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Presseschau vom 20.08.2003

Zwei Themen prägen die Frontseiten der Schweizer Presse: Der Anschlag auf das UNO-Hauptquartier in Bagdad und das Geiseldrama in der Sahara.

Wie ein rotes Band zieht sich die Frage, ob ein Staat für die Freilassung von Geiseln Lösegeld zahlen darf, durch Kommentare und Berichte.

Die UNO im Fadenkreuz des Terrors, UNO im Visier: So der Tenor der Titel zum Anschlag in Bagdad, dem unter anderen der höchste UNO-Vertreter in Irak, Sergio Vieira de Mello, zum Opfer fiel.

Die Westschweizer LE TEMPS setzt ihren Kommentar unter den Titel:

«Logique du chaos – Logik des Chaos». Weit vom Weg zum Frieden entfernt sei die Lage in Irak in den letzten Wochen in eine ganz andere Dimension gerutscht. Das Massaker vom Dienstag zeige in aller Deutlichkeit, dass die USA mit ihrem fragwürdig motivierten Krieg gescheitert seien.

Es braucht die UNO

Eine politische Lösung könne nur mit Hilfe der UNO gefunden werden, ist der Kommentator überzeugt:

«Le massacre d’hier préciptera-t-il le retour dans le jeu des Nations unies? Pas certain. – Wird das Massaker von gestern dazu führen, dass die UNO nun wieder stärker ins Spiel kommt? Nicht sicher.»

In seiner Tragweite und mit dem tragischen Tod des UNO-Koordinators sei der Anschlag vom Dienstag noch folgenschwerer als jener auf die jordanische Botschaft vor rund zwei Wochen, schreibt der Berner BUND.

«Er ist eine politische Kampfansage im Sinne des Jihad – eine Kampfansage an alles Fremde in Irak.»

Neue Dimension

Die jüngste Serie von Anschlägen zeige deutlich, dass der bisherige Guerilla-Krieg eine neue Dimension erreicht habe.

«Er wandelte sich wie befürchtet zum Terrorkrieg und macht auch vor der UNO nicht mehr Halt, die unabhängig von den anglo-amerikanischen Besetzungstruppen vor allem auf dem Gebiet der humanitären Hilfe arbeitet.»

Für den Zürcher TAGES-ANZEIGER laufen die USA Gefahr, die Kontrolle über die Lage in Irak endgültig zu verlieren. Der Widerstand eskaliere. Der jüngste Anschlag gegen das UNO-Hauptquartier in Bagdad sei besonders perfid, denn die Weltorganisation leiste in Irak humanitäre und Wiederaufbau-Hilfe. Sergio Vieira de Mello, das prominenteste Opfer, habe noch am Vortag selber die US-Besatzung Iraks als demütigend und traumatisch kritisiert.

Der Anschlag sei: «Terror pur also, blindwütig und sinnlos.»

Die USA, schreibt der TAGI weiter, müssten zugeben, dass sie mit ihrer Mission gescheitert seien. Und sie müssten die UNO um Hilfe beten, denn nur eine breit abgestützte Friedensmission könne die Situation noch retten.

«Denn eines ist sicher: Die Terroristen – wer auch immer sie sind – haben keine Vorstellungen von einer friedlichen Zukunft für den Irak.»

Lösegeld-Zahlungen – wer wird zur Kasse gebeten?

Nach der Freilassung der Sahara-Geiseln, die offenbar nach der Zahlung eines Lösegelds erfolgte, wird in der Schweiz wie in Deutschland darüber gestritten, wie mit dieser Frage umzugehen sei. Und ob in solchen Fällen die betroffenen Ex-Geiseln einen Teil dieser Rechnung auf sich nehmen müssen.

Die NEUE LUZERNER ZEITUNG stellt ihren Kommentar denn auch unter den Titel: «Eine Frage der Verantwortung» und schreibt weiter:

«Der Schutz des Individuums ist eine der grossen Errungenschaften der freiheitlichen Demokratie. Deshalb setzt die Schweiz nur auf friedliche Verhandlungen.»

Das sei richtig so, auch wenn sich das Land damit vielleicht in Extremfällen auch erpressbar macht.

Die Frage der Verantwortung

Wer als Tourist diesen Grundsatz als Vollkasko-Versicherung auffasst und nach dem Motto «Bern wird’s im Notfall schon richten» in Risikoländer reise, handle verantwortungslos.

«Reisefreiheit ist zwar ein Grundrecht. Selbstgefährdung auf Kosten anderer ist aber ein Missbrauch dieses Rechts.»

Touristen, die bewusst ein Risiko eingingen, müssten daher auch damit rechnen, dass ihnen ein Teil der Kosten in Rechnung gestellt würden, die von der Allgemeinheit aufgebracht worden seien, schreibt die NLZ weiter.

Die BERNER ZEITUNG sieht die Kidnapper als Sieger. Es gebe zwar noch viele offene Fragen, doch gebe es kaum Zweifel, dass Lösegeld bezahlt worden sei. Dass sich nun in den betroffenen Ländern dazu Fragen stellten, dürfte den Geiselnehmern egal sein.

«Sie können sich – derzeit – als Sieger fühlen.»

Nun seien sie auch noch mit einem Koffer voller Banknoten verschwunden.

«Dies lässt befürchten, dass die Terrorgefahr alles andere als gebannt ist.»

Eine offene Rechnung nach dem Drama sieht auch die AARGAUER ZEITUNG. Und weist wie die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG darauf hin, dass das Aussenministerium grundsätzlich das Recht hat, Dienstleistungen des konsularischen Schutzes zu verrechnen.

«Die sinnvollste Messlatte dürfte wohl die Frage des Verschuldens sein. (…) Sind sie unverschuldet in Notlage geraten, müssen sie auch den Schutz ihres Staates beanspruchen können.»

swissinfo, Rita Emch

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