Washington bereitet Offensive gegen Terrorismus vor
Mit intensiven Beratungen und Truppen-Bewegungen bereiten sich die USA auf ihre angekündigte Offensive gegen den Terrorismus vor. Präsident George W. Bush setzte auf seinem Landsitz in Camp David Video-Konferenzen mit seinen Beratern an. Nach offiziellen Angaben hat Bush am Samstag mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin ein rund einstündiges Telefon-Gespräch geführt. Dabei ging es nach Angaben des Weissen Hauses um Strategien der Zusammenarbeit. In der Zwischenzeit wurden weitere Einheiten der US-Streitkräfte zum Persischen Golf beordert. Die EU bekräftigte ihre Solidarität mit den USA. In Afghanistan wächst die Angst vor einem Angriff der USA. Zehntausende von Menschen versuchen, aus dem Land zu fliehen.
In den USA laufen die Vorbereitungen für eine allfällige Militäraktion auf Hochtouren weiter. Von einem Luftwaffen-Stützpunkt in Louisiana starteten in der Nacht zum Samstag die ersten B-52-Langstreckenbomber. In Fernost verliess der Flugzeugträger «Kitty Hawk» seinen Stützpunkt in Japan.
Saudi-Arabien schert aus
Bei der Reaktion der USA auf die Terrorangriffe gehe es nicht um die Frage des «Ob», sondern des «Wann», sagte Senator Pat Roberts nach einem Treffen mit Ermittlern in Washington. Und Präsidenten-Sprecher Ari Fleischer erklärte: «Der Präsident hat es überaus deutlich gemacht, dass diese Nation sich auf einen Krieg vorbereitet.»
Die Türkei gestattete Transport-Flugzeugen der US-Luftwaffe mittlerweile die Nutzung des Luftraums und der Flughäfen des Landes für eine mögliche Vergeltungsaktion. Hingegen soll sich Saudi-Arabien dem Wunsch der USA widersetzen, in Saudi-Arabien eine Kommando-Zentrale für einen allfälligen Militärschlag einzurichten.
Bericht zu Bin Laden
Aus US-Regierungs-Kreisen verlautete, es werde an einem Bericht gearbeitet, der eine Verwicklung des mutmasslichen Terroristen-Führers Osama Bin Laden in die Anschläge in New York und Washington belegen soll. US-Aussenminister Colin Powell hatte zuvor bekräftigt, Washington habe genügend Beweise, Bin Laden vor ein US-Gericht zu stellen.
Zugleich sagte Powell, die USA würden bei einem allfälligen Vorgehen gegen Afghanistan die Zivilbevölkerung so weit irgendwie möglich schonen.
Bin Laden wird in Afghanistan vermutet, wo ihm die regierende Taliban-Miliz bisher Unterschlupf gewährte. Die USA haben Bin Laden als Hauptverdächtigen der Anschläge benannt und seine Auslieferung gefordert, was die Taliban am Freitag erneut ablehnten.
Unklarheit um Abschuss einer Drohne
Das Taliban-Regime meldete am Samstag den Abschuss eines unbemannten Flugzeugs im Norden des Landes. Der afghanische Botschafter in Pakistan, Abdul Salam Saif, erklärte, man versuche herauszufinden, welchem Land die Drohne gehöre. Das US-Verteidigungs-Ministerium lehnte jeden Kommentar ab.
Später meldeten usbekische Armeekreise, Aufklärungs-Maschinen der USA seien in Usbekistan gelandet, einem Nachbarstaat Afghanistans. Usbekistan unterstützt die bewaffnete Opposition Afghanistans, die gegen die Taliban kämpfen. Aus dem Norden Afghanistans wurden am Samstag auch schwere Kämpfe zwischen den Taliban und Oppositions-Kräften gemeldet.
Taliban verlieren weitere Unterstützung
Das Taliban-Regime steht immer isolierter da: Auch die Vereinigten Arabischen Emirate brachen mittlerweile die diplomatischen Beziehungen zu Afghanistan ab. Damit wird das Taliban-Regime nur noch von Pakistan und Saudi-Arabien als rechtmässige afghanische Regierung anerkannt.
In Afghanistan wächst derweil die Angst der Menschen vor einem Angriff der USA. Zehntausende versuchen, trotz der geschlossenen Grenzen das Land zu verlassen. Hilfsorganisationen befürchten eine Katastrophe für die Menschen in dem von 20 Jahren Krieg und einer anhaltenden Dürre geplagten Land.
EU will auch militärischen Beistand leisten
Die Europäische Union bekräftigte, sie stehe bei einem Gegenschlag der USA auch militärisch fest an der Seite der Regierung in Washington. In einer am Freitagabend auf dem Sondergipfel der EU-Staats- und Regierungschefs in Brüssel verabschiedeten Erklärung heisst es: «Die Europäische Union ist bereit, sich an derartigen Aktionen, die gezielt sein müssen, zu beteiligen.»
Details zu möglichen Plänen der einzelnen EU-Staaten wurden nicht bekannt. Die EU-Führer riefen auch zu einer «möglichst umfassenden globalen Koalition gegen den Terrorismus unter der Ägide der Vereinten Nationen auf».
Aufräumarbeiten gehen weiter
In New York gingen die Aufräumarbeiten weiter. Die Zahl der Toten und Vermissten durch die Anschläge in den USA ist nach Angaben der US-Behörden auf 6’818 gestiegen. Allein in den Trümmern der Twin Towers in New York werden bis zu 6’585 Tote befürchtet.
Mehr als 60 Staaten meldeten Vermisste. Die Zahl der nicht kontaktierbaren Schweizer Staatsangehörigen liegt bei 70. Bei 17 Personen muss nach Angaben des Schweizerischen Aussen-Ministeriums (EDA) befürchtet werden, dass sie den Anschlägen zum Opfer gefallen sind.
Die Auswertung des Stimmen-Rekorders der am 11. September in Pennsylvania abgestürzten Maschine nährt Spekulationen über einen Kampf an Bord. Die «New York Times» berichtete am Samstag unter Berufung auf Behördenvertreter, die Auswertung des Stimmen-Rekorders habe Kampfgeräusche und Schreie auf Arabisch und Englisch zu Tage gebracht.
Angst vor neuen Anschlägen – weitere Festnahmen
Sondereinheiten der britischen Polizei nahmen am Freitag in Zusammenhang mit den Anschlägen drei Männer und eine Frau in London und Birmingham fest. Auch im kanadischen Toronto wurde ein Mann verhaftet, der mit den Anschlägen in Verbindung stehen soll.
Auf der Fahndungsliste des FBI stehen die Namen von mehr als 20 mutmasslichen Terroristen, die sich wahrscheinlich noch in den USA aufhalten und bislang nicht gefunden wurden.
Die intensive Fahndung nach Komplizen und Hintermännern der Terroristen verstärkt in den USA die Sorge vor weiteren Anschlägen. In mehreren Flugzeugen wurden nach den Anschlägen am 11. September versteckte Teppichmesser gefunden, wie sie die Entführer verwendet hatten.
Das Bundes-Kriminalamt FBI hat zahlreiche Industriezweige nach der Analyse von Tausenden von Hinweisen vor möglichen Anschlägen gewarnt und zu erhöhter Wachsamkeit gemahnt.
swissinfo und Agenturen
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