Das IKRK und die Kriegstoten in Irak
Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) will die Suche nach den Toten und Vermissten im Irak-Konflikt so rasch wie möglich koordinieren.
Zu diesem Zweck fordert die humanitäre Organisation in Genf die Unterstützung der anglo-amerikanischen Kriegskoalition.
«Vorrang für uns hat das, was wegen dieses Kriegs geschehen ist,» sagte Nada Doumani, IKRK-Sprecherin in Bagdad.» Auch wolle man sicherstellen, dass die Toten identifiziert würden.
Massengräber
Laut Doumani strömen immer noch jeden Tag Hunderte von Menschen in die IKRK-Büros in der irakischen Hauptstadt, um Informationen auszutauschen, auch über Massengräber.
«Es ist schwierig für uns mit Zahlen zu operieren, aber wir vermuten, dass es innerhalb von Bagdad mindestens ein Dutzend Massengräber gibt; und vielleicht existieren nach den jüngsten Feindseligkeiten sogar noch mehr ausserhalb der Stadt.»
Nach Aussage eines IKRK-Sprechers in Genf, Florian Westphal, handelt es sich bei den Toten sowohl um zivile als auch militärische Opfer des Konflikts.
«Auf dem Höhepunkt der Gefechte hatten einige Spitäler in Bagdad keine andere Wahl, als die Toten in ihren eigenen Friedhöfen zu begraben,» sagte er gegenüber swissinfo. «Damit es leichter sei, sie zu identifizieren. In anderen Fällen wird es wesentlich umständlicher sein.»
Menschliche Überreste
Besonders besorgt ist das Internationale Komitee darüber, dass die ungeschützten Grabstätten geschändet werden und eine Identifizierung der Leichen erschwert oder verunmöglicht wird.
Der Versuch, jemanden in einem Massengrab zu identifizieren ist ein ausserordentlich komplexes Unterfangen und sehr qualvoll,» sagte Westphal.
«Es beunruhigt uns zudem, dass vielleicht Beweisspuren vernichtet oder entfernt worden sind oder dass Leichen an einem anderen Ort erneut – individuell – begraben werden, ohne dass ihre Identität feststeht.»
Doumani bestätigte, dass von ziviler Seite «sehr chaotisch» in den Gräbern herumgewühlt worden war, und dass das IKRK die Kriegskoalition um die nötigen Schutzmassnahmen für diese Stätten gebeten hatte.
Sie fügte bei, dass die Koalition ein Mitglied der Amerikanischen Ziviladministration in Irak damit beauftragt hat, sich um die menschlichen Überreste und die Vermissten, sowie um die so genannten versteckten Gefängnisse zu kümmern.
Im Rahmen der Genfer Konventionen, das Rückgrat der Internationalen Menschenrechts-Gesetzgebung, sind die Besatzungsmächte verpflichtet, menschliche Überreste zu schützen und für deren würdige Bestattung zu sorgen.
«Sobald der designierte Unterhändler sein Amt aufnimmt hoffe ich, dass die entsprechenden Massnahmen getroffen werden,» sagte Doumani.
Als vermisst gemeldete Personen
Laut Florian Westphal hat das IKRK die amerikanischen Truppen mit einer Reihe von Empfehlungen ausgerüstet, die kürzlich in Genf an einer internationalen Konferenz über Verschwundene in ausgearbeitet wurden.
«Diese Konferenz erzeugte eine Fülle von Informationen darüber, was in solchen Situationen zu tun ist; nicht nur von unserer Seite, sondern auch von einer Reihe von Fachleuten und von den Angehörigen von Vermissten in vielen Ländern,» präzisierte Westphal. «Also verwerten wir das jetzt in Irak.»
Das IKRK sei vor allem bemüht, die in jüngster Zeit in Irak begrabenen Toten zu identifizieren sowie die Gesuche von Angehörigen über vermisste Verwandte zu bearbeiten.
Doch gibt es im ganzen Land noch viele Grabstätten aus fast zwei Jahrzehnten früherer Konflikte. Zehntausende von Menschen sollen während des Iran-Irak-Kriegs der Achtziger Jahre verschwunden sein, und mindestens 1’500 Personen gelten seit dem letzten Golfkrieg von 1991 als vermisst.
Die Leichen in diesen älteren Gräbern werden laut Nada Doumani viel schwieriger zu identifizieren sein. «Um ehrlich zu sein glaube ich nicht, dass bereits alles aufgedeckt worden ist, und Irak ist nicht auf Bagdad beschränkt. So wissen wir nicht, was andernorts geschieht,» sagte Doumani gegenüber swissinfo.
Nach zwanzig Jahren sei es sehr schwierig, die Identität einer Leiche zu eruieren, ausser er oder sie trage einen Ausweis auf sich, was sehr unwahrscheinlich sei, sagte sie weiter.
Altes Regime
Da ist auch das ungelöste Problem des erzwungenen oder sonstwie unfreiwilligen Verschwindens vieler Menschen unter Saddam Hussein’s Regime.
«Wir stehen vor einer riesigen Aufgabe,» sagte Westphal, «und die Frage der Verschollenen stellt eine massive Herausforderung dar. Es gibt eine Menge Gesuche von Angehörigen dieser Leute.»
Laut Westphal gibt es Hinweise darauf, dass Menschen in Irak für lange Zeit ohne jede Verbindung zur Aussenwelt irgendwo festgehalten wurden, doch habe das IKRK diese Art von Information bisher nicht verifizieren können.
Irakische Regierungsdokumente, so Westphal, dürften Aufschluss darüber geben, wo diese Leute zu finden seien, so dass sie wieder mit ihren Familien zusammengeführt werden könnten.
«Bei der Suche nach den Vermissten ist es wichtig, dass alle mithelfen, auch Nicht-Regierungs-Organisationen und die Rotkreuz-Bewegung,» sagte der IKRK-Sprecher. «Wir müssen alle Daten zentralisieren, um gemeinsam, anstatt parallel zu operieren.»
Auch die irakische Bevölkerung werde bei der Suche nach Vermissten eine wichtige Rolle spielen, sagte Westphal weiter. Interviews mit Zivilisten in der Umgebung von Massengräbern könnten zum Beispiel der Aufklärung dienliche Hinweise liefern.
«Wir hoffen natürlich, dass in der jetzt veränderten politischen Lage Menschen, die vorher aus was auch immer für Gründen Angst hatten, sich nun melden und uns berichten, was sie wissen. Je mehr wir herausfinden,» so Westphal, «desto besser.»
swissinfo, Anna Nelson, Genf
(übertragen von Monika Lüthi)
Mehr als 1500 Personen werden nach dem ersten Golfkrieg immer noch vermisst.
70’000 Personen gelten nach dem Iran/Irak-Krieg der Achtziger Jahre noch als verschollen.
Eine Liste der Opfer des Saddam Hussein Regimes muss noch erstellt werden.
Das IKRK bittet die Besatzungsmächte in Irak, die Massengräber in Bagdad zu schützen.
Das IKRK will auch, dass die Leichen rasch identifiziert und die Vermissten gesucht werden.
Im Rahmen der Genfer Konventionen, dem Rückgrat der Internationalen Menschenrechts-Gesetzgebung, sind die Besatzungsmächte verpflichtet, menschliche Überreste zu schützen und deren würdige Bestattung zu veranlassen.
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch