Angriffswellen gegen Taliban haben begonnen
26 Tage nach den Terrorangriffen haben die USA und Grossbritannien die angekündigte Militäraktion gegen die mutmasslichen Drahtzieher begonnen. Dabei wurden unter anderem der Flughafen von Kandahar und die Zentrale von Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar getroffen. Weitere Angriffe richteten sich gegen Ziele in der afghanischen Hauptstadt Kabul und im Grossraum der Stadt Dschalalabad. Über die bisherigen Schäden gibt es keine verlässlichen Angaben. Afghanischen Angaben zufolge soll es Tote gegeben haben. In der ganzen westlichen Welt sind die Sicherheits-Massnahmen in der Nacht massiv verstärkt worden.
Die Militäraktion der USA und Grossbritanniens wird nach Angaben des britischen Aussenministers Jack Straw «Wochen» dauern.
Die Aktion sei «sicherlich keine Angelegenheit von Tagen, es sei denn, ein spektakuläres Ereignis tritt ein», sagte Straw am Montagmorgen im britischen Rundfunksender BBC. Die Angriffe zielten auf «militärische und terroristische Ziele in Afghanistan», fügte Straw hinzu.
Der Angriff hatte am Sonntag gegen 18.45 Uhr (MESZ) begonnen. Laut US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld beteiligten sich 40 see- und landgestützte Flugzeuge an der Aktion, darunter B-2- Tarnkappenbomber und Langstreckenbomber vom Typ B-52. Auch 50 Tomahawk-Marschflugkörper seien von Schiffen aus abgefeuert worden. Beteiligt sind britische und amerikanische Kriegsschiffe wie U-Boote.
Unterschiedliche Angaben über Opfer und Schäden
Die USA und Grossbritannien haben in der Nacht auf Montag drei Angriffswellen gegen Afghanistan ausgeführt. Dabei wurden Luftabwehrstellungen und Radareinrichtungen in Kabul, Kandahar, Dschalalabad und anderen Städten attackiert. Laut Rumsfeld waren auch etwa 80 Kampfflugzeuge der Taliban Ziel der Angriffe.
Die USA machten keine Angaben über die Resultate der Operation. Sie bekräftigten aber, die Angriffe richteten sich nicht gegen die Bevölkerung, und warfen 37’000 Lebensmittelrationen für Flüchtlinge über Afghanistan ab. Der britische Aussenminister Jack Straw erklärte am Montagmorgen in London, die Angriffe hätten «erheblichen Schaden an den Zielen – nicht neben den Zielen» verursacht.
Nach Angaben der afghanischen Nachrichtenagentur sind mindestens 25 Menschen getötet worden. Zehn Menschen seien in der Nachbarschaft des Kabuler Flughafens getötet worden; zehn weitere in der Nähe der Gebäude des Taliban-Senders Radio Scharia in der Hauptstadt, berichtete die in Pakistan ansässige Agentur am Montag.
Fünf Mitglieder der Taliban seien auf dem Luftwaffenstützpunkt Schin Dand in der westafghanischen Provinz Farah an der Grenze zu Iran getötet worden.
Nach Angaben des Gouverneurs der Provinz Herat wurde bei den Angriffen auch ein Öllager nahe des Flughafens der Stadt Herat getroffen.
Gmäss verschiedenen Medienberichten sollen viele Zivilisten daran sein, aus der betroffenen Städten zu fliehen.
Offensive im Norden
Die afghanische Opposition hat von den US-Angriffen auf Ziele der Taliban profitiert und eine Offensive nördlich von Kabul gestartet.
Im Ort Tobdara waren am Montagmorgen Raketenabschüsse der oppositionellen Nordallianz zu hören. Artilleriefeuer erleuchtete den Himmel, wie ein Korrespondent der Nachrichtenagentur AFP berichtete.
Der Kommandant der Nordallianz, Abdul Kassim Fahim, habe der Infanterie den Befehl zum Angriff auf die Taliban-beherrschten Städte gegeben, sagte ein Sprecher. Die Oppositionstruppen versuchten, den Taliban nach allen Seiten den Weg abzuschneiden.
