Deutschland im Winter

Wenn Frau Holle und Väterchen Frost wollen, bleiben fast alle Lokomotiven der Deutschen Bahn angefroren. Keystone

Deutschland, wo der Bündner Autor Silvio Huonder seit 20 Jahren mit seiner Familie lebt, ist bei der Schneeräumung überfordert. Politiker könnten nicht mal zum Anschauungsunterricht in seine Heimat reisen, auch die Züge stehen still.

Dieser Inhalt wurde am 31. Dezember 2010 - 08:49 publiziert
Silvio Huonder

Der Winter hat das Land im Griff. Jeden Morgen müssen wir Schnee schaufeln, um den Feldweg bis zur Strasse für die Post befahrbar zu machen. Vor dem Haus türmen sich die Schneeberge, es ist kaum mehr Platz, die Autotüre zu öffnen.

Die kommunalen Ordnungsämter in unserer Brandenburger Wahlheimat sind mit dem Schnee völlig überfordert. Als Bündner entlockt mir das ein mitleidiges Lächeln.

Es sollten mal ein paar Politiker und Beamte nach Davos fahren und sich erkundigen, wie mit Schnee logistisch umzugehen ist. Dazu müssten sie aber erst einmal dort ankommen. Der deutsche Winter bietet sich als Reisezeit nicht besonders an. Querstehende Lastwagen auf den Autobahnen, stillgelegte Flughäfen und die annullierten Züge der Deutschen Bahn lassen das Wohnzimmer doppelt gemütlich erscheinen.

Besser zuhause bleiben

Unsere Nachbarn erzählen, die Reichsbahn in der DDR hätte vier Feinde gehabt: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Seit dem versuchten Börsengang trifft diese Bemerkung auch den Zustand der Deutschen Bahn ziemlich gut. Da ich jede zweite Woche mit der Bahn nach Biel ins Literaturinstitut fahre, gerät mein Unterrichtsalltag immer mal wieder aus dem Rhythmus.

Vor zwei Wochen stieg ich wie gewohnt um zehn Uhr abends am Berliner Hauptbahnhof in den City Night Line in Richtung Zürich. Dass der Nachtzug bei dem Winterwetter pünktlich losfuhr, hatte ich nicht wirklich erwartet, ich fand es sogar äusserst verwegen.

In Berlin Südkreuz blieb er dann auch gleich wieder stehen, und der Zugführer verkündete über Lautsprecher: Wer in Berlin einen Schlafplatz hat, sollte wieder aussteigen, wir werden vor morgen früh nicht mehr weiterfahren. Nachts um eins war ich wieder zuhause, dank eines Nachbarn, der um Mitternacht noch ans Telefon ging und mich mit dem Auto abholte.

Deutschland – unser Zuhause?

Zuhause bleiben ist in diesem Dezember sehr vernünftig. Einfach da bleiben. Definitiv in Deutschland bleiben? Thilo Sarrazin hat in diesem Jahr mit seinem Buch Deutschland schafft sich ab eine tiefgreifende Diskussion über Immigranten ausgelöst.

Wir Schweizer in Deutschland können uns natürlich einreden, dass wir nicht gemeint sind, wenn von mangelnder Integration die Rede ist. Wir können uns sagen, dass wir Schweizer die tüchtigsten, bravsten, erfolgreichsten Deutschen, die Schwaben, in Tüchtigkeit, Bravheit und Erfolg sogar noch übertreffen. Mit zwei mal zwei Hochschulabschlüssen und zwei Kindern auf bestem Weg zum Abitur würde unsere Familie den Bildungsdurchschnitt in Deutschland jedenfalls nicht senken und mindestens eine von Sarrazins Thesen aushebeln.

Ist Deutschland unser Zuhause? Fehlt da nicht etwas Wesentliches? Die Möglichkeit der Mitbestimmung zum Beispiel? Wir wollen es wissen und fahren trotz des anhaltenden Schneefalls zur Ausländerbehörde unseres Landkreises. Dort gibt es keine Sicherheitsvorkehrungen, keine Wartenummern, keine Schlangen von Eintrittswilligen wie in Berlin. Sondern ein leerer Flur, von dem offene Türen abgehen.

