«Es geht um das Image der Schweiz»
Die Armee müsse sich an die Veränderungen im geopolitischen Umfeld anpassen, sagt Christophe Keckeis der erste Militärpilot an der Spitze des Generalstabs.
Der Chef der Schweizer Armee will dieser wieder zu ihrer Glaubwürdigkeit verhelfen, wie er im folgenden swissinfo-Gespräch sagt.
Generalstabschef Christophe Keckeis wird ab nächstem Jahr einziger Chef der Schweizer Armee sein. Ihm obliegt die schwierige Aufgabe, die grösste Armeereform seit dem Zweiten Weltkrieg zu einem guten Ende zu führen.
swissinfo: Was ist das Ziel des Reformprojekts Armee XXI?
Christophe Keckeis: Die Armee wird einen tiefgreifenden Wandel erfahren. Ihre gegenwärtige Struktur muss in eine modulare umgewandelt werden, die für spezifische Sicherheits-Missionen geeignet ist.
Diese Module bauen auf dem in der Armee in verschiedenen Bereichen vorhandenen Wissen auf, das es braucht, um diese Art von Missionen durchführen zu können.
Eine solche Mission war, als wir im Juni im Rahmen des G8 6000 Leute zur Verfügung stellten. Eine weitere hatten wir beim Weltwirtschaftsforum von Davos.
Welche Bedrohungen stellen sich Ihrer Ansicht nach der Schweiz und der Europäischen Union?
Es gibt viele Konflikte, ohne gleich von Krieg zu sprechen. Organisierte Kriminalität, Menschenhandel, Drogenhandel, Terroranschläge gehören heute zum Alltag.
Friedenserhaltung wird nötig, weil ungesunde Ungleichgewichte die Grundlagen für Konflikte schaffen.
Bisher war die Schweiz verwöhnt. Es fällt ihr schwer, zu akzeptieren, dass es Spannungen in der Welt gibt. Wir müssen ausserordentlich wachsam sein, um nicht vom Terrorismus eingeholt zu werden. Es geht um das Image der Schweiz.
Welche Missionen wird diese neue Armee zu erfüllen haben?
Auch ohne Krieg gibt es Krisensituationen, in denen Leistungen im Bereich Sicherheit erbracht werden müssen. Und die Armee muss auf solche Ereignisse, die es früher nicht gab, vorbereitet sein.
Diese neuen Sicherheitsaufgaben, die von der Politik bestimmt wurden, machen rund die Hälfte unser Arbeit aus. Die Grenzen müssen weiter überwacht, die Botschaften oder besonders exponierte Orte geschützt werden, wir bringen den Bauern Heu usw. …
Wir bewegen uns also in Richtung einer viel flexibleren Armee, die auf die Sicherheitsbedürfnisse eingeht. Kurz, eine Armee nahe bei den Leuten, die, so hoffe ich, an Glaubwürdigkeit gewinnt.
Müssten diese Aufgaben nicht von Privatanbietern erfüllt werden?
Die Verantwortung für die innere Sicherheit liegt beim Justiz- und Polizeidepartement. Lange Zeit wurden aus Spargründen die Personalbestände der Kantonspolizeien reduziert. Diese sind deshalb nicht mehr in der Lage, auf die Anforderungen einzugehen und die nötige Sicherheit zu gewährleisten.
Man versucht, diese Mängel auf politischer Ebene zu beheben, was zu hitzigen Diskussionen führt. Angesichts der personellen Überforderung von Polizei und Zoll ist die Armee das einzige funktionsfähige Reservoir.
Natürlich verkaufen auch Private Sicherheitsprodukte. Aber der Politik ist klar geworden, dass die Armee ein fantastisches Potenzial an Personal, Material und Instruktion bietet.
Aber aufgepasst, Armeeeinsätze sind immer subsidiär. Im Klartext: Die Verantwortung für den Einsatz bleibt bei der Polizei. Die Politik übernimmt die Verantwortung dafür, dass man diesen Organisationen bei Bedarf gewisse Leistungen der Armee zur Verfügung stellt.
