Präsidentenpalast und das Gebäude des nationalen Radios angegriffen worden. In Kundus sei ein Behelfsflugplatz zerstört worden.
US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat die Militärschläge gegen Ziele in Afghanistan als «sehr erfolgreich» bezeichnet. Es seien Dutzende Ziele getroffen worden, sagte Rumsfeld am Montag im Fernsehsender CNN. Rumsfeld liess offen, wer nach einem Fall der Taliban das Land regieren solle. Dies müssten die Afghanen selbst entscheiden, sagte der Minister.
Die USA bekräftigten verschiedentlich, die Angriffe richteten sich nicht gegen die Bevölkerung. Sie warfen 37’000 Lebensmittelrationen für Flüchtlinge über Afghanistan ab.
Die Luftangriffe richteten laut dem britischen Aussenminister Jack Straw «sehr erheblichen Schaden» an. «Wir betrachten sie als erfolgreich», sagte Straw dem Radiosender BBC. «Wir halten sie auch für angemessen und gut geplant.» Der Militäreinsatz könne aber noch Wochen dauern, sagte er.
…oder «Angriff gegen die muslimische Welt» mit toten Zivilisten?
Der von den USA als Drahtzieher der Terroranschläge gesuchte Bin Laden und Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar überlebten nach Taliban-Angaben die Angriffe. Sie riefen zum Heiligen Krieg (Dschihad) gegen die USA auf.
Der Fernsehsender El Dschasira strahlte eine Videoaufzeichnung aus, in der Bin Laden den USA drohte, sie dürften sich in Zukunft «nie mehr» sicher fühlen, solange sich die Muslime nicht sicher fühlten.
Die palästinensische Autonomiebehörde hat sich am Montag deutlich von den Äusserungen bin Ladens distanziert. Dieser hatte in der Videobotschaft seinen Kampf gegen die USA unter anderem mit der israelischen Haltung gegenüber den Palästinensern begründet.
Der Botschafter der Taliban in Pakistan, Abdul Salam Saif, warnte die USA vor «schweren Folgen»: Der Militäreinsatz gegen Ziele in Afghanistan sei ein «Angriff auf die moslemische Welt». Gemäss Aussagen von Saif hält sich Osama Bin Laden noch immer in Afghanistan auf.
Saif sprach davon, bei den Angriffen seien mindestens 20 Zivilisten ums Leben gekommen, unter ihnen Frauen und Kinder. Diese Aussage wurde von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bestritten.
Bin Laden und Mullah Omar überlebten
Die Angriffe stiessen sonst weltweit überwiegend auf Rückhalt. Jedoch demonstrierten in Pakistan, Ägypten und in der indischen Kaschmir-Provinz Tausende von Menschen gegen die Angriffe. Bei den Kundgebungen soll es Verletzte, in Pakistan gar ein Todesopfer gegeben haben.
Iran und Irak sprachen von einem Angriff auf den Islam, auch Malaysia protestierte. Ein indonesischer Islamistenführer drohte mit Angriffen auf US-Einrichtungen. Saudi-Arabien, das die alliierte Streitmacht im Golfkrieg gegen Irak unterstützt hatte, schwieg zunächst.
Zustimmung bei EU und Russland
Frankreich und die USA verhandeln derzeit über die geplante französische Beteiligung an den Angriffen gegen Ziele in Afghanistan. Das teilte Verteidigungsminister Alain Richard am Montag mit. Die Entscheidung werde in den nächsten Tagen fallen.
EU-Kommissions-Präsident Romano Prodi und Aussen-Kommissar Chris Patten betonten den Rückhalt der Europäischen Union (EU). Auch die russische Regierung unterstützte die Angriffe. Der zentralasiatische Staat Tadschikistan bot den USA die Nutzung seines Luftraums und auch seiner Flugplätze an.
Papst Johannes Paul II. hat am Montag seine Besorgnis nach den Angriffen der USA und Grossbritanniens auf Ziele in Afghanistan geäussert.
Schweiz: Zivlilbevölkerung schonen
Die Schweiz verfolgt die Lage laut Aussenminister Joseph Deiss aufmerksam. Der Bundesrat befürworte gezielte Schläge gegen den Terrorismus; die Zivilbevölkerung sei dabei zu schonen. Bundesrat Pascal Couchepin, der bei Beginn des Angriffs in Teheran weilte, sagte, die Menschen in Iran fühlten sich bedroht.
Sicherheit verstärkt
Weltweit wurden die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. Verschärft wurden insbesondere die Bewachung der diplomatischen Vertretungen der NATO-Staaten, der Flughäfen und des Luftraums.
Auch die Schweiz hat nach den amerikanisch-britischen Angriffen ihre Sicherheits-Massnahmen zum Schutz ausländischer Vertretungen verschärft und ausgedehnt.
In den USA verhängte die Bundespolizei FBI für ihre Beamten die höchste Alarmstufe. New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani kündigte zusätzliche Kontrollposten an mehreren Zufahrtstrassen an.
swissinfo und Agenturen
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch