USA bereit zum Gegenschlag
Afghanistan will den mutmasslichen Terroristenführer Osama Bin Laden loswerden, aber nicht ausliefern. Das geht den USA zu wenig weit. Flugzeuge, Kriegsschiffe und Truppen sind unterwegs in den Persischen Golf. Bei einem Angriff auf Afghanistan droht eine Hungerkatastrophe. Der UNO-Hochkommissar für Flüchtlinge, Ruud Lubbers, hat die Nachbarländer Afghanistans aufgefordert, ihre Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen. Auf die humanitäre Krise müsse die internationale Gemeinschaft angemessen reagieren.
Die Versammlung der afghanischen Korangelehrten hat am Donnerstag die Auslieferung Bin Ladens abgelehnt. Die 1’000 «Ulema» forderten das Taliban-Regime nur auf, Bin Laden zur freiwilligen Ausreise zu drängen.
Bin Laden solle sich «wann immer möglich» ein neues Gastland suchen, empfahlen die Gelehrten. Zugleich kündigten sie einen «Heiligen Krieg» im Fall eines US-Angriffs an.
Bin Laden selber ist angeblich zu einer Gerichts-Verhandlung bereit. Das erklärte der stellvertretende Taliban-Botschafter in Pakistan, Suhail Schaheen. Bin Laden verlange aber, dass die USA Beweise für seine Verbindung zu den Anschlägen vorweisen könnten.
«Taten statt Worte»
Die USA reagierten unzufrieden. Es gehe nicht darum, dass Bin Laden von einem sicheren Hafen in den nächsten reise, teilte das Präsidialamt in Washington mit. Jetzt zählten Taten und nicht Worte.
Der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz liess durchblicken, dass das Militär auch Stellungen in anderen Ländern als in Afghanistan angreifen könne. Innerhalb der Regierung zeichne sich eine Spaltung in zwei Lager ab, berichtete die «New York Times». Eine Fraktion unter Wolfowitz befürworte auch einen Schlag gegen den Irak.
FAO warnt vor Hungerkatastrophe
Die Welternährungs-Organisation FAO hat für den Fall eines amerikanischen Angriffs vor einer Hungerkatastrophe in Afghanistan gewarnt. Sechs Millionen Menschen und damit ein Viertel der Bevölkerung seien bei einer Zuspitzung der Versorgungskrise extrem gefährdet, erklärte die UN-Organisation am Donnerstag in Rom.
Schon jetzt leide die Bevölkerung unter einer der schwersten Dürrezeiten der vergangenen Jahrzehnte und unter den Auswirkungen des jahrelangen Bürgerkriegs. Wenn die USA ihre Drohung einer Militäraktion wahr machten, sei mit einer zusätzlichen Belastung der kritischen Ernährungslage zu rechnen. Auch wären die innerhalb von Afghanistan vertriebenen Flüchtlinge, deren Zahl in den kommenden Monaten auf eine Million steigen werde, dann extremen Härten ausgesetzt, erklärte die FAO.
Aufmarsch im Golf
Die US-Armee erhielt unterdessen den Marschbefehl für die Anti-Terror-Aktion «Infinite Justice» («Grenzenlose Gerechtigkeit»). Über 100 Kampfjets sollen offenbar in die Golfregion verlegt werden.
So verliessen am Nachmittag zehn US-Kampfflugzeuge des Typs F15 den Stützpunkt Lakenheath in Suffolk (Grossbritannien). Die Maschinen waren mit Raketen bewaffnet. Der Flugzeugträger «Theodore Roosevelt» steuerte zusammen mit zehn weiteren Raketenträgern, Zerstörern und U-Booten das Mittelmeer an.
EU verschärft Kontrollen
Die EU wird mit schärferen Kontrollen, verstärktem Daten-Austausch und international besetzten Fahndergruppen gegen Terroristen vorgehen. Die Innen- und Justizminister der 15 EU-Staaten beschlossen einen Tag vor dem EU-Sondergipfel in Brüssel ein Bündel von Massnahmen gegen den Terror.
In New York sind Rettungsmannschaften bei ihrer unermüdlichen Suche nach Überlebenden auf «überraschend grosse Schlupflöcher» unter den Trümmern des World Trade Centers gestossen. Sie haben aber keine Überlebenden gefunden.
70 Schweizerinnen und Schweizer noch immer vermisst
Die Zahl der nicht kontaktierbaren Schweizer Staatsangehörigen ist von rund 90 auf 70 zurückgegangen. Bei 17 Personen befürchtet das Schweizer Aussenministerium (EDA) immer noch, dass sie den Anschlägen in den USA zum Opfer gefallen sind.
swissinfo und Agenturen
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