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Wasserfälle am Matterhorn: ein aussergewöhnliches Naturphänomen

Regenfälle am Matterhorn
Am 25. Juni 2026 stürzen Regenwasserfälle die Nordwand des Matterhorns hinab. Harry Lauber / Facebook

Harry Laubers Bild vom Matterhorn ist viral gegangen. Er hat ein seltenes Ereignis eingefangen: Das Zusammenspiel aus Hitze und Regen liess Wasserfälle am Matterhorn entstehen. Wahrscheinlich war es nicht das letzte Mal.

Seine Bilder gingen viral: Sie zeigten das Matterhorn mit Wasserfällen, die von seinen senkrechten Felswänden herabstürzen. Festgehalten hat dieses Phänomen der 78-jährige Harry Lauber, ein Bergführer aus Zermatt.  

«Das Foto habe ich am 25. Juni 2026 von meinem Haus aus gemacht», erzählt der Bergführer Harry Lauber gegenüber RSI. «In Zermatt sind nur ein paar Regentropfen gefallen, aber über dem Gipfel des Matterhorns zog ein Gewitter auf.»

Das Phänomen, erklärt Lauber, hängt mit der besonderen Beschaffenheit des Berges zusammen. «Die warme Luft steigt an den steilen Wänden empor und begünstigt so die Entstehung lokaler Gewitter. Das Wasser fliesst dann an den Wänden hinunter und bildet diese Wasserfälle.» Fünf bis zehn Minuten soll es gedauert haben.

Für Lauber ist das Matterhorn ein Lebensbegleiter. Er ist in Zermatt aufgewachsen, und die Wurzeln seiner Familie im Dorf reichen bis ins Jahr 1650 zurück. Doch Wasserfälle am Matterhorn hat er bis jetzt nur ein anderes Mal beobachten können: «Im Jahr 2022.»

Wasserfälle am Matterhorn
Das Foto aus dem Jahr 2022. Harry Lauber / Facebook

Eine Kombination verschiedener Faktoren

Obwohl die Hitze der letzten Tage auch die höheren Lagen erfasst hat, sind diese Temperaturen keine Seltenheit mehr. «In den letzten Jahren sind positive Temperaturen in rund 5000 Metern Höhe immer häufiger geworden», sagt Luca Nisi, Meteorologe bei Meteoschweiz. «In den letzten drei Jahren lag die Nullgradgrenze jeden Sommer mindestens drei Tage lang über 5000 Metern. Der Rekordwert bleibt der von 2023Externer Link, als die Nullgradgrenze auf etwa 5300 Meter anstieg.» An dem Tag, an dem Harry Lauber die Wasserfälle fotografierte, lag die Nullgradgrenze hingegen bei etwa 4500 Metern.

Was dieses Ereignis so aussergewöhnlich machte, war also nicht die Hitze an sich, sondern das gleichzeitige Auftreten eines heftigen Gewitters. «Das Ereignis ist ziemlich selten, da es zwei Faktoren vereint: eine aussergewöhnlich warme Luftmasse und Gewitterniederschläge genau über den Alpenkämmen. In der Vergangenheit, bei einer tiefer liegenden Nullgradgrenze, hätte dieselbe Störung den Berg wahrscheinlich mit Schnee bedeckt, anstatt Regen zu bringen», sagt der Meteorologe.

An jenem Abend fielen entlang des Matterhorngrats beträchtliche Niederschlagsmengen: etwa 20 Millimeter auf dem Gipfel und bis zu 50 Millimeter auf dem Monte Rosso und dem Mont Charvin. An einer fast senkrechten Wand wie der des Matterhorns findet das Wasser keinen Untergrund, der es aufnehmen könnte. «Da es sich um nackten Fels handelt, fliesst der Regen sofort talwärts und lässt die beobachteten Wasserfälle entstehen.»

Laut Nisi könnten sich ähnliche Vorfälle wiederholen, sie werden jedoch nicht zu einem jährlichen Ereignis werden. «Hohe Temperaturen in den Höhenlagen treten mittlerweile immer häufiger auf. Viel seltener ist es jedoch, dass sie genau mit einem starken Gewitter am Berg zusammenfallen.»

Der brüchige Berg

Das beobachtete Ereignis ist weit mehr als nur ein spektakuläres Foto. Es ist eines der deutlichsten Beispiele dafür, wie der Klimawandel das Hochgebirge verändert.

Wenn Regen in so grossen Höhen fällt, sickert das Wasser in die Felsspalten ein und gelangt bis zum Permafrost, jener Boden- und Gesteinsschicht, die dauerhaft gefroren bleibt. Die vom Wasser transportierte Wärme beschleunigt dessen Auftauen und löst eine Kettenreaktion aus: Das Eis, das das Gestein zusammenhält, schmilzt, die Spalten weiten sich aus und das Wasser kann noch tiefer eindringen, wodurch der Prozess verstärkt wird. Das Ergebnis ist ein zunehmend instabiler Berg, der von Erdrutschen bedroht ist.

 «Wasser transportiert Wärme viel effektiver als Luft», erklärt Cristian Scapozza, Professor für angewandte Geomorphologie an der Fachhochschule der italienischen Schweiz (SUPSI) und Spezialist für die Erforschung von Permafrost und Felsgletschern.

«Man denke nur an ein Lebensmittel, das gerade aus dem Gefrierschrank genommen wurde: Lässt man es bei 25 Grad an der Luft liegen, dauert das Auftauen viel länger, als wenn man es unter einen Wasserstrahl mit 12 oder 13 Grad hält.» Genau aus diesem Grund geben Regenfälle in grossen Höhen Anlass zu besonderer Sorge.

Das Matterhorn steht im Fokus der wissenschaftlichen Forschung. Seit Jahren beobachten Forscher:innen des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) die Destabilisierungsprozesse des Berges, die mit dem Abbau des Permafrosts zusammenhängen. Eine der offensichtlichsten Folgen zeigte sich am 13. Juni 2023, als ein gewaltiger Felspfeiler einstürzte – glücklicherweise ohne Verletzte.

Auf die Bilder von Lauber angesprochen, mahnt Robert Kenner, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Forschungsinstituts, jedoch zur Vorsicht bei der Interpretation. «Es sind nicht einzelne Wetterereignisse, die den Permafrost beeinflussen, sondern langfristige Klimaveränderungen», betont er. Er fügt zudem hinzu, dass man beim Betrachten des Fotos nicht ausschliessen könne, dass ein Teil dessen, was wie herabfallendes Wasser aussieht, in Wirklichkeit Hagel sei, der durch das Gewitter über dem Matterhorn entstanden sei.

Mehr

Heute wagt sich im Sommer niemand mehr an die Nordwand heran. Die Klimaerwärmung hat die Route zunehmend instabiler gemacht, und das Auftauen des Permafrosts erhöht die Gefahr von Steinschlag – eine Gefahr, die Lauber am eigenen Leib erfahren hat. «Ich habe schon erlebt, wie Felsbrocken direkt vor mir herunterfielen. Das ist keine schöne Erfahrung.»

Die Veränderungen sind mittlerweile sogar mit blossem Auge sichtbar. «Dieses Jahr sehe ich die Wand zum ersten Mal komplett eisfrei. Bis vor einigen Jahren blieben selbst im Sommer noch mindestens zwei grosse Eisströme übrig. Jetzt ist nichts mehr da», so der Bergführer.

Übertragung aus dem Italienischen, überprüft von Janine Gloor.

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