Als Äthiopiens Haile Selassie die Welt um Beistand gegen das faschistische Italien aufrief
Vor 90 Jahren hielt Kaiser Haile Selassie am Völkerbund in Genf eine Rede für Unterstützung im Abessinienkrieg. Obwohl vergeblich, ging der Auftritt als symbolträchtiger Moment in die Geschichte ein.
Am 30. Juni 1936 trafen sich in Genf Diplomaten aus 41 Ländern zur Versammlung des Völkerbundes. Ein Gast zog insbesondere das Interesse der Medien auf sich: Der äthiopische Kaiser Haile Selassie, der im Verlauf des Abessinienkriegs fliehen musste.
Er war an diesem Tag das erste Staatsoberhaupt überhaupt, das vor der Versammlung des Völkerbunds sprechen sollte.
Italienische Unruhestiftung in Genf
Kaum hatte der Kaiser die Stufen zum Rednerpult erklommen und seine ersten Grussworte an den Präsidenten gerichtetExterner Link, unterbrachen laute Pfiffe und Schreie von der Empore seine Rede: «Ce n’est pas votre place ici!», «Viva Mussolini!»Externer Link Italienische Journalisten hatten Trillerpfeifen mitgebracht, um den Auftritt des Kaisers zu stören. Sie brüllten faschistische Lieder in den Saal. «Die für den Ordnungsdienst auf den Tribünen verantwortlichen Agenten mussten einschreiten», schreibt der Sekretär des Justiz- und Polizeidepartements in seinem BerichtExterner Link. Die zehn Journalisten jedoch «[…] liessen sich nicht zur Ruhe weisen, sondern riefen, schimpften und sangen auch noch weiter, während sie aus dem Saal abgeführt wurden.» Haile Selassie selbst wartete stoischExterner Link, bis die Unruhestifter den Saal verlassen hatten.
Die Störung vonseiten Italiens kam nicht überraschend. Denn Haile Selassie sprach im Namen jenes Landes, das gerade erst Opfer des italienischen Faschismus geworden war.
Der Abessinienkrieg gilt in der Forschung als der erste faschistische Vernichtungskrieg. Der Schweizer Historiker Aram Mattioli nennt es ein Schlüsselereignis in der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Italien begehrte das Gebiet des unabhängigen afrikanischen Staates schon lange. 1896 fügte der äthiopische Kaiser Menelik II. Italien in der Schlacht von Adua eine schwere Niederlage zu und stoppte so dessen Kolonialisierungsversuche.
Mit dem italienischen Faschismus erhielt der italienische Kolonialismus dann neuen Antrieb. Ab 1932 plante die Regierung unter Mussolini den Angriff auf Äthiopien. In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1935 überschritten italienische Truppen den Fluss Mareb zwischen der italienischen Kolonie Eritrea und Äthiopien.
Niemand zog für Äthiopien in den Krieg
Für den Völkerbund, der 1920 mit dem Ziel gegründet worden war, den Frieden zu wahren, war diese Aggression eine Bewährungsprobe: Äthiopien und Italien waren beides Mitglieder. Ein Mitgliedstaat hatte also einen anderen überfallen. Der Völkerbund hielt sich an das durch den Regelverstoss ausgelöste Verfahren: Er benannte Italien als den Aggressor im Konflikt, setzte einen Ausschuss ein und verhängte Sanktionen.
Die Sanktionen blieben jedoch halbherzig: Weder sperrte Grossbritannien den Suezkanal für italienische Schiffe noch wurden kriegswichtige Güter wie Erdöl oder Stahl blockiert. Italien konnte seine Waffen ungehindert ins Kriegsgebiet transportieren. Ausserdem galt das Embargo für den Rüstungshandel für beide Konfliktparteien. Im Gegensatz zu Italien verfügte Äthiopien aber über keine Waffenindustrie.
Die kanadische Historikerin Susan Pedersen hat sich in ihrer Forschung vertieft mit dem Völkerbund auseinandergesetzt. «Der Völkerbund war als kollektives Sicherheitssystem für die Welt angedacht», erklärt Pedersen gegenüber Swissinfo. «Aber weil der grösste Teil der Welt von europäischen Mächten kolonialisiert war, war es eigentlich ein Sicherheitssystem für Europa.» Für ein Land wie Frankreich lag die Gefahr im benachbarten, zunehmend militarisierten Deutschland. Zusammen mit Grossbritannien versuchten französische Politiker deshalb, Italien nicht an Deutschland zu verlieren. «Niemand war bereit, für Äthiopien in den Krieg zu ziehen. Und Mussolini war sich dessen bewusst», sagt Pedersen.
Italienische Truppen gingen brutal gegen die Zivilbevölkerung vor und setzten chemische Waffen im grossen Stil ein: Arsen, Phosgen und vor allem Senfgas. 300 Tonnen chemische Kampfstoffe sollen die italienischen Streitkräfte eingesetzt haben. «Der tödliche Regen, der aus dem Flugzeug fiel, liess alle, die er traf, vor Schmerz schreiend zu Boden sinken. Auch alle, die das vergiftete Wasser tranken oder die verseuchte Nahrung assen, erlagen schrecklichen Qualen», so schilderte Haile Selassie den Einsatz der verbotenen chemischen Waffen vor dem Völkerbund.
