Taliban spielen auf Zeit – USA schmieden Allianz
Die USA haben den Druck auf Afghanistan am Dienstag weiter erhöht. Doch die Taliban zeigten sich unbeeindruckt: Sie verschoben den Entscheid über eine Auslieferung von Osama Bin Laden auf Mittwoch. Derweil konsultiert Washington die Europäer.
Der afghanische Bildungsminister Mullah Amir Chan Muttaki sagte, das Treffen von 1’000 Religionsgelehrten sei um 24 Stunden verschoben worden, weil noch nicht alle Delegierten eingetroffen seien. Eventuell werde es erforderlich sein, eine noch grössere Versammlung einzuberufen, um zu einem Konsens zu kommen.
Regierungschef Mullah Mohammed Hasan drohte den USA mit der Ausrufung eines Heiligen Krieges. Sollte Afghanistan angegriffen werden, würden die Afghanen einen «Dschihad» führen wie in den 80er Jahren gegen die Sowjetunion.
Afghanen flüchten aus den Städten
Das UNO-Flüchtlingshilfswerk warnte vor einem neuen Flüchtlingsdrama. Aus Furcht vor möglichen US-Vergeltungsschlägen hätten schon Zehntausende vor allem die Städte verlassen, teilte das UNHCR in Genf mit. Pakistan befürchtet einen Zustrom von Hunderttausenden afghanischer Flüchtlinge.
Pakistani reisen heim
Die Vermittlungs-Bemühungen des Nachbarlandes Pakistan blieben offenbar erfolglos. Eine hochrangige Delegation reiste nach mehreren Gesprächen mit den Taliban aus Afghanistan ab. Pläne für eine neue Reise gebe es nicht, teilte Pakistan mit.
In Pakistan haben Tausende von Menschen gegen einen möglichen Vergeltungsangriff der USA auf Afghanistan demonstriert. Der Zorn der pakistanischen Demonstranten richtete sich erstmals auch gegen Militärmachthaber Musharaf, den sie vor einer Zusammenarbeit mit Washington warnten. Zuvor hatte Pakistan den USA Unterstützung im Kampf gegen Terroristen und ihren mutmasslichen Anführer Osama Bin Laden zugesagt.
In Teheran haben dagegen am Dienstagabend tausende von Iranern und Iranerinnen öffentlich der Opfer der Terroranschläge in den USA gedacht – trotz eines offiziellen Verbots. Die Menschen versammelten sich mit brennenden Kerzen im Norden der Stadt und riefen «Tod den Terroristen» und «Tod den Taliban».
«Tot oder lebendig»
US-Präsident George W. Bush bekräftigte in Washington, er wolle Bin Laden «tot oder lebendig». Zugleich forderte er die Amerikaner auf, den Islam nicht pauschal mit Terrorismus gleichzusetzen.
Die US-Regierung hat mittlerweile alle Amerikaner aufgefordert, Pakistan möglichst zu verlassen oder nicht aufzusuchen. Nach den Terrorangriffen sei dort ihre Sicherheit nicht mehr gewährleistet, betonte das Aussenministerium in einer am Dienstag in Washington veröffentlichten Mitteilung. Es war der bisher klarste offizielle Hinweis auf mögliche militärische Massnahmen gegen Ziele im benachbarten Afghanistan.
USA formieren Bündnis
Die USA bemühten sich am Dienstag weiter um ein möglichst breites Bündnis für Vergeltungsangriffe. Als erstes westliches Staatsoberhaupt wurde Frankreichs Präsident Jacques Chirac in Washington erwartet. Am Mittwoch folgt Deutschlands Aussenminister Joschka Fischer, am Donnerstag der britische Premier Tony Blair. Am Freitag wollen sich die EU-Staats- und Regierungschefs in Brüssel zu einem Sondergipfel treffen.
Annan sichert Unterstützung zu
UNO-Generalsekretär Kofi Annan sagte nach einem Gespräch mit Aussenminister Colin Powell, die Vereinten Nationen seien bereit zum Kampf gegen den internationalen Terrorismus. Das weitere Vorgehen dürfe aber nicht zu einer Verschärfung des Nahost-Konflikts führen.
Die ägyptische Regierung und die Arabische Liga intensivierten ihre diplomatischen Kontakte, um US-Angriffe auf Ziele im Nahen Osten zu verhindern. Die arabischen Staaten wollen in Kairo über eine gemeinsame Strategie aller arabischen und islamischen Länder zur Bekämpfung des Terrorismus beraten.
Warnung vor neuen Anschlägen
Westliche Politiker warnten vor neuen Anschlägen. So sagte der britische Verteidigungsminister Geoff Hoon, Terroristen könnten künftig auch mit biologischen Waffen angreifen. Bisher habe man den Fanatismus der Täter unterschätzt.
US-Justizminister John Ashcroft ordnete an, dass zusätzliche bewaffnete Spezialbeamte US-Flugzeuge schützen. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld unterstrich, die USA wollten in ihrem Kampf gegen den internationalen Terrorismus «besonnen und standhaft» voranschreiten.
Opferzahl steigt weiter
Eine Woche nach den Terroranschlägen in New York und Washington stieg die Zahl der Toten und Vermissten auf mehr als 5’800. Allein in dem noch immer rauchenden Trümmerberg von New York werden über 5’400 Menschen vermisst.
Nur etwas mehr als 200 Tote wurden bislang geborgen. «Wenn wir einen lebend finden könnten – nur eine einzige Person – es wäre ein Wunder», sagte ein Feuerwehrmann.
Auch rund 100 Schweizer gelten als «nicht kontaktierbar». Das Aussenministerium in erhielt immerhin die Nachricht, dass zwei der sechs tot geglaubten Schweizer Staatsangehörigen wieder aufgetaucht sind. Die beiden Frauen hätten sich wegen des Schocks erst jetzt gemeldet.
In den USA befinden sich mittlerweile 75 Personen in Polizeigewahrsam. Am Dienstag hat das FBI vier Personen als so genannte unentbehrliche Zeugen festgenommen. Nach mehr als 190 weiteren Personen wird gefahndet.
Reaktionen der Notenbanken
Aus Sorge um die weltweite Konjunktur nach den Anschlägen und den erwarteten US-Vergeltungsschlägen senkten am Dienstag auch die japanische Notenbank, die Bank von England und die dänische Nationalbank ihre Zinsen. Am Vortag hatten dies bereits die US-Notenbank, die Europäische Zentralbank sowie die Notenbanken Kanadas, der Schweiz und Schwedens getan.
An den US-Börsen stabilisierten sich die Kurse am Dienstag nach drastischen Vortagesverlusten. Die Verkaufsstimmung an den europäischen Aktienmärkten dauerte jedoch an.
swissinfo und Agenturen
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