Bin Laden: «Heiliger Krieg» habe begonnen
Der mutmassliche Terroristenführer Osama Bin Laden sagte in einem wohl vor mehreren Tagen aufgenommenen Videoaufzeichnung, der Heilige Krieg gegen die Juden und Christen habe begonnen. Bin Laden erwähnte zwei Bedingungen, damit die USA Frieden hätten: Der palästinensische Konflikt müsse gelöst werden, und alle amerikanischen Truppen sollten von arabischem Boden abgezogen werden.
Bin Laden distanzierte sich in der Aufnahme in keiner Weise von den Attentaten auf New York.
Mullah Omar und Bin Laden sollen überlebt haben
Trotz der Angriffe auf Afghanistan wollen die Taliban Bin Laden nicht an die Vereinigten Staaten ausliefern. Das meldete die Taliban-nahe Nachrichtenagentur AIP am Sonntagabend in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad.
Taliban-Führer Mullah Omar und Bin Laden sollen die ersten Angriffe nach Angaben des Taliban-Botschafters in Pakistan überlebt haben. Botschafter Abdul Salam Saif verurteilte die Militäraktion im Namen der Taliban als «terroristischen Angriff».
Nicht ungeteilte Zustimmung in islamischer Welt
US-Präsident George W. Bush sagte in einer Fernseh-Ansprache, die Taliban bezahlten den Preis dafür, nicht auf die Forderungen der USA eingegangen zu sein. Ziel der Aktion sei es, das herrschende Regime zu vertreiben und die Schuldigen der Anschläge zur Verantwortung zu ziehen.
Die amerikanisch-britischen Angriffe auf Afghanistan sind bei den NATO-Verbündeten und auch bei den Atommächten Russland, China und Indien auf Zustimmung gestossen.
Gespalten reagierten die moslemischen Länder. Iran und Irak sprachen von einem Angriff auf den Islam, auch Malaysia protestierte. Saudi-Arabien, das die alliierte Streitmacht im Golfkrieg gegen Irak unterstützt hatte, schwieg zunächst.
Der pakistanische Militärmachthaber Pervez Musharraf hat sich hinter die US-Angriffe gegen die Taliban gestellt und zugleich Hilfe für die Menschen in Afghanistan gefordert.
In Pakistan kam es zu vereinzelten Protestkundgebungen, die zunächst aber friedlich blieben. In mehreren europäischen Städten gab es Antikriegsdemonstrationen mit eher geringer Beteiligung.
Support der Europäer
Die EU stellte sich hinter die USA. Deutschland und Frankreich kündigten an, sie würden ihren Beitrag an der Militäraktion leisten.
Frankreich und die USA verhandeln nach den Worten des französischen Verteidigungs-Ministers Alain Richard derzeit über die Art der Beteiligung an den Angriffen auf Afghanistan. Die Entscheidung werde in den nächsten Tagen fallen, erklärte Richard am Montag im Radio Europe-1.
Die Schweiz verfolgt die Lage laut Aussenminister Joseph Deiss aufmerksam. Der Bundesrat befürworte gezielte Schläge gegen den Terrorismus; die Zivilbevölkerung sei dabei zu schonen. Bundesrat Pascal Couchepin, der bei Beginn des Angriffs in Teheran weilte, sagte, die Menschen in Iran fühlten sich bedroht.
Sicherheitsmassnahmen verstärkt
Weltweit wurden die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. Verschärft wurden insbesondere die Bewachung der diplomatischen Vertretungen der NATO-Staaten, der Flughäfen und des Luftraums.
Auch die Schweiz hat nach den amerikanisch-britischen Angriffen ihre Sicherheits-Massnahmen zum Schutz ausländischer Vertretungen verschärft und ausgedehnt.
In den USA verhängte die Bundespolizei FBI für ihre Beamten die höchste Alarmstufe. New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani kündigte zusätzliche Kontrollposten an mehreren Zufahrtstrassen an.
swissinfo und Agenturen
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