Trans Frau aus Freibad abgeführt: Die Schweiz streitet über Frauenrechte – dabei wäre die Lösung einfach
Der Eklat um eine trans Frau in einem Berner Freibad zeigt, dass die Schweiz noch keinen Umgang mit der queeren Community gefunden hat. Analyse.
Ereignet hat sich alles im geschlossenen Frauenbereich des bekannten Freibads Marzili, das in Bern an der Aare liegt – am Fusse des Bundeshauses und damit mitten im politischen Zentrum der Schweiz.
«Paradiesli» nennen die Bernerinnen diese Zone, die für sie reserviert ist und wo sie ohne Badekleider und ohne Anmachsprüche Sonne und Sommer geniessen können. Und dieser Name bleibt nach dem Vorfall nicht ohne Ironie.
Denn aus diesem Paradiesli wurde am letzten Sonntag eine trans Frau vertrieben – von Polizisten in Handschellen abgeführt. Vorausgegangen waren Beschwerden von Besucherinnen, die sich an den männlichen Geschlechtsmerkmalen der trans Frau – wie dem unter einem Tanga sich klar abzeichnenden Penis – gestört hatten.
Tumultartige Szenen und reuige Behörden
Das Personal des Freibads bat die trans Frau daraufhin, das Bad zu verlassen. Diese beharrte auf ihrem Bleiberecht. Professionelle Schlichter im Dienst der Stadt konnten die Situation nicht beruhigen. Die Polizei wurde gerufen, es kam zu tumultartigen Szenen. Eine Polizistin wurde leicht verletzt, die trans Frau in Handschellen abgeführt.
Die Stadt Bern räumte später Fehler ein – eine Seltenheit in der Schweiz. Allerdings war die Faktenlage erdrückend. So sehen die Richtlinien im Freibad den Zutritt für trans Frauen explizit vor, wobei im Zweifelsfall das amtliche Geschlecht massgeblich ist. Die trans Frau hatte also zurecht auf ihr Bleiberecht beharrt.
Die Behörden in der links-grün dominierten Stadt Bern wollen in Zukunft besser kommunizieren, was im «Paradiesli» gilt, und das Personal schulen. Sie haben damit ihre Schlüsse aus dem Vorfall gezogen.
Trotzdem bleibt ein Scherbenhaufen. Der Polizeieinsatz habe die Betroffene traumatisiert, hiess es aus dem Umfeld der trans Frau. Badepersonal, Schlichter und Polizei haben einen Rufschaden erlitten. Und in der Schweiz ist eine Debatte entbrannt.
Frauenrechte gegen trans Rechte?
Im Kern dreht sich diese um die Frage, was Vorrang hat: Das Recht biologischer Frauen auf einen Rückzugsort oder das Recht von trans Personen auf Gleichbehandlung. Eine der Besucherinnen des Marzili, die sich über die trans Frau beschwert hatte, sagte später aus, sie habe in ihrem Leben sexuelle Gewalt erlebt.
Das männliche Geschlechtsteil ist für sie ein Trigger, das «Paradiesli» ein Refugium. Auch sie zählt damit wohl zu einer Minderheit. Für viele Frauen zählt in den Frauenzonen nicht die Absenz von Penissen, sondern Ruhe und Schutz vor männlicher Anmache und männlichen Blicken.
Dennoch: Es ist eine verbreitete Vorstellung, dass Inklusion von trans Personen in einzelnen Lebensbereichen im Widerspruch zu klassischen Frauenrechten stehen. Dafür gibt es auch prominente Fürsprecher, wie die deutsche Feministin Alice Schwarzer. Diese plädiert zwar für trans Rechte und gegen Diskriminierung von trans Personen, sie betont aber auch, dass dies nicht zulasten der Rechte, Schutzräume und der politischen Sichtbarkeit von biologischen Frauen geschehen dürfe.
«Eine Minderheit diktiert die Regeln»
Schaut man die Debatte in der Schweiz an, vertritt eine Mehrheit genau diese Linie. In den Kommentarspalten der grossen Schweizer Zeitungen überwiegen klar die Stimmen, die den Erhalt der Schutzräume für Frauen fordern. Dabei taucht auch die Klage auf, eine Minderheit würde die Regeln für die Mehrheit bestimmen, selbst im links-liberalen Tages-Anzeiger vertreten diverse Kommentatoren diese Meinung.
Ähnlich hat sich auch Chris Brönimann geäussert. Die bekannteste trans Person der Schweiz schrieb auf Instagram unter anderem «Wir erleben eine Schieflage, in der eine Minderheit der Mehrheit diktiert, wie sie zu funktionieren hat. Wir stärken Akzeptanz nicht dadurch, dass wir die Gefühle, das Schamgefühl und die Schutzräume von Frauen mit Füssen treten.»
Wir haben Chris Brönimann vor knapp zwei Jahren mitten in der Detransition getroffen:
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Natürlich gibt es auch andere Meinungen, in- und ausserhalb der queeren Community. Der Tages-Anzeiger macht eine Demarkationslinie zwischen den politischen Lagern sowie den Generationen ausExterner Link.
Ein lösbarer Konflikt
Der Vorfall in Bern dokumentiert damit vor allem eines: Die Schweizer Gesellschaft hat im Umgang mit trans Menschen noch keine einheitliche Linie gefunden.
Auch ist die Frage, ob das Recht auf Rückzugsorte für Frauen oder die Inklusion von trans Personen Vorrang hat, falsch gestellt. Eine solche Güterabwägung ist nicht nötig, weil eine Stadt in der Grösse von Bern gut den Bedürfnissen verschiedener Gruppen gerecht werden kann, etwa mit einer zusätzlichen Zone im selben oder in einem der vielen anderen Bäder.
Schaut man sich in der Schweiz um, gibt es bezogen auf trans Personen und Freibäder schon heute verschiedene Zutrittsbestimmungen. So lässt etwa die Zürcher Frauenbadi nur jene trans Personen zu, die vom Personal als Frauen gelesen werden. Das hat zwar auch schon zu Konflikten geführt, kreiert aber wiederum einen anderen Raum mit anderen Regeln.
Eine Frage, die sich dabei stellt, ist wie viele Ab- und Eingrenzungen die Gesellschaft zur Wahrung der Bedürfnisse einzelner Gruppen eingehen will. Darauf wird es sinnigerweise eine praktische und keine ideologische Antwort geben. Denn es droht keine Mikro-Segregation, wie gewisse kritische Stimmen warnen.
Das zeigt sich gerade bei den Freibädern: Selbst wenn die grossen Städte in Zukunft zusätzliche Rückzugszonen für verschiedene Gruppen schaffen und damit den Konflikt entschärfen, werden in der Schweiz die geschlechtergemischten Freibäder klar überwiegen. Hier sind Badekleider Pflicht und keine Penisse zu sehen. Man geht gemeinsam baden.
Die Schweiz ist vielen Minderheiten gegenüber heute sehr offen, tut sich aber mit trans Personen schwer, wie diese Zahlen zeigen:
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