IKRK will so rasch als möglich nach Afghanistan zurück
Das IKRK sorgt sich um die Menschen in Afghanistan. Ein erster Lastwagen der Organisation traf mit medizinischen Gütern in Kabul ein. Eine gute Nachricht, doch hofft die Organisation vor allem, dass ihr internationales Personal rasch wieder nach Afghanistan zurückkehren darf.
Bis es soweit ist, bereitet sich das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) auf alle Möglichkeiten vor. Jean-Michel Monod, IKRK-Generaldelegierter für Asien, erklärte am Montag nach seiner Rückkehr aus Pakistan in Genf: «Die erzwungene Ausreise hat uns zu schaffen gemacht. Es war wirklich schwierig, denn seit 1987 hatten wir das Land nie verlassen müssen.»
Lokales Personal weiter aktiv
Nach den Anschlägen von New York und Washington hatten die in Afghanistan herrschenden Taliban alle ausländischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen aufgefordert, das Land zu verlassen.
Das IKRK ist mit seinen rund 1000 lokalen Angestellten zwar weiter in Afghanistan präsent. «Zum Glück», sagt Monod. Denn die Einheimischen setzten die wichtigsten Arbeiten fort.
Wegen des mangelnden Nachschubs – an medizinischen Gütern etwa – wird ihr Auftrag aber von Tag zu Tag schwieriger. Zudem mache sich das IKRK natürlich auch Sorgen um das einheimische Personal und dessen Sicherheit.
Sicherheits-Garantien erwartet
Das IKRK steht laut Monod in Verhandlungen mit den Taliban. Sobald wir den kleinsten Hinweis haben, dass die Rückkehr in Ordnung ist, kehren wir zurück.» Bisher erklärten die Taliban, sie könnten die Sicherheit des IKRK-Personals nicht garantieren.
Begründet wurde dies mit der Gefahr, die von ausländischen islamischen Militanten in Afghanistan ausgehe. Die USA werfen den Taliban vor, dass sie den Extremisten Osama Bin Laden beherbergen. Dieser ist nach Ansicht der USA der Hauptverdächtige für die Anschläge vom 11. September.
Gute Nachrichten – Sorge bleibt
Die Ankunft eines ersten IKRK-Lastwagens mit medizinischen Gütern zur Versorgung von Verletzten in Kabul sei immerhin eine gute Nachricht. Zu der Lieferung gehörten Verbandmaterial, Medikamente und Gips. So weit das IKRK wisse, sei es bisher auch nicht zu allzu grossen militärischen Gefechten gekommen.
Zudem scheine sich die Angst der Menschen vor einem militärischen Schlag der USA etwas gelegt zu haben, sagte Monod nach seiner Rückkehr aus Pakistan, von wo aus das IKRK vorläufig seine Afghanistan-Aktivitäten koordiniert.
«Die Angst vor dem was noch passieren könnte, bleibt allerdings gross», sagt Monod. Und verweist auf die Herausforderung, vor der das IKRK nun steht. Mit Blick auf eine mögliche militärische Invasion erarbeitet die Organisation nun verschiedene Hypothesen und bereitet sich auf alle Eventualitäten vor.
UNO in Nachbarstaaten – IKRK in Afghanistan
«Während unsere Kollegen von der UNO sich darauf vorbereiten, in Iran und Pakistan Massen von Flüchtlinge aufzunehmen, ist es die Aufgabe des IKRK, uns im Land selbst auf die humanitäre Hilfe zu konzentrieren», erklärt Monod. Und da man nicht wisse, wo es die grösste Not geben werde und in welcher Form, würden die Probleme unter den verschiedensten Blickwinkeln betrachtet.
Daher sind die mehreren Dutzend von internationalen Delegierten jetzt rund um Afghanistan verteilt. In Pakistan, aber auch in Iran, Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan bereiten sie sich auf ihre möglichen Einsätze vor.
Hungersnot, Gefängnisse und Minen
Für alle ist die Rückkehr nach Afghanistan zentral – und notwendig, vor allem im Ernährungsbereich. Seit vier Jahren leiden Teile Afghanistans unter einer schweren Dürre. In der Provinz Ghor etwa, im östlichen Teil des Landes, wollte das IKRK vor dem Wintereinbruch eine halbe Million Menschen versorgen.
Bis zur erzwungenen Abreise der Organisation aus Afghanistan konnte nur etwa die Hälfte dieser Menschen versorgt werden. Von den anderen hat das IKRK keine Nachrichten, ein Teil von ihnen befindet sich wahrscheinlich auf der Flucht.
Ebenfalls Sorge macht sich das IKRK um die Gefangenen. Bis zum Abzug besuchte die Organisation rund 5’000 Gefangene in Einrichtungen der Taliban aber auch der oppositionellen Nord-Allianz.
Dazu kommt, dass Afghanistan zu den am stärksten mit Minen verseuchten Ländern der Welt gehört. Das IKRK bemüht sich auch um die Minenopfer. Erneut sind die Menschen nun im ganzen Land auf der Flucht – auch auf verminten Strassen. Wieviele Menschen dabei ihr Leben oder ein Körperglied verlieren, wird wohl nie jemand wissen.
Bernard Weissbrodt und Agenturen
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