Offener Brief an Bund: Forschende kritisieren mangelnde Unterstützung für Geistes- und Sozialwissenschaften
Die Schweizer Wissenschaftswelt ist beunruhigt. Keiner der vom Bund finanzierten Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) stammt aus den Geistes- und Sozialwissenschaften. In einem offenen Brief, der am 23. Februar an das Departement von Guy Parmelin geschickt wurde, prangern Wissenschaftler:innen eine chronische mangelnde Unterstützung an.
Ende Januar wurden sechs neue Nationale ForschungsschwerpunkteExterner Link vom Eidgenössischen Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung ausgewählt. Keiner stammt aus den Geistes- und Sozialwissenschaften. Ein Projekt war zwar in der ursprünglichen wissenschaftlichen Auswahl des Schweizerischen Nationalfonds enthalten, wurde aber bei der politischen Entscheidung auf Departementsebene ausgeschlossen. Die Unterzeichnenden fragen sich warum. Das Thema des Projekts? Gewalt gegen Frauen und Gesundheit aus einer Geschlechterperspektive.
Das Thema in der Sendung La Matinale von RTS (auf Französisch):
Janine Dahinden ist eine der Forscherinnen des Projekts und Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Geschlechterforschung. «Wenn es ein Projekt gibt, das wissenschaftliche Exzellenz hat und nicht finanziert wird, stellt man sich natürlich solche Fragen. Umso mehr im aktuellen Klima», sagt sie. «Wie kann man die akademische Freiheit aufrechterhalten? Wie kann man an Geschlechterfragen arbeiten? Also ja, es gibt Befürchtungen, weil wir keine Transparenz haben».
Das Projekt war nämlich vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) ausgewählt worden, der Projekte auf der Grundlage wissenschaftlicher Kriterien vorschlägt.
Sorge um die Vernachlässigung der Geistes- und Sozialwissenschaften in Bern: Debatte zwischen Janine Dahinden und Nicolas Kolly in der Sendung Forum von RTS (auf Französisch):
Chronische Unterfinanzierung
Über den Einzelfall hinaus prangern die Unterzeichnenden eine chronische Unterfinanzierung der Geistes- und Sozialwissenschaften an. Dario Spini, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Lausanne, hat selbst einen dieser Forschungsschwerpunkte geleitet. Für ihn liegt das Problem im Eindruck vieler Menschen, diese Themen bereits zu kennen.
«Wenn man in den Geistes- und Sozialwissenschaften von Armut spricht, hat jeder schon eine Vorstellung von Armut», erklärt Dario Spini. «Wenn man hingegen in den Naturwissenschaften von einem Molekül spricht und ihm einen absolut unverständlichen Namen gibt, wird jeder denken, dass es Wissenschaft ist».
Eine notwendigerweise politische Dimension, die stört
Ein weiterer Grund für die mangelnde Wertschätzung ist laut Spini die stärker politische Tragweite der Themen, mit denen sich die Geistes- und Sozialwissenschaften befassen. «Die Themen, die die Geistes- und Sozialwissenschaften behandeln, werden stärker als ‚politisch‘ angesehen, da wir oft von sozialer Gerechtigkeit, von Ungleichheiten handeln.» Solche Problematiken hätten grössere Konsequenzen, «wenn eine politische Entscheidung zu treffen ist», so der Forscher.
Die Unterzeichnenden fordern daher eine klare Erklärung seitens der Behörden. Es geht um den Platz der Geistes- und Sozialwissenschaften in der Schweizer Forschung und ihre Rolle angesichts demokratischer und gesellschaftlicher Herausforderungen.
Gemäss einer Mitteilung des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI)Externer Link, das anerkennt, dass keines der ausgewählten Programme aus den Geistes- und Sozialwissenschaften stammt, hat das Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung beschlossen, Mittel für ein zusätzliches Programm zu reservieren. Zudem soll in diesem Bereich ein kompetitives Auswahlverfahren lanciert werden, um die wissenschaftliche Vielfalt zu stärken. Weitere Informationen werden im Sommer 2026 folgen.
Übertragung aus dem Französischen mithilfe von Deepl: Janine Gloor
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