Welche Lehren ziehen Sie aus dem Armeeeinsatz zur Gewährleistung der Sicherheit am G8-Gipfel im Juni?
Es handelte sich um eine ausserordentlich wichtige Erfahrung. Es war das erste Mal, dass wir eine internationale Mission zusammen mit anderen Ländern erfüllten. Mit dieser Zusammenarbeit konnten wir das Sicherheitskonzept in die Praxis umsetzen.
Wir stiessen auf Kompetenzprobleme: Wer ist für die Analyse der Situation und des Risikos verantwortlich, wer ist zuständig für das Fassen wichtiger Entscheide. Wir konnten auch ein Modul testen, denn an solchen Konferenzen muss genau diese Art Leistungen erbracht werden.
Wie erklären Sie, dass das Volk zwar an Volksabstimmungen für die Armee eintritt, aber weniger motiviert ist, wenn es um die Erfüllung der militärischen Pflicht geht?
Das macht mir zu schaffen. Meine Herausforderung besteht darin, die Instruktion zu verbessern, so dass die neu in die Armee Eintretenden sich wohler fühlen. Und dass sie realisieren, dass ihr Dienst nützlich ist.
Wir haben unsere Armee in 30 Jahren erschöpft. Heute bereiten wir keinen Krieg gegen Russland mehr vor, zu dem es zum Glück nie gekommen ist. Heute werden in den Wiederholungskursen die verschiedenen Sicherheitsmodule geübt.
Ein junger Mann, der während der Rekrutenschule lernt, für Sicherheit zu sorgen, und dies in seinem ersten Dienst in Davos in die Praxis umsetzt, versteht, dass er etwas Nützliches tut.
Sind Auslandeinsätze der Armee in ihrer neuen Form noch so wichtig wir bisher?
Wichtiger denn je. Da unsere Kräfte in den Führungsprozess des Generalstabs integriert sind, können sie besser beurteilen, was die anderen Armeen tun.
Die Armeeangehörigen lernen konkret, was Friedenserhaltung ist. Sie erfüllen Sicherheitsmissionen in einem kritischen Umfeld, in dem jede Bewegung grosse Folgen haben kann.
Soldat spielen in einer Kaserne ist einfach. Aber die Haltung des Soldaten ändert sich grundlegend, wenn auf ihn geschossen wird, während er seine Arbeit korrekt erledigt.
Der wichtigste Gewinn aber liegt anderswo. Würde es zum Beispiel gelingen, den Balkan zu stabilisieren, statt dass wir uns hierzulande mit den Folgen abgeben müssen, würde man das gleiche Resultat zu einem um 10 bis 20 Prozent tieferer Preis erreichen.
Die Schweiz muss sich im Ausland engagieren, damit die Probleme an der Quelle gelöst werden können.
swissinfo-Interview: Armando Mombelli und Jean-Didier Revoin
(Übertragen aus dem Französischen: Charlotte Egger)
Am 18. Mai 2003 sprach sich das Schweizer Volk an der Urne für die Armee XXI aus, das ehrgeizigste Reformprojekt seit je.
Die Personalbestände werden um einen Drittel, von 350’000 auf 200’000 Soldaten reduziert (einschliesslich 80’000 Reservisten).
Der obligatorische Militärdienst wird von 300 auf 260 Tage verkürzt.
Das Verteidigungsbudget liegt gegenwärtig bei 4,3 Mrd. Franken. Es sind Kürzungen von 300 Millionen vorgesehen.
2000 Arbeitsstellen werden bis 2011 aufgehoben.
1945: Christophe Keckeis kommt in Neuenburg auf die Welt.
1989: Der Berufsmilitär-Pilot kommt an die Spitze des Generalstabs der Luftwaffe.
2003: Ernennung an die Spitze des Generalstabs der Armee.
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