Schweizer sein – ein Privileg?

In einem der Zimmer sitzt eine Frau Kleinschmidt und winkt uns gleich hinein: "Na kommen Sie schon rein, was ich kann ich für Sie tun?" Auf unsere Frage nach den Bedingungen für die Einbürgerung unserer Familie, schüttelt sie ungläubig den Kopf: "Wozu wollen Sie als Schweizer denn Deutscher werden? Das verstehe ich nun wirklich nicht."

"Schweizer zu sein ist ein Privileg, zugegeben, auf das wir nicht verzichten möchten", sage ich, "aber zusätzlich Deutsche zu werden und damit EU-Bürger, das ist doch wünschenswert."

"Was soll denn daran wünschenswert sein?", fragt Frau Kleinschmidt ratlos. "Ich sag Ihnen mal was, auf die EU könnte ich ja getrost verzichten. Seien Sie doch froh, dass Sie als Schweizer nichts damit zu tun haben. Ich kann bei meiner Handarbeit die Maschen vor der Nase nicht mehr sehen. Und wieso nicht? Weil irgend ein bekloppter EU-Bürokrat die Glühbirnen verbietet. Das muss man sich mal vorstellen: Da ist einem in Brüssel langweilig, er schafft eine neue Verordnung und wir haben statt Glühbirnen nur noch diese bescheuerten Energiesparlampen. Vorstellen muss man sich dit mal!", ruft sie ehrlich empört.

"Energiesparlampen müssen auf den Sondermüll! Das pure Gift! Und ich werde mir im Dunkeln auf der Kellertreppe noch das Genick brechen. Bis die Lampe hell geworden ist, bin ich entweder tot oder bereits wieder oben. Und meinem Mann geht es genauso", sagt Frau Kleinschmidt, "der malt nämlich und sieht dabei genau so wenig wie ich beim Häkeln. Ne, ne, seien Sie doch froh, dass Sie mit der EU nichts zu tun haben."

Schweizer, Deutscher & EU-Bürger

Auch auf der Fahrt zum Einbürgerungstest in die Volkshochschule herrscht dichtes Schneetreiben. Ich lasse mir die Einwände von Frau Kleinschmidt durch den Kopf gehen. Natürlich fallen mir auch ein paar fragwürdige Aspekte der EU-Zugehörigkeit ein.

Der bevorstehende Ratsvorsitz von Ungarn, das mit seinem neuen Mediengesetz in vordemokratische, stalinistische Zeiten zurückfällt. Die politische Seifenoper in Italien, wo sich ein peinlicher Ministerpräsident den Verbleib im Amt erkaufen kann. Will man zu einer solchen Union gehören?

Das Heck unseres Wagens bricht auf dem Eis zur Seite aus, und ich denke: So ist das Leben, wir sollten uns nicht besser wähnen als der Rest der Welt.  Und wenn wir bei den nächsten Europawahlen mitbestimmen dürfen, warum nicht?

Beim Einbürgerungstest sitzen zwei Kenianer und eine Frau aus Kamerun neben uns. Ein höflicher Mann im grauen Sakko reicht uns die Formulare. Für die Beantwortung der 33 Fragen haben wir eine Stunde Zeit, 17 davon müssen richtig beantwortet sein.

Die Frau aus Kamerun ist nach acht Minuten bereits fertig und darf gehen. Ich habe mich ebenfalls beeilt, werde aber nur Zweiter. Meine Frau, gründlich wie immer, braucht etwas länger. Dafür hat sie alle 33 Fragen richtig beantwortet, ich nur 32. Den Test habe ich trotzdem bestanden. Unser Ziel ist damit etwas näher gerückt: Schweizer zu sein und gleichzeitig Deutsche und damit EU-Bürger.

Die Bearbeitung des Antrags wird etwa neun Monate dauern, hat uns Frau Kleinschmidt gewarnt. Abwarten also - und Schnee schaufeln.

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Der Autor

Silvio Huonder, in Chur geboren, lebt seit 20 Jahren als Autor und Dozent mit seiner Familie in der Nähe von Potsdam.

Zuletzt erschienen ist von ihm der Roman Dicht am Wasser (Nagel & Kimche 2009).

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