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Geiseln starben an Gas – Schweizer wohlauf

Andacht für die Opfer des Moskauer Geiseldramas. RTS

Bei der Befreiungsaktion im Moskauer Theater sind 117 Geiseln und 50 Geiselnehmer getötet worden. 115 Geiseln sind an dem bei der Befreiung eingesetzten Narkosegas gestorben.

Die fünf Schweizer oder Doppelbürger unter den Geiseln sind unversehrt.

Auch der Anführer der tschetschenischen Geiselnehmer, Mowsar Barajew, sei getötet worden. Das teilte der stellvertretende Innenminister Wladimir Wassiljew am Samstag an einer Medienkonferenz mit.

Als in der Nacht auf Samstag die tschetschenischen Geiselnehmer begannen, erste Geiseln zu erschiessen, stürmte ein Sondereinsatz-Kommando das Theater in Moskau. Laut Innenminister Wassiljew wurde bei der Aktion auch ein starkes Betäubungsgas eingesetzt.

Gas war Todesursache der Geiseln

Bis auf zwei sind alle 117 ums Leben gekommenen Geiseln in Moskau an dem bei der Befreiung eingesetzten Gas gestorben. Das teilten die Moskauer Gesundheitsbehörden am Sonntag mit.

Es habe sich um ein übliches Narkosegas gehandelt, das jedoch in Überdosis zu «Störungen der Körperfunktionen» wie Bewusstlosigkeit und Kreislaufversagen führen könne. Nur zwei Geiseln seien an Schussverletzungen erlegen, meldete die Agentur Interfax nach diesen Angaben.

Die Agentur zitierte den leitenden Arzt der Stadt Moskau, Andrej Selzowski mit den Worten, ausser zwei Geiseln seien alle an den Folgen des Gases, das die russischen Spezialeinheiten bei der Stürmung des Gebäudes eingesetzt hatten, gestorben.

Der Anästhesist Jewgeni Jewdokimow erklärte laut Interfax, die tödliche Wirkung des Gases sei durch den geschwächten Allgemeinzustand vieler Geiseln verstärkt worden, die 58 Stunden unter hohem Stress mit Durst und Hunger verbringen mussten.

Erst dementiert

Am Samstag hatte der stellvertretende Innenminister Wladimir Wassiljew noch erklärt, keines der damals gezählten 67 Opfer sei an dem Betäubungsgas gestorben.

Bis zum Sonntagabend waren nach Angaben der Agentur Interfax immer noch etwa 650 Ex-Geiseln in Moskauer Krankenhäusern in Behandlung, von denen 45 in Lebensgefahr schwebten.

Putin entschuldigt sich

Der russische Präsident Wladimir Putin hat die Befreiungsaktion begrüsst und sich bei den Angehörigen der Todesopfer entschuldigt. «Wir haben das fast unmögliche geschafft und das Leben hunderter Menschen gerettet», sagte Putin in einer kurzen Ansprache im Kreml.

«Wir haben bewiesen, dass Russland nicht in die Knie gezwungen werden kann.» Er wende sich mit seiner Rede hauptsächlich an die Hinterbliebenen der getöteten Geiseln. «Wir konnten nicht alle retten», erklärte Putin. «Vergeben Sie uns.»

Unzumutbare Situation beendet

Nach den Worten von UN-Generalsekretär Kofi Annan wurde mit der
gewaltsamen Geiselbefreiung eine «unzumutbare Situation» beendet. In
einer in New York veröffentlichten Erklärung sprach Annan zugleich
allen Angehörigen der Opfer sein tief empfundenes Beileid aus.

Er bezeichnete die Geiselnahme als «abscheulichen Akt des Terrorismus,
der unter keinen Umständen gerechtfertigt werden kann».

Unversehrt geblieben

Die Schweizer Botschaft in Moskau hat sich am Wochenende um fünf Ex-Geiseln gekümmert – drei Frauen, einen Mann und ein Mädchen. Die drei Frauen lagen am Wochenende noch immer in einem Moskauer Spital, sie sind aber nicht in Lebensgefahr.

Bei den Hospitalisierten handelt es sich um zwei Russinnen, die beim Schweizer Chemiekonzern Clariant arbeiten, und um eine Frau russischer Abstammung, die mit ihrer Familie im Kanton Freiburg lebt. Ihre zehnjährige Tochter wurde bereits am Freitag von den Geiselnehmern freigelassen.

Bei der fünften Geisel, handelt es sich um einen deutsch-schweizerischen Doppelbürger. Laut Manuel Sager, Sprecher des Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA), konnte er am Samstagabend nach Stuttgart heimreisen.

Schweiz äussert tiefes Bedauern

Die Schweiz hat «tiefes Bedauern» über die hohe Zahl von Todesopfern bei der Beendigung des Geiseldramas zum Ausdruck gebracht. Für einen Kommentar über die Art und Weise der Befreiungsaktion sei es aber noch zu früh.

Dies erklärte Muriel Berset Kohen, Sprecherin des Eidg. Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA), am Sonntag in Teheran.

Aussenminister Joseph Deiss, der sich zu einem zweitägigen Besuch im Iran aufhielt, drückte den Angehörigen der getöteten Menschen sein Beileid aus. Deiss zeigte sich zugleich erleichtert für all jene Geiseln, die das Drama überlebt haben.

IKRK schweigt

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) hat den Ausgang des Geiseldramas in Moskau nicht kommentiert. Pressesprecher Vincent Lusser sagte am Samstag lediglich, das IKRK sei seit Freitagabend nicht mehr ins Geschehen involviert gewesen.

Die Organisation hatte sich nicht direkt an den Verhandlungen mit den tschetschenischen Rebellen beteiligt. Seit Donnerstag morgen bemühte sich das IKRK aber um humanitäre Hilfe für die Geiseln, die unter dramatischen hygienischen Bedingungen gefangen gehalten wurden.

IKRK-Delegierte wurden mehrmals ins Theater eingelassen. Die Organisation half auch bei der Freilassung von Geiseln. Der Schweizer IKRK-Delegationschef in Moskau, Michel Minnig, hatte den Geiselnehmern zwei Listen mit den Namen aller ausländischen Geiseln und der Kinder übergeben.

Der ungelöste Konflikt

Am Mittwochabend hatte eine Gruppe von über 50 schwer bewaffneten tschetschenischen Kämpfern das Musical-Theater gestürmt und Hunderte von Menschen in ihre Gewalt gebracht.

Die Geiselnehmer forderten von der russischen Regierung die Beendigung des Krieges in der abtrünnigen Kaukasus-Republik Tschetschenien. Russland hat am Samstag bereits mit einer Grossoffensive in Tschetschenien reagiert.

swissinfo und Agenturen

Beim Geiseldrama werden mindestens 117 Geiseln und 50 Geiselnehmer getötet.
115 Geiseln sind nach Angaben der Moskauer Gesundheitsbehörden am eingesetzten Gas gestorben.
Rund 350 Menschen werden verletzt.
Unter den Toten befinden sich auch eine Frau aus den Niederlanden und eine Frau aus Österreich.
Die Geiselnahme hatte zweieinhalb Tage gedauert.

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