Die Schweiz und Europa – ein Historiker räumt mit Mythen auf
Historiker Thomas Maissen über die EU, die Auslandschweizer und die SVP: Ein Gespräch über die Faktoren in der Debatte um die EU-Verträge.
In Lets‘ talk, dem politischen Podcast von Swissinfo, räumt Maissen gleich zu Beginn mit einem verbreiteten Denkfehler auf: Wer «Europa» und «Europäische Union» gleichsetzt, offenbare ein zutiefst schweizerische Abgrenzungsbedürfnis – denn die Schweiz sei Teil Europas.
Die Schweiz definiere sich seit Jahrhunderten über die Differenz zu ihren Nachbarn. «Schweizer sein heisst in erster Linie: Nicht Italiener, nicht Franzose, nicht Deutscher und schon gar nicht Österreicher sein. Denn sonst ist die gemeinsame Basis eigentlich sehr dünn», sagt Thomas Maissen. Für die Schweiz sei die Bildung des Nationalstaats stärker als bei anderen Ländern über eine solche politische Abgrenzung gelaufen.
«Die Abwehr von Brüssel schafft Identität»
Dies wirke bis heute nach. Noch immer spreche man gern vom Schweizer Sonderfall, und auch dies trage zur Schweizer Identität bei. «Der Konflikt mit aussen, also die Abwehr von Brüssel trägt dazu bei.» Denn in der Abgrenzung zu Europa könne die Schweiz sagen: «Wir sind doch eine ganz tolle Einheit im Innern.»
Dabei kenne die Schweiz tiefe Gräben: «Die inneren Differenzen sind sehr stark, werden aber überwölbt», so der Schweizer Historiker, der das Standardwerk «Geschichte der Schweiz» geschrieben hat.
Den Stadt-Land-Graben, der bei praktisch jeder Abstimmung über eine Öffnung der Schweiz aufbricht, sieht Maissen als ein strukturelles Merkmal der Schweiz – aber nicht als dominantes: «Bei jeder Abstimmung liegt der Graben irgendwo anders.»
«Die Schweiz funktioniert gut im Kleinteiligen»
Er sieht die inneren Gräben der Schweiz zudem als prägendes Element. «Diese Gegensätze zwischen Stadt und Land, aber auch zwischen den verschiedenen Sprachregionen und zwischen den Konfessionen machen aus, dass die Schweiz in diesem Kleinteiligen relativ gut funktioniert, weil man gemeinsam nach Lösungen sucht», erklärt Thomas Maissen in Let’s Talk.
Zur Neutralität urteilt er differenziert: Sie habe funktioniert – aber nie für sich allein. Neutralität sei für die Schweiz zwar ein Element der Sicherheitspolitk, aber immer nur die halbe Versicherung; die andere Hälfte liege bei den Grossmächten.
Die Tatsache, dass die Schweiz von den Weltkriegen verschont wurde, sei Glücksache gewesen. «Doch die Lektion war: Wir haben es richtig gemacht, wir waren neutral», erklärt Maissen die gängige Erzählung.
«Die schweizerische Hoffnung ist unrealistisch»
Damit sei das Abseitsstehen gleichsam zu einer Staatsdoktrin der Schweiz geworden. «Wir gehen davon aus, dass die Schweiz wie immer verschont werden wird, weil sie neutral ist. Das ist die schweizerische Hoffnung. Ich halte sie für unrealistisch», sagt er, und fügt an: «Wenn es Konfliktsituationen gibt, ist es gut, stark zu sein.»
Unmissverständlich ist Maissen beim Thema EU: Er befürwortet einen Beitritt. In einer multipolaren Welt, in der die USA unter Präsident Trump als verlässlicher Schutzschirm wegfalle, müsse Europa – und damit auch die Schweiz – einen starken gemeinsamen Pol bilden. «Die Schweiz ist militärisch und politisch sehr schwach», sagt er.
«Die Schweiz lehnte die Einigung Europas von Anfang an ab»
Maissens schärfstes Urteil trifft den Schweizer Selbstmythos: «Die Schweiz lebt von Voraussetzungen, die sie nicht selbst bezahlen will.» Den grössten Binnenmarkt der Welt zu nutzen, ohne zu dessen Stabilität beizutragen – das sei keine Leistung, sondern Trittbrettfahren.
Auch in der Schweizer Distanz gegenüber der europäischen Vereinigungsbemühungen sieht er eine historische Konstante. «Die europäische Integration als Friedensprojekt hat die Schweiz von Anfang an abgelehnt», sagt er. Bevor die europäische Integration auch nur im Geringsten politisch wurde, habe man sich distanziert. «Man sagte sich: Wir sind wir. Wir wollen Austausch, aber nur in wirtschaftlicher Hinsicht.»
Verständnis äussert Thomas Maissen für die Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer – er ist einer von ihnen. Von den rund 830’000 Schweizer leben mehr als die Hälfte in Europa. Ihr Schicksal hängt von den Schweizer Abkommen mit der EU ab. In Let’s talk kommt auch Daniel Hunziker zu Wort, der Direktor der Auslandschwizer-Organisation ASO.
Dieser sagt: «Heute profitieren die Schweizer im Ausland von einem Rahmen, der stabil ist.» Ihr grösstes Problem sei aber die Unsicherheit. Denn wenn die Personenfreizügigkeit zur Diskussion stehe, stellten sich plötzlich viele Fragen: «Wie lange kann ich an meinem Wohnort bleiben? Kann ich den neuen Job annehmen? Kann ich in mein Haus investieren?», gibt Hunziker Beispiele.
Thomas Maissen ist indes überzeugt, dass das Verhältnis zwischen Bern und Brüssel vorerst stabil bleibt. Er sagt: «Wir haben es mit fairen Partnern zu tun, die ein Interesse an Lösungen haben.»
Editiert von Samuel Jaberg
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