Italien begründete seine Invasion damit, «Zivilisation» nach Äthiopien zu bringen und gegen die im Land praktizierte Sklaverei vorzugehen. Das Vorgehen der Armee stand in scharfem Kontrast zu dieser Legitimation. «Für viele Humanitäre war das ein Moment der Desillusionierung», so Pedersen. «Sie verstanden erstmals, wie solche Argumente von Staaten des Völkerbundes benutzt wurden, um imperiale Ansprüche zu rechtfertigen.»
Eine Arena für die neue Diplomatie
Am 5. Mai nahmen italienische Truppen die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba ein; drei Tage zuvor war Haile Selassie ausser Landes geflüchtet. Am 9. Mai wurde der italienische König Viktor Emanuel III. zum «Kaiser von Abessinien» ausgerufen. Der Völkerbund dachte darüber nach, die Sanktionen gegen Italien vollständig fallen zu lassen. Vor diesem Hintergrund entschloss sich Haile Selassie, persönlich an der Vollversammlung des Völkerbundes in Genf zu sprechen, «um Zeugnis gegen das Verbrechen abzulegen, das an meinem Volk begangen wurde, und Europa vor dem Untergang zu warnen, der es erwartet, sollte es sich der vollendeten Tatsache beugen».
In seiner Rede kritisierte der Kaiser die fehlende Unterstützung durch den Völkerbund, in den er sein Vertrauen gesetzte habe. Und er versuchte, den Mitgliedern des Völkerbundes klarzumachen, dass es «nicht nur um die Beilegung der italienischen Aggression» gehe: «Es geht um die kollektive Sicherheit: Es geht um die Existenz des Völkerbundes selbst. Es geht um das Vertrauen, das jeder Staat in internationale Verträge setzt. […] Kurz: Es geht um die internationale Moral.»
Die Rede verhinderte nicht, dass der Völkerbund bald die Sanktionen gegen Italien aufhob. «Trotzdem war die Rede von Haile Selassie ein unglaublich wichtiger, symbolischer Moment», sagt Pedersen. Sie zeigte, wie sehr sich die Welt verändert hatte. «Dass Haile Selassie als schwarzes Staatsoberhaupt vor der Versammlung sprechen konnte, bewies den Anspruch des Völkerbundes auf die Gleichheit aller souveräner Staaten und war Ausdruck der globalen Öffentlichkeit, die das Gremium geschaffen hatte», sagt die Historikerin Isabella Löhr, Professorin am Friedrich-Meinecke-Institut in Berlin.
Der Völkerbund hatte sich dem Konzept der «Neuen Diplomatie» verpflichtet. In dieser sollten internationale Beziehungen öffentlich und transparent verhandelt werden – im Gegensatz zur vorher üblichen Geheim- und Konferenzdiplomatie. Erstmals gab es ein Forum, in dem Völkerrechtsverletzungen überhaupt vorgebracht werden konnten. Versammlungen wurden medial begleitet; Protokolle öffentlich gemacht. «Grossmachtpolitik musste nun legitimiert werden und die Öffentlichkeit sollte als Korrektiv wirken», sagt Löhr.
Das Schicksal Äthiopiens löste international eine Welle der Solidarität aus. Während des Krieges erreichten mehr als 6000 Briefe sowie zehntausende Postkarten und Telegramme das Sekretariat des Völkerbundes. Mit «Hände weg von Äthiopien» entstand eine der ersten globalen antikolonialen Bewegungen. In Ländern wie den USA, Jamaika und Südafrika gab es Solidaritätsaktionen für Äthiopien.
Fundament für die Vereinten Nationen
Wie ging es nach dem 30. Juni 1936 weiter? Haile Selassie wäre gerne in der Schweiz geblieben. Wie aus einem internen Schreiben aus dem Aussenministerium hervorgehtExterner Link, fragte er mehrmals um Erlaubnis, sich in Vevey niederzulassen, was die Schweiz ihm verwehrte, weil sie ihre guten Beziehungen zu Italien nicht aufs Spiel setzen wollteExterner Link. Er durfte nicht einmal in der Schweiz übernachten und musste nach seiner Rede in Genf direkt wieder ausreisen. Seine sechs Jahre im Exil verbrachte er in Grossbritannien.
Die italienischen Besatzer errichteten ein Terrorregime, zu dem auch Konzentrationslager gehörten, während äthiopische Truppen einen Guerillakrieg gegen die Besatzer führten. Britische und äthiopische Truppen befreiten Äthiopien als erstes Land vom Faschismus. Am 5. Mai 1941 konnte Haile Selassie wieder in Addis Abeba einziehen.
Der Völkerbund als Sicherheitssystem versank nach 1936 in der politischen Bedeutungslosigkeit. «Der Auftritt von Haile Selassie war der letzte Sargnagel auf diesem Weg», sagt Löhr. Sie betont jedoch, dass der Völkerbund nicht einfach als gescheitertes Projekt betrachtet werden dürfe. «Er bereitete die Grundlagen für die Vereinten Nationen und die Art und Weise, wie in der Nachkriegszeit internationale Politik öffentlich verhandelt und legitimiert wurde.» Viele der vom Völkerbund geschaffenen Institutionen waren Vorgänger heutiger UN-Organisationen.
Editiert von Benjamin von Wyl
Mehr
Unser Newsletter zur Aussenpolitik
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch