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New Yorker Ausstellung zeigt die Schweizer Wurzeln des Motion Designs

Ausstellungsansicht von „Frame in Frame – Swiss Design in Motion“ mit dem modularen Sofasystem „Anagram“ von Panter
Ausstellungsansicht von „Frame in Frame – Swiss Design in Motion“ mit dem modularen Sofasystem „Anagram“ von Panter Matthew Gordon

Von aufwendigen Einzelbildfilmen bis hin zu modernen Benutzeroberflächen – eine Ausstellung in New York erweckt Filme der früheren Schule für Gestaltung in Basel zum Leben. Sie waren wegweisend für das, was heute als «Motion Design» bekannt ist.

Ein Hochhaus in Lower Manhattan, New York, 19. Stock: In weissen Blockbuchstaben flackert das Wort «EAU» über einen schwarzen Bildschirm. Gegenüber blinkt «H2O» in Schwarz vor weissem Hintergrund. Im Hintergrund erfüllt Musik den Raum, während die Besucher:innen vor den Projektionen verweilen.

«Frame in Frame – Swiss Design in Motion» heisst die Ausstellung, die das Schweizer Generalkonsulat vergangenen Monat im Rahmen der Designerwoche NYCxDESIGN präsentierte. Sie bot dem US-amerikanischen Publikum erstmals einen Einblick in ein wenig bekanntes Kapitel der Schweizer Designgeschichte: jenes, das die Entwicklung des Motion Designs mitgeprägt hat.

Kurator Christian Herren in der Ausstellung „Frame in Frame – Swiss Design in Motion“, dem offiziellen Schweizer Beitrag zur NYCxDESIGN 2026 in New York.
Kurator Christian Herren in der Ausstellung „Frame in Frame – Swiss Design in Motion“, dem offiziellen Schweizer Beitrag zur NYCxDESIGN 2026 in New York. Matthew Gordon

Draussen vor dem Fenster ragen Wolkenkratzer in die Höhe, die Aussicht reicht bis auf den East River. Vor dieser Kulisse zeigt eine Mehrkanalinstallation mit Video- und Audioelementen mehr als 200 wiederentdeckte experimentelle Kurzfilme: Motion Design, bei dem grafische Elemente wie Text, Bilder und Benutzeroberflächen animiert werden.

Heute ist Motion Design eine prägende Bildsprache des digitalen Zeitalters. Doch viele der ihr zugrunde liegenden Ideen wurden bereits Jahrzehnte zuvor entwickelt: in den Filmen, die die Installation präsentiert. Sie alle entstanden zwischen Ende der 1960er und den 1990er Jahre an der Schule für Gestaltung in Basel, dem Vorläufer der Hochschule für Gestaltung und Kunst (HGK Basel).

Die Ausstellung spiegelt nicht nur die traditionellen Vorstellungen vom Schweizer Design wider. Sie erweitert sie auch: «Modularität, rechte Winkel, keine Ornamente, puristisches Design, gerade Linien: Wir wollten dieses Bild nicht zerstören, sondern der Geschichte etwas Neues hinzufügen», sagt der Kurator Christian Herren.

Anstatt die Filme einfach linear abzuspielen, schuf Herren gemeinsam mit einem Team aus Künstler:innen und Designer:innen eine immersive Installation, die Filmprojektionen, Licht, Ton sowie ikonische Beispiele des Schweizer Möbeldesigns und Designs vereint.

Durch die Zusammenführung von Werken aus verschiedenen Epochen verbindet die Ausstellung Vergangenheit und Gegenwart und hebt dabei die Zusammenhänge zwischen Grafikdesign, bewegten Bildern und Produktdesign hervor. Zur Umsetzung des Projekts arbeitete Herren mit den Künstler:innen Daan Couzijn und Julia Schäfer sowie den Designer:innen Ben Ganz und Panter&Tourron zusammen und setzte Möbel von Vitra, USM, Ruckstuhl und Lehni ein.

Die Zeit ist der Rahmen

Die Filme entstanden im Rahmen des wegweisenden Studiengangs «Film + Design» an der Schule für Gestaltung in Basel, der 1968 auf Initiative von Armin Hofmann ins Leben gerufen und später von Peter von Arx geleitet und weiterentwickelt wurde. Hofmann und von Arx sind Schlüsselfiguren des Schweizer Grafikdesigns. Und der Studiengang gehörte zu den ersten, die sich dem bewegten Bild aus der Perspektive des Grafikdesigns näherten, als Reaktion auf das Fernsehen und die damals aufkommenden elektronischen Medien. Sein Inhalt gilt heute als Vorläufer des Motion Designs.

Diese Skulptur von Jean Arp ziert das Gebäude der Basler Schule für Gestaltung, das zwischen 1956 und 1961 erbaut wurde.
Diese Skulptur von Jean Arp ziert das Gebäude der Basler Hochschule für Gestaltung, das zwischen 1956 und 1961 erbaut wurde. Manuel Schmalstieg, CC BY-SA 4.0

Der Kurs wandte Prinzipien des Schweizer Designs auf das bewegte Bild an. Typografie, Rhythmus und Abfolge waren dabei eher konstruktive Elemente als narrative Mittel: Die Studierenden wurden darin geschult, mit dem Bildausschnitt und dessen zeitlicher Organisation zu arbeiten. Die daraus entstandenen Filme zeichnen sich durch flackernde Bildsequenzen aus, sowie minimale Verschiebungen und Überlagerungen von Farbe und Form: Von sich bewegenden Gebäude in Schwarz-Weiss, über wirbelnde Baumkronen bis hin zu roten, sich öffnenden Lippen.

Armin Hofmann (1920–2020), fotografiert anlässlich des Grand Prix of Swiss Design, 2013
Armin Hofmann (1920–2020), fotografiert anlässlich des Grand Prix of Swiss Design, 2013 M. Hofmann / BAK

«Wir waren sehr beeindruckt davon, wie zeitgemäss diese Filme sein können und wie sehr sie unser heutiges Leben widerspiegeln», sagte Herren.

Um die Filme zu erstellen, so erklärte von Arx in einem Interview, entwickelten die Studierenden zunächst visuelle Vorlagen wie Typografie oder Rasterstrukturen, und nutzten dann eine «Partitur», um zu skizzieren, wie sich diese Elemente im Laufe des Films abwechseln, verschieben oder verwandeln.

Mit einer Filmkamera fotografierten sie dann in einem aufwendigen Prozess nacheinander jedes einzelne Bild. Das fertige Werk sahen sie erst, wenn der Film projiziert wurde und die Sequenz schliesslich als Bewegung zusammenkam. «Das pädagogische Ziel dieses Programms im Rahmen der Grafikdesign-Ausbildung war Kreativität: Entwerfen, ohne das Ergebnis bereits zu kennen», sagt von Arx.

Jahrzehnte später wurden die Filme wiederentdeckt, als die HGK im Jahr 2012 ihren Umzug vorbereitete, so von Arx. Über einen Zeitraum von rund zwei Jahren sichteten er und seine Kolleg:innen die Sammlung und entschieden, welche Materialien aufbewahrt werden sollten. Das so erhaltene Archiv umfasst insgesamt 27 Stunden Filmmaterial. Die Filme wurden mit Unterstützung von Memoriav und der HGK Basel konserviert und digitalisiert und sind nun für die Öffentlichkeit zugänglichExterner Link.

«Dank der Digitalisierung können die Filme noch immer angesehen werden, und damit bis heute jene einzigartigen und überraschenden optischen Erlebnisse vermitteln, die sie bereits bei ihrer Entstehung hervorgerufen haben», sagt von Arx.

Installationsansicht der von Ben Ganz unter Verwendung des Lehni-Systems „Aluminium Shelf“ entwickelten Projektionskonstruktion. In den Regaleinheiten werden Filme aus der Reihe „Permutations“ gezeigt.
Installationsansicht der von Ben Ganz unter Verwendung des Lehni-Systems „Aluminium Shelf“ entwickelten Projektionskonstruktion. In den Regaleinheiten werden Filme aus der Reihe „Permutations“ gezeigt. Roshan Jacob

Eine Reaktion auf Propaganda

Der Schweizer Motion Design entwickelte sich Mitte des 20. Jahrhunderts aus den Traditionen des Schweizer Grafikdesigns. Die Arbeiten der Designer in den 1950er- und 1960er-Jahren wurden international als «Swiss Style» bekannt: Sie zeichneten sich durch ein minimalistisches visuelles Design aus, das nicht auf Illustrationen, sondern stattdessen auf Fotografie und grafische Symbole setzte, sowie durch eine begrenzte Farbpalette, serifenlose Schriftarten wie Helvetica und die Verwendung des Rastersystems sowie klarer und asymmetrischer Layouts.

Nach dem Zweiten Weltkrieg strebten Schweizer Grafikdesigner zunehmend nach einer objektiven Art der Kommunikation, sagt Michael Renner, Professor für visuelle Kommunikation am Institute Digital Communication Environments (IDCE) an der HGK Basel. Das Ziel war es, visuelle Botschaften zu schaffen, die die Betrachter:innen informieren, anstatt sie zu verführen oder zu überzeugen.

«Der Versuch, visuelle Botschaften zu objektivieren, war einerseits eine Reaktion auf die Erfahrungen mit Propaganda und diente andererseits dem Ziel, Grafikdesign als eigenständige Disziplin gegenüber der Kunst zu etablieren», sagt Renner.

René Pulfer, „Turiner Monumente“, Filmstill, gezeigt in „Frame in Frame – Swiss Design in Motion“.
René Pulfer, „Turiner Monumente“ (1978), Filmstill, gezeigt in „Frame in Frame – Swiss Design in Motion“. Courtesy FHNW Academy of Art and Design Basel, Media Library, Film + Design Collection

Diese Ideen wurden später auf bewegte Bilder ausgeweitet und haben Motion Design bis heute geprägt – von den Anfängen der Filmanimation über die Videotechnik bis hin zu den digitalen Plattformen und sozialen Medien der jüngsten Zeit. Heute ist Motion Design allgegenwärtig und führt Nutzer:innen durch Apps, Websites, Nahverkehrssysteme, Werbekampagnen und vieles mehr.

«Der Aufstieg der Unternehmen, die Expansion der Filmindustrie und das wachsende Bedürfnis, eine immer komplexer werdende Welt zu erklären, trugen alle zur Bedeutung des Motion Designs als Teil der umfassenderen Tradition des Schweizer Grafikdesigns bei», sagte Renner. Auch der Studiengang «Film und Design» an der Schule für Gestaltung in Basel trug zu diesem Einfluss bei und zog Studierende aus aller Welt an. Viele kehrten in ihre Heimatländer zurück und übertrugen Elemente des Schweizer Ansatzes in ihre eigene Arbeit.

Philip Burton, „Typografie Animation“, Filmstill, Ende der 1960er Jahre.
Philip Burton, „Typografie Animation“, Filmstill, Ende der 1960er Jahre. Courtesy FHNW Academy of Art and Design Basel, Media Library, Film + Design Collection.

Zu den Persönlichkeiten, die mit der Schule verbunden sind, zählen Designer wie April Greiman, Philip Burton und Terry Irwin. Auch die amerikanische multidisziplinäre Künstlerin und Aktivistin Marlene McCarty ist ehemalige Studentin der Basler Schule für Gestaltung. Später gestaltete sie Vorspanne für Filme wie «American Psycho», «Hedwig and the Angry Inch» und «Velvet Goldmine».

«Wenn man sich die Liste der ehemaligen Studierenden ansieht und was sie heute beruflich machen, findet man bildende Künstler:innen, Grafikdesigner:innen, Filmemacher:innen, Kameraleute, Titelgestalter:innen und auch einige Architekt:innen, die diese Techniken zur Erstellung von Modellen anwenden. Das Spektrum ist sehr, sehr breit», sagt Herren.

Derzeit gibt es keine Pläne, die Ausstellung an einem anderen Ort zu zeigen. Doch Herren hofft, dass die Filme auch über die Laufzeit in New York City hinaus Anklang finden und weiterhin Neugier auf das Schweizer Motion Design wecken werden.

Er hofft, dass die Besucher:innen mit einem Interesse an der Arbeit nach Hause gehen würden. «Vielleicht lesen sie etwas darüber. Vielleicht besuchen sie das Online-Archiv und können die Materialien irgendwann einmal nutzen. Vielleicht wird es sie inspirieren.»

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Editiert von Catherine Hickley, Übertragung aus dem Englischen: Meret Michel

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